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Darauf begann eine Korrespondenz zwischen den Agenten und den Konsulaten Süd- und Mittelamerikas und Westindiens. Der Konsul in Havanna war es, der schließlich schrieb: „Hier wohnt seit einiger Zeit ein Austin Bidwell, der dem Signalement entspricht." Der Rest ist bald erzählt. Wahrend Herr und Frau Bidwell einige angesehene Familien Havannas als Dinergäste an ihrem Tisch unterhielten, ließen sich Gendarmen melden. Hinter ihnen trat ein Beamter Pinkertons ein. Das Auslieferungsverfahren war durch den Konsul bereits eingeleitet und erledigt.
Mancher ähnlich romanhafte, aber doch wahrheitsgetreue Bericht ist in den Archiven der Agentur zu finden. Sie führt nämlich Buch über ihre Recherchen, und auf diesen Schatz von Erfahrungen wird zu Studienzwecken zurückgegriffen. Der Neuling des Detektivberufes, der heute kein Abenteurer mehr, sondern ein sein täglich Brot verdienender Dutzendmensch ist, liest in jenem Archiv einer 50jährigen Geschichte des Verbrechertums und begreift, daß Gauner gerade wie Techniker sich immer der neuesten Hilfsmittel der Industrie und Wissenschaft bedienen.
Der Einbrecher, der noch vor einem Menschenalter das Stemmeisen benutzte, um Kassenschränke zu leeren, verwendet heute die neuesten Explosivstoffe. Bemerkenswert ist sein Leichtsinn dabei. In Chicago wollte ein Verbrecher einen Griff in den Geldschrank eines Kaufmanns tun. Aber da auch Gauner gelegentlich anderen als ihren Verufspflichten nachgehen zu müssen glauben, änderte er seinen Plan und gab dem Wirt seiner Stammkneipe ein Fläschchen voll wasserheller Flüssigkeit mit der Bitte, es bis zum folgenden Tage aufzuheben. Es sei Medizin darin. Aber den: Wirt, der seine Kunden kannte, wurde später angst, und so gab er die Flasche dem Hausknecht mit dem oft wiederholten Aufträge, sie in den Michigansee zu werfen. Zufällig aber war es ein kalter Abend und dem Hausknecht deshalb der Gedanke eines Spazierganges zum See nicht behaglich. Also warf er das Fläschchen draußen gegen eine Häuserwand, die dann mit Donnerkrachen in die Luft flog. Diese Explosion verschaffte Pinkerton einen Auftrag.
Dann wieder wurde in Chicago ein als Einbrecher Verdächtigter verhaftet. Die Polizei fand in seiner Tasche das übliche Fläschchen mit durchsichtiger Flüssigkeit, und als 0orpu8 äelieti stand dieses später auf dem Richtertisch. Während der Verhandlung ergriff der von seinem Klienten nicht eingeweihte Rechtsanwalt das Fläschchen und schüttelte es unter der Nase des Richters: „Nichts als Augenwasser ist darin!" Dann
hob er die Flasche hoch in die Luft und wollte sie gerade auf den Fußboden werfen, als ihm, menschenfreundlich genug, der Verbrecher in den Arm fiel. „Gehen Sie nicht zu weit, da ist mehr ,Suppe^ drin, als unbedingt nötig ist, um uns alle ins Jenseits zu schicken!"
Am häufigsten und liebsten wird jedoch in Pinkertons Archiv die Geschichte von Adam Worth, dem Fürsten der amerikanischen Unterwelt, nachgeschlagen. Flirt und Fehde zugleich hat sich zwischen Worth und Pinkerton für ein nahezu volles halbes Jahrhundert abgespielt. Nach bitteren Kämpfen lernten beide immer wieder miteinander liebäugeln und schließlich sich vertragen. Worth legte als Aristokrat des Gaunertums
nämlich selten selbst Hand an, wenn es galt, einen Eigentums- Wechsel zu vollziehen. Er plante nur und ließ seine Werkzeuge arbeiten. Darum war ihm schwer beizukommen. Der von Statur kleine Kerl war im Bürgerkriege ein ganz guter und tapferer Soldat gewesen, bis er — desertierte. Zwei-, dreimal desertierte Worth, nämlich immer wieder, um sich als Substitut irgend eines fetten Lieferanten, der weit hinter der Front
schlechtes Fleisch verkaufte, die 200 Dollars und nebenbei
Handgeld verdienen zu können. So war es ihm vergönnt,
mit Mitteln in der Tasche ins bürgerliche Leben zurückzutreten oder — genauer gesprochen — ihm den Krieg zu erklären. Dieser wurde übrigens während der wohl längsten Laufbahn eines bekannten amerikanischen Verbrechers stets nur mit den natürlichen Waffen eines fruchtbaren Hirns geführt. Immer blieb Worth stolz darauf, daß er nie einen Revolver getragen hatte. Auch dies war ein Grund, warum er immer nur für kurze
Zeit hinter den Gitterstäben verschwand. Oft wußte er sich den Häschern der Justiz durch Flucht in Länder, mit denen noch kein Auslieferungsvertrag bestand, zu entziehen.
