Heft 
(1890) 08
Seite
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Buchsbaumrabatten einige wenige Georginen, meist aber Malven und Sonnenblumen standen, ganz als ob es Gärten aus der Nogat- und Weichselniederung wären.

Lehnert ging das Herz auf beim Anblick der einfachen Anlagen, die den aus Deutschland mitgebrachten Gartentypus mit so viel Vorliebe pflegten, und wandte sich eben, um eine große Glaskugel und ein bemaltes Bienenhaus noch einmal fluchtig zu mustern, als das Ponygefährt, auf einen ansteigenden und fast eine Rampe bildenden Kiesweg hinauflenkte und nun vor dem Schwellstein eines nüchtern wirkenden, weitschichtigen Hauses hielt, das zum Unterschiede von den andereil ohne Staketenzaun und Vorgarten war und durch seiue Stille, die hohen Fenster und ein paar gothische Holzverzierungen an ein halb kirchliches Gebäude gemahnte.

Hier sind wir," sagte Toby, nahm seiner Schwester die Zügel aus der Hand und wartete, bis ein Knecht (auch hier ein junger Cherokee) vom Hof her erschien, dem er das Gespann über­geben konnte. Dann traten alle drei in ein bis hoch hinauf mit Holz verkleidetes Treppenhaus, das durch die ganze Tiefe des Hauses lief. Als man bis an die geradlinig aufsteigende Treppe gekommen war, gab Ruth dem Lehnert zum Abschiede die Hand, wandte sich aber auf der dritten Stufe noch einmal und sagte:Die Hauptsache nicht zu vergessen, Gott segne Deinen Aus- und Eingang." Und nun erst eilte sie rasch ihrer im Oberstock gelegenen Wohnung zu. Toby mußte lächeln, als er sah, wie Lehnert der Erscheinung nach­blickte. Dann nahm er seinerseits Lehnerts Arm und sagte:.Null komm, daß ich Dich zu dem Vater führe!"

Das einen großen Flur bildende Treppenhaus hatte zu beiden Seiten Bänke, sonst war es ein leerer Raum, der, mit Ausnahme des Frontportals, nichts als drei Thüren zeigte, von denen eine kleinere nach dem Hof hinaus ging, während zwei hohe Doppel- thüren in die neben dem Treppenhause gelegenen Hanpträumlichkeiten führten. Beide Doppelthüren standen in diesem Augenblick offen und gestatteten einen Blick nach rechts hin in einen Betsaal, nach links hin in eine hochgewölbte Halle. 'Diese Halle voll mäch­tiger Wirkung, trotzdem sie von kleineren Verhältnissen als der Betsaal war mußte von jedem, der in Obadjas Wohn- und Arbeitszimmer wollte, durchschritten werden. Auch hier übrigens, in dieser geräumigen Halle, gab sich, ganz so wie draußen im Flur, alles aufs einfachste; nur ein schwerer Eichentisch, um den einige Stühle standen, zog sich durch den nahezu schmucklosen und nur mit einem Geweihkronleuchter ausstaffierten Fest- und Speiseraum, dem ein großer, an der einen Schmalseite befindlicher Silber- und Geschirrschrank zugleich als Anrichtetisch diente. Des weiteren aber lief, quer durch den Raum hin, eine Matte von Kokosfaser auf eine kleine Thür zu, deren gobelinartigen Vorhang Toby jetzt zurückschlug. Und nun ließ er Lehnert Vorgehen und folgte.

Wenn das Treppenhaus schattig und die Halle beinah' dunkel gewesen war, so war hier alles hell, denn ein breiter Lichtstreisen fiel durch ein Giebelfenster von beträchtlicher Höhe; neben dem Fenster aber und von seinem Lichte halb umschienen, saß Obadja bei der Korrespondenz, die, sorglich von ihm unterhalten, nach den verschiedensten Theilen der Union, besonders aber nach Kansas und Dakota ging. Als er hörte, daß jemand eingetreten war, wandt' er sich, indem er den Stuhl drehte, der Thür zu, blieb aber sitzen.

Lieber Vater," sagte Toby,hier bring' ich Dir Mister Lehnert Menz."

Lehnert Menz?" wiederholte ruhig und freundlich der Alte. Hab' ich recht verstanden?"

Zu Befehl!" sagte Lehuert.

Obadja lächelte, weil er sich aus lang zurückliegenden Zeiten her dieser militärischen Form der Bejahung erinnerte.Nun, Mister Lehnert," fuhr er fort,Ihr wollt es also mit uns versuchen? Toby hat mir davon erzählt. Und hat mir auch erzählt, daß sich unsere Wege vor Jahren schon einmal gekreuzt haben. Nehmt einen Stuhl, bitt' ich, uud rückt hier heran und setzt Euch ins Licht, daß ich Euch besser sehen kann. Es geht noch mit allem sonst, des Barmherzigen Gnade sei dafür gepriesen, aber mit dem Sehen will es nicht recht mehr. Und ich sehe doch jedem gern ins Auge. Das Auge sagt noch mehr als die Stimme."

