Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treibel.

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Und wirklich, fünf Uhr war noch nicht heran, als die Klingel ging und Marcell eintrat. Er dankte dem Onkel herzlich für feine Protection, und als dieser das Alles mit der Bemerkung ablehnte, daß, wenn von solchen Dingen überhaupt die Rede fein könne, jeder Dankesanspruch auf Distelkamp falle, sagte Marcell:Nun, dann also Distelkamp. Aber daß Du mir's gleich geschrieben, dafür werd' ich mich doch auch bei Dir bedanken dürfen. Und noch dazu mit Rohrpost!"

Ja, Marcell, das mit Rohrpost, das hat vielleicht Anspruch; denn eh' wir Alten uns zu 'was Neuem bequemen, das dreißig Pfennig kostet, da kann mit­unter viel Wasser die Spree 'runterfließen. Aber was sagst Du zu Corinna?"

Lieber Onkel, Du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht, ... ich habe sie nicht recht verstanden. Du schriebst: ,Kenneth von Leoparden sei auf dem Rückzug? Ist Leopold gemeint? Und muß es Corinna jetzt als Strafe hin­nehmen, daß sich Leopold, den sie so sicher zu haben glaubte, von ihr abwendet?"

Es wäre so schlimm nicht, wenn es so läge. Denn in diesem Falle wäre die Demüthigung, von der man doch Wohl sprechen muß, noch um einen Grad größer. Und so sehr ich Corinna liebe, so muß ich doch zugeben, daß ihr ein Denkzettel Wohl noth thäte."

Marcell wollte zum Guten reden . . .

Nein, vertheidige sie nicht, sie hätte so 'was verdient. Aber die Götter haben es doch milder mit ihr vor und dictiren ihr statt der ganzen Niederlage, die sich in Leopold's selbstgewolltem Rückzuge aussprechen würde, nur die halbe Niederlage zu, nur die, daß die Mutter nicht will und daß meine gute Jenny, trotz Lyrik und obligater Thräne, sich ihrem Jungen gegenüber doch mächtiger erweist als Corinna."

Vielleicht nur, weil Corinna sich noch rechtzeitig besann und nicht alle Minen springen lassen wollte."

Vielleicht ist es so. Aber wie es auch liegen mag, Marcell, wir müssen uns nun darüber schlüssig machen, wie Du zu dieser ganzen Tragicomödie Dich stellen willst, so oder so. Ist Dir Corinna, die Du vorhin so großmüthig ver­teidigen wolltest, verleidet oder nicht? Findest Du, daß sie wirklich eine

gefährliche Person ist, voll Oberflächlichkeit und Eitelkeit, oder meinst Du, daß

Alles nicht so schlimm und ernsthaft war, eigentlich nur bloße Marotte, die verziehen werden kann? Darauf kommt es an."

Ja, lieber Onkel, ich weiß Wohl, wie ich dazu stehe. Aber ich bekenne Dir

offen, ich hörte gern erst Deine Meinung. Du hast es immer gut mit mir

gemeint und wirst Corinna nicht mehr loben, als sie verdient. Auch schon aus Selbstsucht nicht, weil Du sie gern im Hause behieltest. Und ein bischen Egoist bist Du ja Wohl. Verzeih', ich meine nur so dann und wann und in einzelnen Stücken ..."

Sage dreist in allen. Ich weiß das auch und getröste mich damit, daß es in der Welt öfters vorkommt. Aber das sind Abschweifungen. Von Corinna soll ich sprechen und will auch. Ja, Marcell, was ist da zu sagen? Ich glaube, sie war ganz ernsthaft dabei, hat Dir's ja auch damals ganz frank und frei er­klärt, und Du hast es auch geglaubt, mehr noch als ich. Das war die Sach-