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Deutsche Rundschau.
„Pieken Sie sich nicht, liebe Schmolle," sagte Schmidt, der sich gern einmal eine kleine Vertraulichkeit erlaubte.
„Nein, Herr Professor, von pieken is keine Rede nich mehr, schon lange nich. Un mit der Verlobung is es auch vorbei."
„Vorbei. Wirklich? Hat sie 'was gesagt?"
„Ja, wie sie die Semmel zu den Pudding rieb, ist es mit eins 'rausgekommen. Es stieß ihr schon lange das Herz ab, und sie wollte bloß nichts sagen. Aber nu is es ihr zu langweilig geworden, das mit Leopoldten. Immer bloß kleine Billetter mit'n Vergißmeinnicht draußen un'n Veilchen drin; da sieht sie nu doch Wohl, daß er keine rechte Courage hat, un daß seine Furcht vor der Mama noch größer is, als seine Liebe zu ihr."
„Nun, das freut mich. Und ich Hab' es auch nicht anders erwartet. Und Sie Wohl auch nicht, liebe Schmolle. Der Marcell ist doch ein andres Kraut. Und was heißt gute Partie? Marcell ist Archäologe."
„Versteht sich," sagte die Schmolle, die sich dem Professor gegenüber grundsätzlich nie zur Unvertrautheit mit Fremdwörtern bekannte.
„Marcell, sag' ich, ist Archäologe. Vorläufig rückt er an Hedrich's Stelle. Gut angeschrieben ist er schon lange, seit Jahr und Tag. Und dann geht er mit Urlaub und Stipendium nach Mykenä ..."
Die Schmolle drückte auch jetzt wieder ihr volles Verständniß und zugleich ihre Zustimmung aus.
„Und vielleicht," fuhr Schmidt fort, „auch nach Tiryns oder wo Schlie- mann grade steckt. Und wenn er von da zurück ist und mir einen Zeus für diese meine Stube mitgebracht hat ..." und er wies dabei unwillkürlich nach dem Ofen oben, als dem einzigen für Zeus noch leeren Fleck . . . „wenn er von da zurück ist, sag' ich, so ist ihm eine Professur gewiß. Die Alten können nicht ewig leben. Und sehen Sie, liebe Schmolle, das ist das, was ich eine gute Partie nenne."
„Versteht sich, Herr Professor. Wovor sind denn auch die Examens un all das? Un Schmolle, wenn er auch kein Studierter war, sagte auch immer. . ."
„Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein Viertelstündchen hinlegen. Und um halb vier den Kaffee. Aber nicht später."
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Um halb vier kam der Kaffee. Der Brief an Marcell, ein Rohrpostbrief, zu dem sich Schmidt nach einigem Zögern entschlossen hatte, war seit wenigstens einer halben Stunde fort, und wenn Alles gut ging und Marcell zu Hause war, so las er vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei lapidaren Zeilen, aus denen er seinen Sieg entnehmen konnte. Gymnasial-Oberlehrer! Bis heute war er nur deutscher Literaturlehrer an einer höheren Mädchenschule gewesen und hatte manchmal grimmig in sich hineingelacht, wenn er über den Ooäex arMü- tsu8, bei welchem Worte die jungen Dinger immer kicherten, oder über den Heliand und Beowulf hatte sprechen müssen. Auch hinsichtlich Corinna's waren ein paar dunkle Wendungen in den Brief eingeflochten worden, und Alles in Allem ließ sich annehmen, daß Marcell binnen kürzester Frist erscheinen würde, seinen Dank auszufprechen.