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machen und sie beseitigen wollen, sondern daß eine ganze Anzahl hervorragender Schulmänner sich mit hygienischen Fragen beschäftigt und energisch für hygienische Bestrebungen eintritt, daß ferner schon in einer großen Anzahl von Städten Schulärzte angestellt sind, die mit dem Lehrerkollegium Hand in Hand gehen und durch gemeinsame Arbeit Gutes fördern. In Berlin wurden zum 1. September 1903 im ganzen sechsunddreißig Schulärzte beschäftigt bezw. angestellt.
Ich will hier anführen, wie Professor Kirchner in einer Hauptversammlung des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen betonte, daß in Anbetracht der schweren Schädigungen der Schuljugend durch unzweckmäßige Verteilung der geistigen Arbeit, durch Mangel der Körperpflege und zum Teil durch Mangel der Beachtung hygienischer Grundsätze in der Schule die Aufmerksamkeit aller Ärzte (nicht nur der Schulärzte) auf die Wichtigkeit aller Vorgänge im Schulalter gerichtet werden müßte, damit gewissermaßen jeder Arzt zum Schularzt werde.
Was wir zunächst vom ärztlichen Standpunkt aus bezüglich des Unterrichts selbst verlangen müssen, das ist die tunlichste Beschränkung des Fachlehrersystems, das ist ferner eine größere Konzentration d. h. eine größere Einfachheit im Unterrichtsstoff, eine Vermeidung der geistigen Zersplitterung. Nicht darauf kommt es an, dem Schüler eine große Menge positiven Wissens beizubringen, sondern darauf, seine Verstandestätigkeit zu erwecken, seinen Geist aufnahmefähig zu gestalten für alle die Eindrücke, die ihm im späteren Leben bevorstehen. Es ist nicht zu leugnen, daß dieser Forderung eine ganze Anzahl namentlich der jungen Lehrer hereits gerecht zu werden versucht. Eine Besserung der Unterrichtsmethode ist gar nicht zu verkennen, wie ja überhaupt in der Pädagogik und der Didaktik zurzeit ein frischerer Wind weht. Noch aber ist hier nicht genug geschehen. Erst wenn der Unterricht grundsätzlich und allgemein nach den gegebenen Vorschlägen geschieht, wird sich der Segen für die Schüler erweisen.
Mehr noch als in bezug auf die Unterrichtsmethode hat man den Anforderungen der Ärzte bezüglich der Hygiene der eigentlichen Schulkrankheiten entsprochen. Man ist heute allgemein bestrebt, die Beleuchtung, Lüftung und Beheizung der Schulzimmer nach Kräften zweckmäßig zu gestalten; man sucht durch Einschränkung der Nachtarbeit, durch besseren Druck der Schulbücher die Zunahme der Kurzsichtigkeit zu verhüten, man kämpft durch Einführung passender Schulbänke, durch Einführung der Steilschrift gegen die Entstehung von Rückgratsverkrümmungen an. So ist man denn auch zu der Überzeugung gekommen, daß etwas geschehen muß, um den Schädlichkeiten entgegenzutreten, die durch das unvermeidliche lange Sitzen während der Schulzeit zur Entwicklung kommen. Man sah ein, daß ein körperliches Äquivalent geschaffen werden müsse gegenüber der einseitigen geistigen Anstrengung des Kindes, und fügte als ein Mittel, diesen Zweck zu erreichen, obligatorische Turnstunden in den Lehrplan ein.
Sehen wir nun zu, ob das Turnen, wie es zurzeit in der Schule betrieben wird, wirklich imstande ist, der einseitigen geistigen Arbeit entgegenzuwirken, so zwar, daß der Geist sich erholt, der Körper aber an Kraft und Elastizität gewinnt.
Die Übungen, die der Schüler in der Turnstunde ausführt, sind mannigfacher Art. Wir haben da im allgemeinen die Freiübungen und das Geräteturnen. Welche Übung nun der Schüler auch ausführt, in jedem Falle vollzieht er eine Arbeit für seine Muskeln.
Diese Muskelarbeit hat sicher ihr Gutes. Dem tätigen Muskel strömt das Blut lebhafter zu. Er nimmt den Sauerstoff aus dem Blute auf und scheidet mehr Kohlensäure aus. Herz und Lunge müssen daher energischer arbeiten, um einerseits dem Blute die notwendige Menge Sauerstoff zuzu- sühren, andererseits aber die vermehrte Kohlensäuremenge aus dem Körper zu entfernen. So wird der Blutumlauf im ganzen Körper beschleunigt und zwar um so mehr, je größere Muskelgebiete in Bewegung gesetzt werden.
