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Beispiele erklären immer am bestem
In einer Stadt des Südens kam Pinkerton an dem Tage an, an dem jeder Bewohner von einem eben ausgeführten großen Vankdiebstahl und der Ermordung des Kassierers sprach. Wohl mehr der Berufsinstinkt als auch nur der Schatten eines Beweismittels lenkte Pinkertons Verdacht auf einen intimen Freund des toten Kassierers, der zu den reichsten und angesehensten Bewohnern des Ortes gehörte.
Der Detektiv, stets ein Freund von Theatercoups und plötzlichen Entlarvungen, die am besten Reklame machten, gab sich niemand in der Stadt zu erkennen und übernahm freiwillig eine Arbeit, die den Bundesbeamten nichts anging. Er verstand es, einen seiner Leute als Dienstboten in das Haus jenes Freundes des verstorbenen Kassierers zu schmuggeln. Dieser erhielt den Auftrag, die Wäsche seines nunmehrigen Brotherrn möglichst stark mit einem auffälligen Parfüm zu bespritzen, das der Kassierer immer gebraucht hatte. Während der Nacht mußte er den vermeintlichen Mörder durch in den Kamin gesprochene Seufzer und das Röcheln eines Sterbenden wecken, kurz auf jede Art an dessen Nerven zu rütteln versuchen. Das Mittel war erfolgreich. Der Missetäter floh und ließ seinen Raub zurück.
Noch bekannter wurde Pinkerton durch die Verfolgung der Geschwister Reno. Diese waren zugleich Schrecken, Plage und Gegenstand der Bewunderung des mittleren Westens.
Laura Reno galt als Schönheit und tollkühnste Reiterin in einem Landstrich geborener Reiter. Mit ihren Brüdern John Frank, Sim und William suchte sie auf tagelangen Streifen drei Staaten heim und ließ Mord und Brandgeruch längs der Hufspuren zurück. Andere Desperados, wie Pferdediebe, Falschmünzer und verwahrloste Cowboys, schlossen sich der Bande an, die Dörfer plünderte und den Bahnverkehr ins Stocken brachte. So sicher fühlte sie sich, daß sie die Ortschaft Seymour in Indiana Zu ihrem Hauptquartier machen konnte. Während dort die Renos von: Ertrag ihrer Streifzüge lebten, kam ein Fremder und richtete eine Schankwirtschaft ein. Ein anderer ließ sich als Bankhalter für Spiellustige nieder. Diese neuen Bürger des Städtchens freundeten sich, wie zu erwarten war, mit den Herren der Stadt, den Renos, an. Dem einen der vier Brüder schlug der Gastwirt eines Tages einen Spaziergang vor. Auf diesem kam man auch auf den Bahnhof, und zwar gerade, als der Überlandzug nach dem Westen einfuhr. Den Anblick der Durchreisenden verpaßte der Hinterwäldler damals gerade so ungern wie heute. Also schritten die beiden bald die lange Wagenreihe hinter der Lokomotive ab. Schon hatte diese pfeifend das Abfahrtssignal gegeben, als sechs handfeste Beamte Pinkertons aus dem Zuge hinaus und mit Reno bald wieder hineinsprangen, während die Fahrt weiterging.
Das war ein Erfolg. Indessen durch ihn vorsichtig geworden, ging keiner der anderen Renos mehr in Pinkertons Netze, obwohl sie ihr Rüuberleben bis zum Tode am Galgen fortsetzten. In einer Stadt Indianas erschienen sie am Markttage um die Mittagsstunde, ließen Gerichtsgebäude wie Polizeiwachen durch Posten aus ihrer Bande besetzen und dann auf der Bank den Direktor alles vorhandene Bargeld in einen Leinwandsack schütten. Während sie gemächlich dem Tore zuritten, scharten sich die Beherzten der Einwohnerschaft zusammen und verfolgten die Räuber mit Flinten- und Revolverschüssen. Darauf wendeten diese um und gingen im Galopp zum Angriff vor. Die siegreiche Attacke endete erst am Bahnhof. Zufällig traf gerade ein Passagierzug ein. Nichts konnte den Renos willkommener sein: auch Geld und Uhren der Reisenden verschwanden im Leinwandsack. Schließlich belagerten die Einwohner verschiedener Grafschaften unter Führung Pinkertons die Renos in ihrem eigenen Nest in Seymour. Nach mehrtägiger Verteidigung mußten die Räuber die Waffen strecken und darauf mit Seilers Töchterlein an nahen Baumüsten tanzen. Daß die schöne Laura nicht nur diesem Schicksal, sondern überhaupt jeder Strafe entging, dürfte jeder Kenner amerikanischer Verhältnisse voraussetzen. Sie ward die übrigens
kreuzbrave Frau eines ehrsamen Farmers und ihr Haus der Wallfahrtsort Neugieriger, bis sie vor ungefähr fünf Jahren starb.
