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Deutsche Rundschau.
ihrerseits mit einem ,ich habe mich verlobt' überrascht haben sollte, nun, so mass der sich sreuen; er hat auch Grund dazu, denn die Treibel's wachsen nicht auf den Bäumen und können nicht von Jedem, der vorbeigeht, heruntergeschüttelt werden. Aber ich, ich freue mich nicht und verbiete Dir diese Verlobung. Du hast wieder gezeigt, wie ganz unreif Du bist, ja, daß ich es ausspreche, Leopold, wie knabenhaft."
„Liebe Mama, wenn Du mich etwas mehr schonen könntest . . ."
„Schonen? Hast Du mich geschont, als Du Dich aus diesen Unsinn einließest? Du hast Dich verlobt, sagst Du. Wem willst Du das weiß machen? Sie hat sich verlobt, und Du bist bloß verlobt worden. Sie spielt mit Dir, und anstatt Dir das zu verbitten, küßest Du ihr die Hand und läßest Dich einfangen wie die Gimpel. Nun, ich Hab' es nicht hindern können, aber das Weitere, das kann ich hindern und werde es hindern. Verlobt euch so viel ihr wollt, aber wenn ich bitten darf, im Verschwiegenen und Verborgenen; an ein Heraustreten damit ist nicht zu denken. Anzeigen erfolgen nicht, und wenn Du Deinerseits Anzeigen machen willst, so magst Du die Gratulationen in einem Hotel garni in Empfang nehmen. In meinem Hause nicht. In meinem Hause existirt keine Verlobung und keine Corinna. Damit ist es vorbei. Das alte Lied vom Undank erfahr' ich nun an mir selbst und muß erkennen, daß man unklug daran thut, Personen zu verwöhnen und gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen. Und mit Dir steht es nicht besser. Auch Du hättest mir diesen Gram ersparen können und diesen Skandal. Daß Du verführt bist, entschuldigt Dich nur halb. Und nun kennst Du meinen Willen, und ich darf Wohl sagen, auch Deines Vaters Willen, denn so viel Thorheiten er begeht, in den Fragen, wo die Ehre seines Hauses aus dem Spiele steht, ist Verlaß auf ihn. Und nun geh', Leopold, und schlafe, wenn Du schlafen kannst. Ein gut Gewissen ist ein gutes Ruhekissen ..."
Leopold biß sich aus die Lippen und lächelte verbittert vor sich hin.
„. . . Und bei dem, was Du vielleicht vor hast — denn Du lächelst und stehst so trotzig da, wie ich Dich noch gar nicht gesehen habe, Was auch bloß der fremde Geist und Einstuß ist — bei dem, was Du vielleicht vor hast, Leopold, vergiß nicht, daß der Segen der Eltern den Kindern Häuser baut. Wenn ich Dir rathen kann, sei klug und bringe Dich nicht um einer gefährlichen Person und einer flüchtigen Laune willen um die Fundamente, die das Leben tragen, und ohne die es kein rechtes Glück gibt."
Leopold, der sich, zu seinem eigenen Erstaunen, all' die Zeit über durchaus nicht niedergeschmettert gefühlt hatte, schien einen Augenblick antworten zu wollen; ein Blick auf die Mutter aber, deren Erregung, während sie sprach, nur immernoch gewachsen War, ließ ihn erkennen, daß jedes Wort die Schwierigkeit der Lage bloß steigern würde; so verbeugte er sich denn ruhig und verließ das Zimmer.
Er war kaum hinaus, als sich die Commerzienräthin von ihrem Sophaplatz erhob und über den Teppich hin aus- und abzugehen begann. Jedesmal, wenn sie wieder in die Nähe des Fensters kam, blieb sie stehen und sah nach der Mansarde und der immer noch in vollem Lichte dastehenden Plätterin hinüber,