Frau Jenny Treidel.
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über eine Verlobung über ihren Kopf weg, das war doch mehr als sie gefürchtet. War es eine der Felgentreu's? Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand; er, der Alte, war Lageraufseher in einem großen Ledergeschäft gewesen und hatte schließlich die hübsche Wirth- schaftsmamsell des Principals, eines mit feiner weiblichen Umgebung oft wechselnden Wittwers, geheirathet. So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren Augen viel zu wünschen übrig. Aber verglichen mit den Munks, war es noch lange das Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: „Elfriede oder Blanca?"
„Keine von beiden."
„Also . . ."
„Corinna."
Das War zu viel. Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken, und sie wäre, Angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell Herzuspringende nicht aufgefangen hätte. Sie war nicht leicht zu halten und noch weniger leicht zu tragen; aber der arme Leopold, den die ganze Situation über sich selbst hinaus hob, bewährte sich auch physisch und trug die Mama bis ans Sopha. Danach wollte er auf den Knopf der elektrischen Klingel drücken, Jenny War aber, wie die meisten ohnmächtigen Frauen, doch nicht ohnmächtig genug, um nicht genau zu wissen, was um sie her vorging, und so faßte sie denn seine Hand, zum Zeichen, daß das Klingeln zu unterbleiben habe.
Sie erholte sich auch rasch wieder, griff nach dem vor ihr stehenden Flacon mit Kölnischem Wasser und sagte, nachdem sie sich die Stirn damit betupft hatte: „Also mit Corinna."
„Ja, Mutter."
„Und Alles nicht bloß zum Spaß. Sondern um euch wirklich zu heirathen."
„Ja, Mutter."
„Und hier in Berlin und in der Luisenstädtschen Kirche, darin Dein guter, braver Vater und ich getraut wurden?"
„Ja, Mutter."
„Ja, Mutter, und immer wieder ja, Mutter. Es klingt, als ob Du nach Commando sprächst, und als ob Dir Corinna gesagt hätte, sage nur immer: Ja, Mutter. Nun, Leopold, wenn es so ist, so können wir beide unsere Rollen rasch auswendig lernen. Du sagst in einem fort ,ja, Mutter', und ich sage in einem fort ,nein, Leopold'. Und dann wollen wir sehen, was länger vorhält. Dein ,Ja' oder mein Mein'."
„Ich finde, daß Du es Dir etwas leicht machst, Mama."
„Nicht, daß ich wüßte. Wenn es aber so sein sollte, so bin ich bloß Deine gelehrige Schülerin. Jedenfalls ist es ein Operiren ohne Umschweife, wenn ein Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg erklärt: ,Jch habe mich verlobt'. So geht das nicht in guten Häusern. Das mag beim Theater so sein oder vielleicht auch bei Kunst und Wissenschaft, worin die kluge Corinna ja groß gezogen ist, und Einige sagen sogar, daß sie dem Alten die Hefte corrigirt. Aber wie dem auch sein möge, bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen, meinetwegen, und wenn sie den alten Professor, ihren Vater (übrigens ein Ehrenmann) auch
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