Lehnert that, wie ihm geheißen, und erwartete nun, daß ein Fragen uud Katechisiereu begiuueu werde, ja mehr, es lag ihm daran, es war geradezu sein Wunsch. All die Zeit über hatte seine That auf seiner Seele gelastet, uud er sehnte sich danach, alles herunter zu beichten und in dieser Beichte Trost und Erleichterung

zu finden. Aber voll dieser Erwartung erfüllte sich nichts und wenn ihm auch nicht entging, daß Obadja, wie zufällig, seine Hand nahm und ihn dann von der Seite her ansah, so könnt' ihm doch noch weniger entgehen, daß jede unmittelbare Frage nach Leben lind Vergangenheit mit Absicht vermieden wurde.

Ich höre von meinem Sohne Toby," nahm Obadja nach einer Weile wieder das Wort,daß Ihr ein Preuße seid, also, meiner Geburt nach, ein Landsmann von mir und jedenfalls ein Lands­mann meiner zwei ältesten Söhne, die diesem neuen Laude wieder den Rücken gekehrt haben und lieber drüben sind als hier. And vielleicht haben sie recht gethan. Denn die Freiheit, deren wir uns hier rühmen und freuen, ist ein zweischneidig Schwert und die Gewaltherrschaft der Massen und das ewige Schwankeil in dem, was gilt, erfüllen uns, so sehr ich die Freiheit liebe, mit einer Unruhe, die man da nicht kennt, wo feste Gewalteil besteheil. Ordnung und Arbeit, worauf es ankommt, die sind in dem Lande drüben, drin wir beide geboren wurden, recht eigentlich zu Haus, und um dieser Tugenden und vor allem auch um der Nüchternheit willen sind mir die Preußen die liebsten und sind mir die nutz­barsten Mitarbeiter all meinem Werk."

Hier unterbrach sich Obadja, wie sich Prediger in ihrer Predigt unterbrechen, um nach einiger Zeit einen neuen Anlauf zu nehmen, und Lehnert schwieg, weil er fühlte, daß jetzt ein Uebergang kommen müsse. Und der kam denn auch wirklich.

Die nutzbarsten Mitarbeiter," wiederholte Obadja.Und das gilt auch von dem guten Mister Kaulbars, der jetzt meiner gesummten Wirtschaft als ein Verwalter und Hausmeier vorsteht. Er ist ein ehrlicher Mann, ohne Lug und Trug, eiu treuer Arbeiter und prompt in der Erfüllung seiner Pflichten und hat, was ihn meinem Herzen am nächsten stellt, die rechte Freud' und Lust an dem Segen Gottes als solchem, und eine Ernte zu Grunde geheil zu sehen, das wurmt ihn und quält ihn, auch wenn jeder Halm versichert ist. Es ist ihm nicht um den Gewinn bloß, es ist ihm um den Segen, den er nicht missen will. Ja, so ist dieser Mister Kaulbars, den ich, so lang ich noch in der Arbeit steh', in Ehren zu halten gedenke. Aber Euer Landsmann ist ein Eigen­sinn und ein Besserwisser, der sich dem neuen Lande, drin er nun lebt, nicht anbequemen und alles nach der Weise seiner alten Heimath anordnen und regeln will. Er gehorcht wohl, weil er im Gehorsam erzogen ist, aber es ist ein todter Gehorsam, und ein todter Gehorsam ist unfruchtbar, nicht bloß in Herz und Seele, sondern auch auf dem Arbeitsfelde draußen, und so schädigt er mich, ohne es zu wollen, und mindert mein Gut. Dem will ich abhelfen, da will ich Wandel schaffen, uud dessen verseh' ich mich voll Euch. Ich Hab' in Eurem Auge gelesen und ich kenne Euch nun: Ihr habt einen Ehrgeiz und es lastet was auf Eurer Seele, das hat Euch bis diese Stunde durch die Welt getrieben und ich sehe das Zeichen auf Eurer Stirn. Aber ich weiß auch, daß Ihr ein tapferes Herz habt und einen Edelsinn, der sich nicht ver­leugnet, wo Liebe ihn pflegt. Und diese Liebe soll Euch werden. Getröstet Euch dessen. Keiner, der unter dieses Dach getreten, ist ungetröstet von dannen gegangen. Im Namen dessen, der die Liebe war, ruf' ich Euch zu: .Kommt her zu mir, die ihr müh­selig und beladen seid! Lehnert Menz, Deine Last soll voll Dir genommen werden. Ich segne Dich . . /"

Und Lehnert fühlte, während er den Kopf neigte, wie die Hand Obadjas seinen Scheitel berührte.

17 .

Nebenan, in der großer: Halle, war inzwischen für Lehuert eil: Frühstück aufgestellt worden, und zwar durch Frau Rosalie Kaulbars in Person, die nicht nur alles Nöthige selbst herzu - getragen, sondern dem angerichteter: Frühstückstisch auch noch eine der Preußisch-Heimischen Art entsprechende Ausschmückung gegeben hatte. So kam es, daß sich, um gleich die Hauptsache zu nennen, um die Kufe mit saurer Milch ein blühender Lindenzweig legte. Eier in der Schale sammt Schinken vervollständigter: das einfache Mahl, dem Frau Kaulbars anfänglich, einigermaßen aus der Rolle fallend, auch noch eure halbe Wassermelorre beigegeben hatte, bis der zufällig anwesende Mister Kaulbars gegen solche Zusammenstellung Verwahrung eingelegt hatte.Was denkst Du dein: eigentlich, Röse? Soll er hier gleich mit Kullern und Schneiden anfangen?"

Als Lehnert aus Obadjas Zimmer trat, hatte sich das Ehe-