Heft 
(1890) 08
Seite
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paar, um nicht neugierig zu scheinen, aus der Halle in die Wirth- ^ schaftsräume des abgetrennt stehenden Quergebaudes zurückgezogen. ! Statt ihrer waren Ruth und Toby da, mit ihnen Uncas, ein wundervoller, schwarz- und weißgefleckter Neufundländer, der seine Herrin Ruth auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte.

Stören wir Dich, wenn wir uns zu Dir setzen?" fragte Toby, indem er Lehnert an die Schmalseite des Tisches führte, wo gedeckt war.

Lehnert suchte nach einer Antwort, aber er fand sie nicht. Das war mehr Liebe, als er sich in seinem ganzen dreiund- dreißigjährigen Leben zusammenrechnen konnte. Er legte hie Hand auf die Stuhllehne, drin ein Kleeblatt eingeschnitten war, und faltete die Hände zum ersten Male seit vielen Jahren.

Die Geschwister schwiegen und sahen ihm bewegt zu. Als sie aber wahrnahmen, daß er sich wieder gesammelt hatte, sagte Toby: Nun also, Lehnert, wir bleiben und leisten Dir Gesellschaft. Sieh

nur, Uncas schließt auch Freundschaft mit Dir. Nicht wahr, Ruth,

das bedeutet was? Er hält nicht gleich zu jedem."

Lehnert nahm von der Milch und brach dann , um sie sich

vorzustecken, einige Blüthen von dein Lindenzweig ab, und Ruth sah wohl, daß ihn dieser Zweig ganz besonders erfreut hatte.

Das dankst Du dem Mister Kaulbars und seiner Frau," sagte Ruth.Die sagten, das sei so Sitte drüben. Und da habe ich den Zweig gepflückt und um die Milchkufe gelegt, aber die Wahrheit zu gestehen, mit halber Freude. Denn die Kaulbarse, besonders er, wollen alles Preußisch machen, und wenn ich denke, daß Du auch ein Landsmann von ihnen bist, so beschleicht mich eine kleine Furcht, daß wir hier eine preußische Kolonie werden."

Das hat gute Wege," lachte Lehnert,ich habe das Alte drüben gelassen."

Sie plauderten noch ein Stückchen weiter über die Anhäng­lichkeit an die alte Heimath, die jeden bewußt oder unbewußt dahin leite, auch in der Fremde nach den vertrauten Formen und Gebräuchen der Heimath zu streben.

Als Lehnert mittlerweile sein Mahl beendet hatte, wandte

sich Ruth an den Bruder und sagte:Nun aber ist es Zeit, Toby, daß wir Mister Lehnert auf sein Zimmer führen."

Alle drei stiegen treppauf, wobei Toby führte.

Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung, als das im wesentlichen nur aus Treppenhaus, Betsaal und Halle be­stehende Erdgeschoß, und wenn dieses letztere, mit Ausnahme von Obadjas Wohnzimmer, lediglich kirchlichen oder gelegentlich gesell­schaftlichen Zwecken diente, so gehörte das, was eine Treppe hoch lag, dem häuslichen Leben, der Gemüthlichkeit, der Familie. Beide Hälften des Oberstockes, zwischen denen ein großer quadratischer Flur lag, waren durch einen schmalen Mittelgang wieder in eine Reihe Vorder- und Hinterzimmer getheilt, von denen alle links­seitigen von Ruth, Toby und ihrer alten polnischen Dienerin Maruschka bewohnt wurden, während alles an der entgegengesetzten Seite Gelegene die Gast- und Fremdenzimmer umschloß. Eines derselben war für Lehnert bestimmt worden und lag dem Zimmer gegenüber, das von Monsieur L'Hermite bewohnt wurde.

