Heft 
(1892) 71
Seite
26
Einzelbild herunterladen

26

Deutsche Rundschau.

läge, so stand es vor ein paar Wochen. Aber jetzt, darauf rnöcht' ich mich ver­wetten, jetzt ist sie gänzlich umgewandelt, und wenn die Treibels ihren Leopold zwischen lauter Juwelen und Goldbarren setzen wollten, ich glaube, sie nähm' ihn nicht mehr. Sie hat eigentlich ein gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz, auch einen feinen Ehrenpunkt, und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male klar geworden, was es eigentlich heißt, wenn man mit zwei Familienporträts und einer väterlichen Bibliothek in eine reiche Familie hinein- heirathen will. Sie hat den Fehler gemacht, sich einzubilden,das ginge so," weil man ihrer Eitelkeit beständig Zuckerbrot gab und so that, als bewerbe man sich um sie. Aber bewerben und bewerben ist ein Unterschied. Gesellschaftlich, das geht eine Weile; nur nicht fürs Leben. In eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen, in eine Bourgeoisfamilie nicht. Und wenn er, der Bourgeois, es auch wirklich übers Herz brächte seine Bourgeoise gewiß nicht, am wenigsten wenn sie Jenny Treibel, u6e Bürstenbinder heißt. Rund heraus, Corinna's Stolz ist endlich wach gerufen, laß mich hinzusetzen: Gott sei Dank, und gleichviel nun, ob sie's noch hätte durchsetzen können oder nicht, sie mag es und Will es nicht mehr, sie hat es satt- Was vordem halb Berechnung, halb Uebermuth war, das sieht sie jetzt in einem andern Licht und ist ihr Gesinnungs­sache geworden. Da hast Du meine Weisheit. Und nun laß mich noch einmal fragen, wie gedenkst Du Dich zu stellen? Hast Du Lust und Kraft, ihr die Thorheit zu verzeihen?"

Ja, lieber Onkel, das Hab' ich. Natürlich, so viel ist richtig, es wäre mir ein gut Theil lieber, die Geschichte hätte nicht gespielt; aber da sie nun einmal gespielt hat, nehm' ich mir das Gute daraus. Corinna hat nun Wohl für immer mit der Modernität und dem krankhaften Gewichtlegen aufs Aeußer- liche gebrochen, und hat statt dessen die von ihr verspotteten Lebensformen wieder anerkennen gelernt, in denen sie groß geworden ist."

Der Alte nickte.

Mancher," fuhr Marcell fort,würde sich anders dazu stellen, das ist mir völlig klar; die Menschen sind eben verschieden, das sieht man alle Tage. Da Hab' ich beispielsweise, ganz vor Kurzem erst, eine kleine reizende Geschichte von Heyse gelesen, in der ein junger Gelehrter, ja, wenn mir recht ist, sogar ein archäologisch Angekränkelter, also eine Art Specialcollege von mir, eine junge Baronesse liebt und auch herzlich und aufrichtig wieder geliebt wird; er weiß es nur noch nicht recht, ist ihrer noch nicht ganz sicher. Und in diesem Unsicherheits­zustande hört er in der zufälligen Verborgenheit einer Taxushecke, wie die mit einer Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer Freundin allerhand Confessions macht, von ihrem Glück und ihrer Liebe plaudert und sich's nur leider nicht versagt, ein paar scherzhaft übermüthige Bemerkungen über ihre Liebe mit einzuflechten. Und dies hören und sein Ränzel schnüren und sofort das Weite suchen, ist für den Liebhaber und Archäologen eins. Mir ganz unverständlich. Ich, lieber Onkel, hätt' es anders gemacht, ich hätte nur die Liebe herausgehört und nicht den Scherz und nicht den Spott, und wäre, statt abzureisen, meiner geliebten Baronesse wahnsinnig glücklich zu Füßen gestürzt, von nichts sprechend als von meinem unendlichen Glück. Da hast Du meine