Heft 
(1906) 02
Seite
35
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Das bekannte Wort des Grafen Caprivi:man könne Deutsch­land keinen größeren Schaden antun, als wenn man ihm ganz Afrika schenke", trifft nur zu auf ein koloniales Administrations- systenr, wie es allerdings unter seiner Reichskanzlerfchaft, wenn auch nicht durch seine Schuld, bei uns im Gange war, und das man kennzeichnen kann alsteuer und schlecht". Nicht aber findet es seine Anwendung auf eine geschäftliche Kolonialpolitik, wie sie gleichzeitig z. B. Cecil Rhodes in Süd­afrika betrieb, und wie sie die Engländer eigentlich überall auf der Erde betrieben haben. Für Rhodes war das:Afrika englisch, vom Kap bis Kairo!" nicht so sehr ein nationales, wie ein riesenhaftes Geschäftsprogramm. Den ganzen Erdteil nehmen, ihn einteilen von vornherein nach großen allgemeinen Geschäftsrubriken: Landwirtschaft, Minen, Forsten rc.; Eisen­bahnen von einem Ende zum anderen zu bauen, um an der Gründung" Millionen zu machen; Städte anzulegen, um Gelddick" zu verdienen am Verkauf von Hausplätzen, wie dies geschah in: Buluwayo, Salisbury, Umtali, Gwelo,

Melsetter rc., Länder urbar zu machen, um Farmen zu Tausenden verkaufen zu können usw., das ist angelsächsische Kolonialpolitik, und für solche kann man gar nicht genug Land aus der Erde annektieren. Bei uns war zur Zeit meiner ostafrikanischen Tätigkeit, wo ich meine Hand auf Afrika von Berbera bis zu den Komoren und Madagaskar, von Sansibar bis zu den großen mittelafrikanischen Seen legte, immer ein wildes Gekläff im Gange, mit theoretischen Difteleien. Ist das Gebiet auch gut? Wie ist denn das Klima usw.? Das sind in solchen Fällen doch stets eurae po^oriores. Die Haupt­sache ist, daß inan das Land erst einmal hat; hernach kann man untersuchen, was es wert ist.

Man kann niemals ohne eine gründliche Untersuchung wissen, welche Schätze irgendwo auf oder in der Erde liegen mögen, zum Beispiel: wer hätte vor einem halben Jahrhundert geahnt, was die Lüneburger Heide an Salzen und Ölen in sich , birgt. Deshalb soll man die graue Theorie und impotente Kritik bei Koloniegründungen lassen, bis man die Rechtstitel besitzt. Werü loses Land kann man immer schnell wieder loswerden; aber sehr schwer kann man verpaßte Gelegenheiten sich von neuem schaffen.

Neben der politischen Besitzergreifung, die ein Kolonial­terrain gegen den Wettbewerb anderer Staaten sichert, muß die Okkupation von Grund und Boden erfolgen, durch welche die Eingeborenen enteignet werden und der besitzergreifende Staat der alleinige Eigentümer wird. Erst dadurch wird die rechtliche Grundlage für die ganze Unternehmung vervollständigt. Nach diesem Grundsatz ist Großbritannien in all seinen Kolonien verfahren bis auf Rhodesia in unseren Tagen hin. Die Ein­geborenen erhalten den Anspruch auf die von ihnen okkupierten Ländereien entweder vom Staat bestätigt, oder aber es werden ihnen besondere Reservate überwiesen, die der Spekulation der Weißen entzogen werden. So oder so wird die legale Basis mit der Besitzergreifung eingenommen, daß nur der Staat, be­ziehentlich die staatlich bestellte Kompagnie Recht an allem Besitz über und unter der Erde hat. Nur dann ist eine Ausbeutung im großen Stil möglich. Nachdem somit ein klarer Rechtsbesitz geschaffen ist, völkerrechtlich und privatrechtlich, dann empfiehlt es sich erst, das erworbene Gebiet systematisch und sorgfältig auf seine verschiedenen Ausbeutungsmöglichkeiten technisch bis ins einzelne zu untersuchen: auf Klima, Bewässerung, Ackerkrume, Forstbestand und Wild, Minenschätze usw., und darauf eine geometrische Vermessung der einzelnen Terrains vorzunehmen. Dann lassen sich Ausbeutungsgesellschaften auf klaren und wissenschaftlichen Grundlagen ins Leben rufen. Damit solche arbeiten können, muß jedoch die zweite unumgängliche Vor­bedingung gelöst sein, es müssen moderne Kommunikationswege bis in alle Hauptpunkte der verschiedenen zu entwickelnden Gebiete geschaffen werden. Der Grundsatz muß sein: kein Ackergebiet wird freigegeben ohne eine Eisenbahn bis in seinen Mittelpunkt; kein Haus gebaut ohne eine Fahrstraße zum nächsten Eisen­bahnhof; kein Spatenstich getan, ohne daß dieser Spatenstich seine Resonanz in der Kulturwelt im ganzen findet. Das

gleiche gilt von Minen, Forsten, Ansiedlungen Weißer- So ist Nordamerika und Australien erschlossen; so wurde im letzten Jahrzehnt Rhodesia der europäischen Ausbeutung geöffnet. In unseren Kolonien ging das alles gerade umgekehrt; die Folgen sind Fiasko und Bankrott auf der ganzen Linie.