Als man oben war, ging Ruth, sich verabschiedend, nach links hin den Gang hinunter, während Toby Lehnerts Hand nahm und ihn nach der anderen Seite hin auf einen in Dämmerlicht liegenden Korridor zuführte. Nur am Ende desselben war ein Lichtschein. Dieser kam aus Monsieur L'Hermites Zimmer, das meist offen stand und dem Korridor nicht bloß einiges von seiner Helle, sondern, nicht eben zur Freude der anderen Hausbewohner, auch viel voll demKorporal" mittheilte, der beständig darin geraucht wurde. Lehnert warf, als er bis heran war, einen Blick in das Zimmer hinein und sah einen hageren Mann von Mitte der fünf­ziger, mit Zwickelbart und Käppi, der, an einem Schraubstock be­schäftigt, eben in scharfem Profile sichtbar wurde. Auch L'Hermite sah von der Arbeit auf und schob das Käppi nach hinten, was einen Gruß bedeuten, aber auch bloße Neugier sein konnte. Weiter dar­über nachzudenken, verbot sich, denn Toby hatte die gerade gegen­übergelegene Thür geöffnet und trat ein, während Lehnert folgte.

(Fortsetzung folgt.)

WMLter und WlutHen.

Deutschlands merkwürdige Zääume. Die Gaditzer Linde. (Zu dem Bilde S. 117.) Etwa anderthalb Stunden unterhalb Dresdens liegt auf dem rechten Elbufer das schmucke Dorf Kaditz. Es ist alter Kultur­boden, auf den: es steht; noch heute zeigt sich der flavische Ursprung in dem Aeußeru der Ortschaft, die Häuser kehren der breiten Hauptgasse die Giebel zu, die theilweise fromme Sprüche ausweiseu, und viele Eingangs- thüren prangen in buntem Farbeuschmuck. Ungefähr in der Mitte des Dorfes liegt die hübsche Kirche; zwischen ihr und dem Pfarrhause, mitten unter grünbewachsenen und steingeschmücktcn Grabstätten aber erhebt sich die weitberühmte Kaditz er Linde.

Der stannenswerthe Baumkoloß hat 11 Meter Stammumfang; das Innere des Stammes ist völlig hohl und deshalb sind seit lange Stützen nothweudig geworden. An der einen Seite ist die Rinde herausgebrochen; die Stütze war morsch geworden, die Rinde konnte den starken Ast nicht mehr tragen und wurde mit diesem sortgerissen. Besonders merkwürdig ist nun, daß sich innen ringsum die Rinde neu gebildet hat. An der Bruchstelle hat mail vor 15 Jahren ein Gitter allgebracht, um den Ein­tritt in die Höhlung des Stammes zu verhindern. Denn die Dorfbe­wohner, insbesondere die respektlose Jugend, benutzten den hohlen Raum zu allerhand Unfug. Neuerdings ist noch ein Schloß vorgelegt worden, zu welchem mail den Schlüssel in der angrenzenden Pfarrei erhalten kann. Doch bedarf es dessen nicht, da man die Höhlung, welche Platz genug für Tisch und Stühle bietet, von außen bequem überblicken kann.

Das Alter des ehrwürdigen Baumes wird aus 1000 Jahre ange­geben; leider fehlt aber jeder historische Anhaltspunkt, und eine Be­rechnung nach Jahresringen ist bei der jetzigen Stammruine völlig aus­geschlossen. Jedenfalls hat der Baum in der Geschichte des Ortes eine große Rolle gespielt und von jeher die Bedeutung einer geweihten Stätte gehabt. Hierzu stimmt die Airlage der Kirche unmittelbar daneben. Be­kanntlich stand ill jedem Dorf in Sachsen, schon lange vor Karl dem Großen, eine heilige Linde und vor derselben war dasWeichbild" (Wic- bild, d. h. das Ortsbild oder Ortszeichen) aufgestellt. Die Linde mitten im Dorf bezeichnte den Platz, wo man sich abends versammelte und An­gelegenheiten der Gemeinde besprach, hier fanden sich die jungen Leute an den Festtagen zum Tanz. Wie man erzählt, soll die Kaditzer Linde auch als Pranger für klatschsüchtige Weiber und ähnliche Missethäter ge­dient haben. In der That findet sich in geringer Höhe über dem Erd­boden am Stamm ein eingewachsenes Stück Eisen, das als Rest des Halseisens bezeichnet wird. Die böszüngigen Frauen saßen, den Hals im Eisen, an den Stamm gelehnt, während die Kirchenbesucher an ihnen zum Gottesdienst vorübergingen. Doch ist darüber etwas Urkundliches nicht erhalten und wir können uns nur mit den: Wunsche trösten, daß es sich wirklich so verhalten haben möge! O. Z.

