Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

zu Bett lege, so kommt es darauf an, daß ich schlafe. Birkenmaser oder Nuß­baum macht keinen Unterschied, aber Schlaf oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der Schlaf, der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen läßt . . . Und auch die Kinder wären anders. Wenn ich die Corinna ansehe, das sprüht Alles von Lust und Leben, und wenn sie bloß so macht, so steckt sie meine beiden Jungen in die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit Leopold ist gar nichts."

Jenny, während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte, trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße. Drüben, im Hause gegenüber, hoch oben in der offenen Mansarde, stand, wie ein Schatten­riß in Hellem Licht, eine Plätterin, die mit sicherer Hand über das Plättbrett hinfuhr ja, es war ihr, als höre sie das Mädchen singen. Der Commerzien­räthin Auge mochte von dem anmuthigen Bilde nicht lassen, und etwas wie Wirklicher Neid überkam sie.

Sie sah erst fort, als sie bemerkte, daß hinter ihr die Thür ging. Es war Friedrich, der den Thee brachte.Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen Sie Fräulein Honig, es wäre nicht nöthig."

Sehr Wohl, Frau Commerzienräthin. Aber hier ist ein Brief."

Ein Brief?" fuhr die Räthin heraus.Von wem?"

Vom jungen Herrn."

Von Leopold?"

Ja, Frau Commerzienräthin . . . Und es wäre Antwort ..."

Brief .. . Antwort... Er ist nicht recht gescheidt," und die Commerzien­räthin riß das Couvert auf und überflog den Inhalt.Liebe Mama! Wenn es Dir irgend paßt, ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben. Laß mich durch Friedrich wissen, ja oder nein- Dein Leopold."

Jenny war derart betroffen, daß ihre sentimentalen Anwandlungen auf der Stelle hinschwanden. So viel stand fest, daß das Alles nur etwas sehr Fatales bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte:Sagen Sie Leopold, daß ich ihn erwarte."

Das Zimmer Leopold's lag über dem ihrigen; sie hörte deutlich, daß er rasch hin und her ging, und ein paar Schubkästen, mit einer ihm sonst nicht eigenen Lautheit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht Alles täuschte, ver­nahm sie seinen Schritt auf der Treppe.

Sie hatte recht gehört, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch in der Nähe des Fensters) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten, um ihr die Hand zu küssen; der Blick aber, mit dem sie ihm begegnete, hatte etwas so Abwehrendes, daß er stehen blieb und sich verbeugte.

Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt Zehn, also nachtschlafende Zeit, und da schreibst Du mir ein Billet und willst mich sprechen. Es ist mir neu, daß Du 'was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis morgen früh duldet. Was Haft Du vor? Was willst Du?"

Mich verheirathen, Mutter. Ich habe mich verlobt."

Die Commerzienräthin fuhr zurück, und ein Glück war es, daß das Fenster, an dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet.