Heft 
(1906) 10
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Gib zehne, zwölfe zu, dann triffst du's eher. Ja, und sie schreibt schon mindestens so lange. Das schöne Talent zeigte sich früh. Zum Glück. Denn sie ist seit dem Tode ihres Vaters der Mann in der Familie. Tapfer, ein kleiner Held ..."

Ein Held," wiederholte Arnold in tiefer, stiller Be­geisterung.Ein Mann, den ich mir zum Freunde wünschte, weil er mir so ganz aus der Seele sprach ..." Er ver­stummte auf einmal wie im Schreck. Sein frisches Gesicht wurde um einen Schein blässer. Dann legte er die Hand schwer auf den Ärmel des Amtsrichters.Fritz," flüsterte er mit seltsam glimmenden Augen,Fritz wenn sie der U. F. ist, der famose Kerl, du, dann Hab ich ja dem Kerl schon mal geschrieben!"

Das hast du, Nolte."

Damals, als ich das Theater baute, meinen Liebling, '.nein Schmerzenskind!"

Das dich über Nacht berühmt machte. Und über das zuerst ein ^allgemeines Schütteln des Kopfes^ geschah. Na, und da stand's denn eines Tages in der Vürgerzeitung zu lesen: -Ihr Leute, guckt doch bloß ordentlich hin. Da hat doch 'mal ein Mensch den Mut gehabt, er selbst zu sein, seinen eigenen Stil zu schaffen? Und der Artikel, der den Blinden die Binde von den Augen nahm, der war ,U. F? unterzeichnet. Und dieser U. F. war sie!"

Sie! Und ich habe ihr, das heißt dem U. F., gedankt.

Wie man an einen Menschen schreibt, der einem aus der dumpfen, blöden Masse heraus die Hand herzlich entgegen­streckt und drückt, daß man fühlt: Seelenverwandtschaft. Und den Brief durch die Redaktion befördern lassen. Aber keine Antwort erhalten."

Ja, weißt du, sie hat wirklich mehr zu tun, als Briefe unbekannter Leute Zu beantworten, und wären's auch Bau­meister mit einem ^persönlichen Stil? Was hat sie zu laufen, um bloß all die Ausstellungen zu besprechen! Und was sonst noch so ist. Und das alles bloß ,im Nebenamt? Denn eigentlich ist sie ja Dichterin. Oder noch eigentlicher die liebevollste, aufopferndste, hingebendste Tochter, Schwester, Enkelin, Freundin, die es geben kann ..."

Tochter Schwester Enkelin, Freun . . ." betete Arnold Schmidt nach, fassungslos über diese Vielseitigkeit. Fritz, um Gottes willen . . ." und von einem furchtbaren Ge­danken ergriffen, packte er den Freund heftig am Rockknopf: Fritz, ist sie nicht am Ende - noch etwas?"

Ist das etwa nicht genug?" fragte Fritz zurück, aber nicht mehr ganz bei der Sache. Zerstreut horchte er auf den Flur hinaus, wo ein leises Geräusch sich vernehmen ließ.

Nun . . ."Arnold würgte an dem Wort,Braut? Ein Wunder wär's ja," rief er dann verzweifelt aus,wenn sie nicht an jedem Finger einen Verehrer hätte!"

Verehrer? Wie Sand am Meer! So ein schönes, geistvolles Mädchen. Eine so vornehme Familie! Aber . . ." Das Geräusch draußen erwies sich jetzt deutlich als das leise Rauschen von Frauenkleidern.Adieu! adieu!" unterbrach er sich hastig.Da ist Herta!" Eine schnelle Umarmung. Er stob hinaus, auf die junge Frau Zu, die in einem aller liebsten Reisekleid, den silbergrauen Schleier, der das Filz­hütchen schmückte, übers Gesicht geschlagen, langsam herankam. Als sie den Amtsrichter erblickte, erhellte sich ihr tränenüber strömtes Gesicht. Sie hängte sich an seinen Arm, und beide gingen der Treppe zu.

Arnold Schmidt aber stand regungslos und suchte mit dein Gedanken fertig zu werden, daß die einzige Frau, in die er sich je in seinem Leben wahrhaft verliebt hatte, sein Kritiker sei.

Totenstille um ihn her. Nur das Gas summte leise. Ganz aus der Ferne kamen manchmal die verwehten Töne eines Walzers herüber. Einmal hastete die schwarzbefrackte

Gestalt eines Kellners an der Garderobentür vorüber, lautlos wie ein Geist. Und jetzt aber was war das?

Arnold Schmidts Herzschlag setzte plötzlich aus.

Ein leises, kaum vernehmliches Türknarren am Ende des Korridors. Und er wußte, wußte so gewiß, als hätte es ihm einer ins Ohr geschrien: sie!

Und richtig. Ein Blick als er den Kopf vorsichtig spähend aus der Garderobentür steckte zeigte ihm, daß sein Herz die Wahrheit vorausgeahnt hatte.

Sie sah ihn nicht. Ganz in sich versunken, kam sie den langen Gang heraufgeschritten, langsam, müde, aus dem süßen Gesicht einen Ausdruck stiller Trauer.

Sie war als nächste Freundin Herta wohl beim Um­kleiden behilflich gewesen, hatte dein Abschied der jungen Frau von den Eltern beigewohnt, und das Scheiden zitterte noch schmerzlich in ihrem eigenen Herzen nach.

War's der lange dunkele Mantel, den sie über ihr weißes Kleid geworfen hatte, das schwarze Spitzentuch, das ihren Kopf umhüllte sie schien ihm ein anderer Mensch als vor­her das heitere, neckische schöne Mädchen.

Er sah jetzt die Jahre auf ihr liegen, die schweren Jahre, die ernst machen und reif und tief, von denen eins oft soviel wiegt wie zehn leichte und sorglose. Die glatte, jugendschöne Form barg eine Seele, der des Lebens Dunkelheiten, Härten und Kämpfe längst keine Fremdlinge mehr waren.

Da ging es in Arnold Schmidt wie ein großer, Heller Lichtschein auf. Ein paar Sekunden waren's nur, bis sie ihn erreicht und erkannt hatte. In diesen Sekunden aber wurde er plötzlich ein Riese an Kraft und Entschluß. Eine unsinnige Sehnsucht übersiel ihn, während sie langsam näher kam, ahnungslos, daß ein Blick auf ihr ruhte, sie gleich, wie sie ging und stand, an seine Brust zu nehmen: Da ruh dich aus! Du Zartes, du Feines! Mich laß nun für dich schaffen und kämpfen, den Handwerkersohn, der die derben Fäuste hat!

Aber das ging denn doch nicht so leicht.

Er merkte es, als sie vor ihm stand, erschreckend bei seinen: unvermuteten Auftauchen aus dein halberhellten Schlunde der Garderobe; so tief erschreckend, daß die rosige Farbe aus ihren Wangen wich und sogar die purpurnen Lippeir erblaßten. Und ihre unverkennbare Bewegung schlug im nächsten Augen blick jäh auf ihn zurück, aber mit der entgegengesetzten Wirkung: er wurde rot und hatte plötzlich das Gefühl, daß die weiße Halsbinde ihn meuchlings strangulierte.

Guten Abend, mein gnädiges Fräulein!" sagte er, oder versuchte er wenigstens zu sagen, so gut es seine Atemnot zuließ. Es war ihm, als wäre sein Herzmuskel außer Rand und Band geraten, so flog und tobte er gegen die Rippen.

Sie?" fragte das Fräulein von Faber darauf, als traute sie ihren Augen nicht. Und ein flüchtiges Lächeln huschte ihr dabei um den Mund, ein armes, müdes Lächeln, ganz ver­schieden von dem sonnigen Glanz, der während des Mahles auf ihren: Gesicht gelegen hatte.Ich dachte, Sie wären längst weg," fügte sie herb hinzu.Sie waren ja wie vom Erd­boden verschwunden."

Ich saß abseits, mein gnädiges Fräulein, wie es der Platz ist eines Nichttanzenden."

Sie schüttelte den Kopf, offenbar verwundert, daß sie ihn trotzdem nicht bemerkt hatte.

Bei der Musik, die nicht für mich spielte, wenn auch für alle die anderen; hinter dem Lebensbaum, in: Schatten," erklärte er, und jedes seiner Worte erschien ihm tief symbolisch für den Zustand, in den: er sich dort befunden hatte, diesen: tatzenjämmerlichen, feigen, nun für ewig abgetanen Zustand seines alten Adams. Und mit unterdrücktem Jubel fügte er hinzu:Aber ich hatte das Glück, Sie tanzen zu sehen."

Wenn es für Sie eins war, desto besser," antwortete sie kurz und herb,für mich war's keins."

Nein . . .?" Er hätte ihr zu Füßen fallen mögen vor Wonne.Wirklich nicht?"

1906. Nr. 10.

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