Wie es Worth stets verstand, die Bürde der richterlichen Bestrafung auf die Schultern seiner Mitschuldigen zu wälzen, wußte er sich andererseits ausnahmslos den Löwenanteil der Beute zu sichern. Das zeigte sich schon Anfang der sechziger Jahre, als er eine Versicherungsgesellschaft in Massachusetts um 80 000 Mark berauben ließ. Dann wurde er bis 1870 das Haupt einer das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten bereisenden Berbrecherbande. Die dazu gehörigen kleinen Diebe wurden gar oft gehängt. Die großen mußte man immer laufen lassen. Endlich kam auch für Worth jener psychologische Moment, in dem jeder erfolgreiche Verbrecher einmal plant, noch einen letzten großen Coup zu tun und dann, dem gefährlichen Treiben für immer entsagend, in Behaglichkeit und Luxus zu leben. Dieser Traum wird selten zur Wahrheit!
Es war eine runde Million in Dollars, die Worth damals nach dem Einbruch in die Boylston Bank in Boston in die Hände fiel! Als die Agentur Pinkerton davon benachrichtigt wurde, war der Verbrecherfürst bereits auf dem Wege nach Europa, obschon dies niemand wußte. Tatsächlich gelang es ihm, sich an der Riviera zu verbergen. Klug und sparsam, verstand er dort sein Vermögen durch glückliche Spekulationen zu mehren. Aber wenn auch den Nachforschungen der Polizei, konnte Worth doch nicht jenen seiner eigenen Kameraden entkommen. Jetzt rächte sich, daß er stets andere die Hände rühren ließ. Viele waren Mitwisser seiner Geheimnisse, und mehr als einer stellte Forderungen, die der Drohung, ihn zu verraten, gleichkamen. Ein alter Kamerad erzählte dem anderen, wo Worth zu finden sei. Allen mußte er von seinem Vermögen abgeben. Bald war es zerronnen, und Adam Worth ging wieder an die Arbeit. Nach England, Frankreich und Deutschland führte diese ihn. Schließlich mußte er sich, der Polizei aller Länder bekannt, im Eastend Londons verbergen. Das Betreten eines Bahnhofs hätte ihm sichere Verhaftung gebracht. Dabei verstanden nun jüngere Meister der Zunft, den Gealterten auszubeuten. Bullard, mit dem er in Liverpool einen Pfandleiher um 400 000 Mark beraubt hatte, behielt drei Viertel dieser Summe, fuhr nach Paris und eröffnete dort nahe dem Opernplatz jene amerikanische Bar, die durch Jahre der Zusammenkunftsort von Dunkelmännern aller Herren Länder war.
Während aller dieser Jahre hörte Pinkerton durch einen Gesandten in der Unterwelt gelegentlich vom alten Worth. Ja, einmal, als er auf der Fährte eines besonders schweren Jungen nach London kam, traf er ihn, und bald mußte er sich wieder mit ihm beschäftigen. Worth hatte es doch wieder verstanden, fähige junge Kräfte heranzuziehen, und da die schwersten seiner Sünden verjährt waren, konnte er. unter der Maske eines wohlhabenden Touristen Europa bereisen und ganz wie früher Verbrechen planen, die dann andere ausführten. Mitschuldige von Worth wurden durch Pinkertons Agenten selbst in Smyrna verhaftet und in ein türkisches Gefängnis gebracht. Wie immer in solchen Fällen, scheute ihr Führer kein Mittel, um ihnen die Freiheit wiederzuverschaffen. Denn immer fürchtete er, durch einen Genossen an den Richter verraten zu werden. Also opferte er ein Vermögen, um türkische Beamte Zu bestechen. Seinen Helfershelfern öffnete sich nun zwar die Tür des Gefängnisses, aber einer von ihnen wurde in Paris abermals verhaftet und nach London ausgeliefert. Worth folgte, um Kaution für den Gefangenen aufzutreiben. Aber da er selbst nun wieder fast mittellos war, schlugen seine Versuche fehl. Auf der Suche nach einem Wertobjekt, das er veräußern könnte, betrat er die bekannte Kunstausstellung von Agnew u. Co., sah an der Wand das Bild der Herzogin von Devonshire von Gainsborough und beschloß, jenen Diebstahl auszuführen, der ihn in aller Welt berüchtigt machte und von dem die „Gartenlaube" im Jahrgang 1901 ihren Lesern berichtete.
Entgegen aller sonstigen Gewohnheit machte sich Worth zusammen mit einem Spießgesellen namens Philipps sogar