Issue 
(1892) 71
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Frau Jenny Treidel.

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Situation, lieber Onkel. Natürlich kann rnan's auch anders machen; ich bin für mein Theil indessen herzlich froh, daß ich nicht zu den Feierlichen gehöre. Respekt vor dem Ehrenpunkt, gewiß; aber zuviel davon ist vielleicht überall vom Nebel und in der Liebe nun schon ganz gewiß."

Bravo, Marcell. Hab' es übrigens nicht anders erwartet und seh' auch darin wieder, daß Du meiner leiblichen Schwester Sohn bist. Sieh, das ist das Schmidt'sche in Dir, daß Du so sprechen kannst; keine Kleinlichkeit, keine Eitel­keit, immer aufs Rechte, und immer aufs Ganze. Komm' her, Junge , gib mir einen Kuß. Einer ist eigentlich zu wenig, denn wenn ich bedenke,^ daß Du mein Neffe und College, und nun bald auch mein Schwiegersohn bist, denn Corinna wird doch Wohl nicht Nein sagen, dann sind auch zwei Backenküsse kaum noch genug. Und die Genugtuung sollst Du haben, Marcell, Corinna muß an Dich schreiben, und so zu sagen beichten und Vergebung der Sünden bei Dir anrufen."

Um Gotteswillen, Onkel, mache nur nicht so 'was. Zunächst wird sie's nicht thun, und wenn sie's thun wollte, so würd' ich doch das nicht mit an- seh'n können. Die Juden, so hat mir Friedeberg erst ganz vor Kurzem erzählt, haben ein Gesetz oder einen Spruch, wonach es als ganz besonders strafwürdig gilt, ,einen Mitmenschen zu beschämen', und ich finde, das ist ein colossal feines Gesetz und beinah' schon christlich. Und wenn man Niemanden beschämen soll, nicht einmal seine Feinde, ja, lieber Onkel, wie käm' ich dann dazu, meine liebe Cousine Corinna beschämen zu wollen, die vielleicht schon nicht weiß, wo sie vor Verlegenheit Hinsehen soll- Denn wenn die Nicht-Verlegenen 'mal verlegen werden, dann werden sie's auch ordentlich, und ist einer in solch' peinlicher Lage wie Corinna, da hat man die Pflicht, ihm goldne Brücken zu bau'n. I ch werde schreiben, lieber Onkel."

Bist ein guter Kerl, Marcell; komm' her, noch einen. Aber sei nicht zu gut, das können die Weiber nicht vertragen, nicht einmal die Schmolle."

Sechzehntes Capitel.

Und Marcell schrieb wirklich, und am andern Morgen lagen zwei an Corinna adressirte Briefe auf dem Frühstückstisch, einer in kleinem Format mit einem Landschaftsbildchen in der linken Ecke, Teich und Trauerweide, worin Leopold, zum ach, wie vielsten Male, von seinemunerschütterlichen Entschlüsse" sprach, der andere, ohne malerische Zuthat, von Marcell. Dieser lautete:

Liebe Corinna! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu meiner innigsten Freude wissen lassen, daß, verzeih', es sind seine eignen Worte, ,Vernunft wieder an zu sprechen fange'. ,Und/ so setzte er hinzu, ,die rechte Vernunft käme aus dem Herzen.' Darf ich es glauben? ist ein Wandel eingetreten, die Bekehrung, auf die ich gehofft? Der Papa wenigstens hat mich dessen versichert. Er war auch der Meinung, daß Du bereit sein würdest, dies gegen mich auszusprechen, aber ich habe feierlichst dagegen protestirt, denn mir liegt gar nicht daran, Unrechts- oder Schuldgeständnisse zu hören ; das, was ich jetzt weiß, wenn auch noch nicht aus Deinem Munde, genügt mir völlig, macht

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