In dieser Beziehung ist die Geschichte der Lüneburger Heide so lehrreich. Dort haben Dampf und Elektrizität die Ausschließung bewirkt und damit eine allgemeine Wert­steigerung an Grund und Boden zur Folge gehabt. Ein Morgen, der vor 50 Jahren vielleicht 10 bis 20 Mark wert war, bringt heute vielleicht 80 bis 100 Mark ein. Ich möchte vorschlagen, daß unseren Kolonialbeamten das Studium der Entwicklung der Lüneburger Heide, insbesondere auch die segensreichen Folgen ihrer Aufforstung geradezu zur Pflicht gemacht werde. Ich kenne kein besseres Analogon für unsere meisten afrikanischen Kolonien.

Wenn der Staat somit die Grundlagen für eine rentable wirtschaftliche Arbeit in unseren Schutzgebieten gelegt hat, dann, sage ich: öffnet die Tore weit für jede ehrliche Arbeit, von welcher Nation sie auch kommen mag, für so viel Kapital, wie sich in den neuen Gebieten nur anlegen will! Denn Kapital und Arbeit müssen nun das große Wunder voll­bringen, aus den: toten Besitz einen lebendigen wirtschaftlichen Organismus zu schaffen. Wenn die Kolonien Wert gewinnen sollen, wenn man Kaufkraft in ihnen schaffen will als Absatz­gebieten für die heimische Industrie und den nationalen Handel, dann muß das Feld mit Früchten bestellt werden, die Erde muß ihre Metallschätze aufgeben, der Wald seine Handelsartikel. Die Kaufkraft unserer heutigen Kolonien beruht zun: größeren Teil auf den Gehältern der Beamten und Offiziere, und diese Gehälter fließen aus den Taschen der deutschen Steuerzahler. Das ist, als wenn man einen: Leichnam durch elektrische Ströme eine Art Scheinleben ein­haucht. Wirtschaftliche Bedeutung für Deutschland hat das gar nicht. Nur der Austausch deutscher Jndustrieartikel mit wirklichen, an Ort und Stelle gebauten Kolonialartikeln bedeutet einen reellen kaufmännischen Gewinn für unseren Handel, eine Kraftsteigerung für unseren Volkshaushalt. Oder das Gold, Kupfer, Blei usw., das in Südwest- oder Deutsch- Ostafrika aus der Erde geholt wird, ist eine wirkliche Bereicherung unserer Nation. Denn das gibt dem Lande

eine gesunde, natürliche Kaufkraft, die Bedürfnis- und Luxusartikel aus der Heimat bezahlen kann. Die Tausende von Arbeitern, weißen und farbigen, die auf diese Weise ihren Monatslohn redlich verdienen, sind wirkliche Kunden für die europäischen Händler und die hinter ihnen stehende europäische Industrie.

Um solche Bepflanzung des Bodens, Ausbeutung der Forsten und Minen zu erzielen, kann der Staat nicht liberal genug sein in Erteilung von Konzessionen und Rechten aller Art, solange nur die Verpflichtung einer bestimmten jährlichen Arbeitsleistung immer festgehalten wird. Eine moderne Kolonialpolitik gegenüber dem weißen Besiedler ist liberal, oder sie ist überhaupt nicht. Und

zwar liberal gegen jeden Weißen ohne Unterschied der Nation! Es ist für die Kaufkraft eines Gebietes ganz gleichgültig, ob ein Deutscher, Engländer, Franzose oder auch ein Schwarzer Kaffee, Tabak, Agaven und Kokusnüsse produziert. Deshalb wird nicht ein Arbeiter weniger gelohnt, nicht ein Pfennig Ausfuhrzoll in Frage gestellt. Wir Deutschen nun sind unserer­seits auf der ganzen Erde für unseren Handel, wie für unsere Auswanderung so völlig auf die Gastfreundschaft bei Fremden angewiesen, daß wir uns schämen sollten, wenn wir da, wo wir einmal in der Lage sind, uns zu revanchieren, sofort mit einem engherzigem, bornierten Ausschließungssystem antworten möchten. Dieser Wunsch aber war es, der dem ganzen Gerede zugrunde lag:Wir wollen keine britischen Kompagnien, keine Buren in Südwestafrika!" Wenn die Briten nun einmal Repressalien ergriffen? Das würde verhängnisvoll empfunden werden in den Kontoren von Hamburg und Brennen, wie in