Heft 
(1892) 71
Seite
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Deutsche Rundschau.

Stellung zu den übrigen Fürsten besprechen, so erinnern wir uns wieder der Trennung ihrer Lagerstätten. Die beiden, deren gemeinsames Interesse den Feldzug beseelte, halten sich mit ihren Schiffen und Völkern weit auseinander. Homer hat hier gewiß Besonderes im Sinne.

Das erste directe Urtheil über Menelaos empfangen wir im dritten Gesänge aus dem Munde des troischen Alten Antenor, der, aus dem Mischen Thore sitzend, Menelaos und Odysseus seinen Mitbürgern beschreibt. Er hatte sie, als sie in Troja erschienen, selbst beherbergt. Menelaos hat breite Schultern. Er sprach kurz, aber inhaltreich. Er war der Jüngere! Hier konnte Antenor meinen, daß Menelaos der Jüngere neben Odysseus war, aber es konnte auch seine Jugend als entscheidendes Moment im Allgemeinen von Antenor hervor­gehoben werden. Das Letztere scheint Homer im Sinne gehabt zu haben, denn nur von dieser Annahme aus sällt jetzt im zehnten Gesänge das rechte Licht auf Agamemnon.

Menelaos ist nicht nur der jüngere Bruder, sondern der junge Mann, für den der Aeltere einzustehen hat, der Unerfahrene, dem Nestor von Zeit zu Zeit Wohl, mit Agamemnon's Zustimmung, den Kops zurechtsetzen durfte. Es ist der auf seine Macht und die Abkunst Helena's allzu stolze, jugendliche Schwiegersohn des Zeus, dem der ältere Bruder einschärst, beide hätten sie sich daran zu er­innern, in wie bedenklicher Lage sie seien. Menelaos ist der unbesonnene Fürst, der jedoch, wenn er nachdenkt, Wohl zu würdigen weiß, daß Agamemnon ihm über sei, und der sich zurückhält, bis der ältere Bruder sich erklärt oder befohlen hat. Menelaos redet, wenn er mit Agamemnon spricht, ihn mit dem ehrfurchtsvollsten SchmeichelworteAetheie" an, das jüngere Brüder älteren gegenüber zu gebrauchen pflegen. Es herrscht Förmlichkeit zwischen ihnen. Und diese Abhängigkeit

höherer Art, in der Menelaos sich Agamemnon gegenüber empfand, war die Ursache vielleicht, warum er mit seinen Schiffen und Mannschaften sich nicht in der Nähe des Königs gelagert hatte. Er wollte weniger beobachtet und corrigirt sein. Und im griechischen Lager kannte man dies Verhältniß Wohl. Und Nestor hatte sich von Zeit zu Zeit ein Wort darüber zu sagen erlaubt. Und Agamemnon nichts dagegen gehabt. Wir empfinden nachträglich, wie der Dichter in den anfänglichen Gesängen schon die Verhältnisse im Auge hält, die im zehnten erst ihre ausreichende Erklärung finden. Und all' das läßt Homer nebenbei einfließen, wie das Leben selber die Züge, aus denen wir den Charakter eines Mannes erkennen, oft gelegentlich und nebenbei offenbar werden läßt-

Im dritten Gesänge sahen wir die Vorbereitungen zur ersten Schlacht. Menelaos und Paris standen einander gegenüber, und Menelaos' Kampfbegier ward in blühenden Farben ebenso lebendig geschildert, als das Entsetzen, mit dem Paris ihm gegenüber zurückweicht. Wir hören dann von Helena's plötz­licher Sehnsucht zu Menelaos; wir sehen sie auf der Mauer stehen und die Vornehmsten unter den Griechen werden von ihr dem alten Priamos genannt und beschrieben. Agamemnon zuerst, dann Odysseus, Ajax, Jdomeneus. Weder nach Diomedes aber noch nach Menelaos fragt Priamos. Sie sind eben die Jüngeren, deren Heldenthum sich später erst entwickeln wird.

Menelaos' Gebet vor dem Zweikampfe mit Hektor erflehte vom Himmel nur Strafe der Verrätherei für Paris.