Stanlerjs Wriese üker Gmin Maschas Wefrerrmg. Keine der afrikanischen Expeditionen der Neuzeit wurde von der gesummten Welt mit so großem Anthejl verfolgt wie die Expedition Stanleys zur Befreiung

Emin Paschas. Lange Zeit hindurch war das Schicksal beider Helden dieses ! Dramas ungewiß und die Welt in Europa und Amerika wurde lediglich ^ durchafrikanische Gerüchte" beunruhigt, welche bald Stanley todt sagten, ! bald ihn und Emin in der Gefangenschaft der Mahdisten schmachten ließen.

Da kamen die ersten Briefe von Stanley an und mit wachsender Spannung ! konnte man den Gang der Ereignisse bis zur glücklichen Ankunft an der - Ostküste verfolgen. Stanley und seine Offiziere haben in Afrika fleißig ge­schrieben, die Sammlung der Briefe ergiebt ein kleines Buch von 8 Druck­bogen. Der Inhalt dieser Briefe ist in den Tageszeitungen wiedergegeben worden, aber die Wiedergabe selbst erstreckte sich naturgemäß aus so lange Zeiträume und war mitunter so unvollständig, daß I. Scott Keltie, Biblio- ! thekar der Königlichen Geographischen Gesellschaft in London, gewiß vielen ! einen guten Dienst erwies, als er die Briefe sammelte und als ein Buch ! heraus'gab. Dieses ist im Verlage von F. A. Brockhans in Leipzig auch in deutscher Uebertragung erschienen und bietet uns die beste Auskunft über die Schicksale und geographischen Erfolge der Expedition, die beste Auskunft, bis ^ Stanley selbst sein Werk über die Expedition geschrieben haben wird. Was nun die Hauptfrage, die Befreiung Emins selbst, anbelangt, so sind die Briefe ^ reich an werthvollen Auskünften, aber ebenso reich an Räthseln. Doch ^ gewinnt es den Anschein, daß der Hauptpunkt in den Gegensätzen zwischen ! Stanley und Emin in der Würdigung der Länder am oberen Nil von ^ seiten beider liegt. Für Stanleys Auffassung ist die Instruktion be- , zeichnend, die er' am 18. Januar 1889 brieflich seinem Offizier Jephson,

! der bei Emin weilte, ertheilt:Seien Sie freundlich und gut gegen ihn ! (Emin)", schreibt Stanley,wegen feiner vielen Tugenden, lassen Sie sich aber nicht auch von der verderbenbringenden Fascinirung erfassen, welche das Gebiet des Sudan irr den letzten Jahren für alle Europäer gehabt zu haben scheint. Sobald sie seinen Boden betreten haben, scheinen sie in eine Wirbelströmung gezogen zu werden, welche sie hinabsaugt und mit ihren Wogen bedeckt. Das einzige Mittel, ihr zu entgehen, ist, allen Be- ^ fehlen von auswärts blind, ergeben und ohne zu fragen, zu gehorchen."

An einer anderen Stelle schreibt Stanley an denselben Offizier:Ich bemerkte, daß ich Ihre Briefe ein halbes Dutzend mal gelesen hätte, und bei jedesmaligem Lesen änderte sich meine Ansicht von Ihnen. Zuweilen glaube ich, daß Sie halb Mahdist oder Arabist, dann daß Sie Eminist find." Diese und ähnliche Stellen lassen uns annehmen, daß derGegen­satz" zum großen Theil derselbe war, der auch zwischen Gordon und der englischen Regierung geherrscht hat. Ob noch andere Fragen dabei eine wichtige Rolle spielten, und welcher Art diese Fragen waren, das kann niemand ans den Briefen herausklügeln. Die Mühe dürfte auch wenig lohnen. Das bedeutsame Aktenmaterial, welches in den Briefen enthalten ist, wird ja bald vervollständigt werden; denn wie wichtig auch die ver­meintlichen Interessen der Engländer in der Aequatorialprovinz sein mögen, sie find kein Staatsgeheimniß der hohen Politik, welches Jahrzehnte lang verschwiegen wird. Es ist zu hoffen, daß, selbst wenn der Stumme von Bagamoyo nicht so bald imstande fein sollte, Aufklärung zu geben, die