Etwa zu gleicher Zeit konnte Pinkerton Hand auf die Brüder Vidwell, zwei Millionendiebe, legen. Austin Vidwell, in Brooklyn als Sohn wohlhabender Eltern geboren, war als Zwanzigjähriger ein bekannter Börsenmakler und Spekulant in New Jork. Nach Verlust seines Vermögens ließ er sich zu allerhand wenig einwandfreien Geldgeschäften und schließlich zu Fälschungen verleiten. Er wurde ertappt, aber nicht bestraft, da einstußreiche Polizeioffiziere seine Kunden und Helfershelfer waren. Immerhin hielt er es für geraten, sich neue Beute- und Jagdgründe in Europa zu suchen.
In Berlin und Paris wußten sich Austin und George Bidwell sowie ein sie begleitender Freund Mac etwa eine viertel Million Mark auf gefälschte Kreditbriefe zu verschaffen. Das war immerhin etwas wie ein Betriebskapital für die Pläne, die sie in London aussühren wollten. Austin Bidwell gab sich dort für den Besitzer eines unerschöpflichen amerikanischen Silberbergwerks aus und trat dementsprechend auf. Bei einem Schneider bestellte er zweimal hintereinander Kleider im Werte von Tausenden, die sofort baar erlegt wurden. Bei Begleichung der letzten Rechnung sagte dieser willkommene Kunde dem Schneider: „Ach, ich schleppe da zufällig 160 000 Mark in meiner Tasche herum. Wollen Sie mir die nicht für einige Tage aufheben?"
Der Schneider scheute sich als gewissenhafter und übrigens selbst sehr wohlhabender Mann, wie Vidwell erwartet hatte, solche Summe in seinen Kassenschrank zu legen, und schlug vor, den Fremden auf seiner Bank vorzustellen. Derart wurde Bidwell durch einen angesehenen Geschäftsmann der Bank von England empfohlen und konnte dort ein Guthaben hinterlegen. Dann reiste er nach Frankfurt am Main, gewann dort auf ähnliche Weise das Vertrauen erst eines Kaufmannes, wie dann einer Bank und erreichte seinen Zweck, als der Bankier gelegentlich einer geschäftlichen Transaktion Bidwells von diesem in dem an die Bank von England gerichteten Schreiben als von seinem „distinguierten Kunden" sprach.
Inzwischen wurden abermals gefälschte Kreditbriefe in Bargeld umgesetzt, und dieses legten die Bankiers in Frankfurt und London mit immer wachsender Achtung vor ihrem reichen Kunden in Wertpapieren an. Dann wurde Bidwell zu beiden Seiten des Kanals ein regelmäßiger Deponent von scheinbar aufgekauften Wechseln und Akzepten. Alle erwiesen sich als einwandfrei, und die Bankiers gewöhnten sich daran, solche von Bidwell eingehenden Papiere als so gut wie Baargeld zu betrachten.
Dann aber schickte Bidwell, der sich in Europa Warren nannte, von Paris der Bank von England Wechsel im Betrage von Millionen, die gefälscht waren, zog von seinem ursprünglichen Guthaben gleichzeitig etwa 600 000 Mark ein und flüchtete mit einer eben geheirateten jungen Engländerin nach Mexiko. Schließlich ließ sich das Paar auf Kuba nieder, und dort las Bidwell in einer amerikanischen Zeitung, daß die Agentur Pinkerton beauftragt sei, auf Warren zu fahnden. Das war nicht angenehm. Indessen, Grund zu Besorgnis lag kaum vor, da selbst keiner der Mitschuldigen wußte, wohin Bidwell, der wieder seinen alten Namen angenommen hatte, geflüchtet sei. Verhaftet war übrigens einstweilen in London nur Mac, und dieser weigerte sich, Verrat an dem Genossen zu begehen.
Pinkerton fahndete indessen gar nicht in Europa auf den Verbrecher. Dessen Genie war nach seiner Überzeugung auf dem Boden von Wallstreet gereift, und dort sprach der Detektiv in allen Banken wie Finanzinstituten vor, beschrieb das Äußere Warrens und fragte, wer wohl mit ihn: identisch sein könnte. Eine Liste von zwanzig Verdächtigen kam so zustande. Durch Streichungen schrumpfte sie auf vier Namen zusammen, deren oberster Austin Bidwell lautete. Jeder Bekannte dieses Austin Bidwell wurde von Vertretern des Agenten besucht, und mancher wußte etwas von seinen Lebensgewohnheiten zu erzählen. So hörte Pinkerton won verschiedenen Seite, daß Vidwell immer geäußert habe, als reicher Mann würde er nur in den Tropen leben.