Soweit wäre alles getan, nun aber kommt der Haken. Der Muskel kann nämlich nur eine bestimmte Zeit hindurch Arbeit verrichten. Schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit ermüdet er, und zwar liegt die Ursache der Ermüdung nicht im Muskel selbst, sondern im Gehirn. Jede Zusammenziehung des Muskels geschieht auf einen Reiz hin, der dem Muskel vom Gehirn aus zugeführt wird. Das läßt sich wohl am besten durch einen Vergleich versinnbildlichen. Man stelle sich das Verhältnis eines Hauptmannes zu seiner exerzierenden Kompagnie vor. Der Hauptmann kommandiert eine Übung. Jeder einzelne Soldat vollzieht die zu dieser Übung notwendigen Bewegungen, und die Übung ist exakt ausgefallen, wenn jedes einzelne Glied der Truppe alle Bewegungen in der richtigen Aufeinanderfolge und Form schnell und pünktlich vollzogen hat. Nimmt man nun irgend eine Turnübung, so ist die exerzierende Truppe die Muskulatur, der Anführer aber das Gehirn. Auf die Befehle, die vom Gehirn ausgehen, vollziehen die einzelnen Muskeln die notwendigen Bewegungen, und die Übung ist dann gelungen, wenn die Truppe der Muskulatur dem Kommando - wort des Gehirnes in prompter Weise nachgekommen ist. Jede Turnübung ist also auch mit einer Arbeit des Gehirns verknüpft. Diese geistige Arbeit wird um so größer, je komplizierter die betreffende Turnübung gewesen ist.
Ist nach dem Gesagten das Turnen auch imstande, die Blutbewegung anzuregen, die ganze Ernährung des Körpers zu heben und die Kraft der einzelnen Muskeln zu stärken, so ist es doch keineswegs eine völlige geistige Erholung für das Kind, und es sind jedenfalls zwei Turnstunden wöchentlich nicht imstande, 30 Lernstunden das Gleichgewicht zu halten.
Hier muß also Wandel geschaffen werden, und das läßt sich dadurch erreichen, daß man dem Schüler die Gelegenheit bietet, in wirklichen Erholungsstunden die beim methodischen Turnen erlernte Beherrschung seiner Muskeln, die hier erwachte Freude an energischer Leibesübung in freier Täügkeit des Körpers zur Geltung zu bringen. Nicht genug kann man in diesem Sinne die körperlichen Übungen empfehlen, wie sie im Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Radfahren in mäßigen Grenzen, im Rudern den Schülern zu Gebote stehen. Allein diese Übungen genügen nicht, da sie einmal an bestimmte Zeilen gebunden sind, also nicht tagtäglich vollzogen werden können, da sie ferner nicht allen Schülern in gleicher Weise zugänglich sind. Es muß dem Schüler also in anderer Weise Gelegenheit geboten werden, sich in freier Bewegung und frischer Luft tummeln zu können, und das Mittel hierzu bietet nun die allgemeine Einführung der sogenannten Jugendspiele, wie sie auch in anderen Ländern zur Erstarkung der Nation willkommenen Eingang gefunden haben.
Es ist bekannt, daß bei den alten Griechen Spiele und gymnastische Übungen einen hochwichtigen Teil der Erziehung bildeten. Gehorsam, Mut und alle männlichen Tugenden wurden durch sie geweckt und die Vaterlandsliebe groß ge zogen. Die Spiele bleiben nicht nur Eigentum der Jugend, sondern behalten bis in das höchste Alter das vollste Interesse. Sie werden nicht mit Unrecht als einer der Faktoren angesehen, denen das alte Hellas seine Machtstellung verdankte. Erst als die Festspiele und Leibesübungen in athletische Kraftübungen und Kunststücke ausarteten, verloren sie ihren erziehlichen und gesundheitlichen Wert.
Ebenso wie die Griechen übten auch die Römer mit Vorliebe Ball-, Ring- und Laufspiele als Vorübung für den Krieg.
Unseren Vorfahren, den alten Germanen, waren Leibesübungen unbedingt notwendige Bedürfnisse. Später trat jedoch die Sorge für die Kräftigung des Körpers mehr und mehr zurück, und die Übungen erhielten sich in: Mittelalter nur noch in den Turnieren und Kampfspielen, deren Pflege jedoch lediglich einem bevorzugten Stande Vorbehalten blieb.
Nach langem Vergessen wurden die Spiele in neuerer Zeit zuerst wieder in Italien ausgenommen, und von hier aus haben sie dann allmählich ihren Weg über die ganze zivilisierte Welt genommen.