Heft 
(1906) 12
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aufzuführen und breite Straßen zu eröffnen. Es ist hier zwar alles erst noch im Werden, alles erst noch halb fertig, und wer weiß, ob schon die gegenwärtige Generation das ganze Werk vollendet sehen wird. Dieser Stadtveränderung nun muß auch ein Teil des alten Judenfriedhofs zum Opfer fallen. Vergebens war der Hinweis darauf, daß durch die Erhaltung dieses Friedhofes doch zugleich eine Art Garten dem neuen Stadtteile erhalten bleibe, vergebens der Wunsch der Pietät, vergebens die Berufung auf eine Reihe von Privilegien, die von Päpsten und Kaisern noch bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein zum Schutze des Judenfriedhofs erlassen wurden. Es werden also von beiden Enden des Judenfriedhofs Stücke ab­getrennt und in Straßengrund umgewandelt werden. Es

einem Pfeiler die hebräische Inschrift eines solchen Grabsteines entdecken. Einzelne Bruchstücke von Steinen, die man im sogenannten Judengarten, dem ehemals von Juden bewohnten Teile der Neustadt, gefunden hatte, wurden auf den alten Judenfriedhof gebracht und dort eingemauert.

Wann der alte Judenfriedhof errichtet wurde, darüber fehlen die Urkunden. Erst aus dem fünfzehnten Jahrhundert geben Verträge über den Ankauf von Grundstücken Kunde, die zur Erweiterung dieses Friedhofes dienen sollten. Es wird aber auf dem Friedhofe ein Grabstein gezeigt, der die

Überreste einer Frau Sara Katz deckt, die im Jahre 606 nach Christo gestorben ist. Es ist eine aufrecht stehende Sandstein- platte in Barockform, deren bildnerischer Schmuck in einer

Der Friedhof im Schnee.

Gemälde von R. Hirth du Frenes.

HM, Hs 5

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sind allerdings Teile, die keine historische Denkwürdigkeit auf­weisen und vielleicht nur dem Maler und Poeten eine Augen­weide, einen stimmungsvollen Winkel geboten haben.

Der Friedhof liegt stellenweise klafterhoch über dem Straßenniveau, da der verhältnismäßig kleine Begräbnisplatz im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufgeschüttet werden mußte, um die Toten aufzunehmen. Dabei war er durch­aus nicht der einzige Begrübnisplatz der Prager Juden.

Sowohl auf der Neustadt, als auch auf der Kleinseite hat es schon zu alten Zeiten jüdische Friedhöfe gegeben. Die Juden wohnten auf dem Wischehrad, auf einem großen Gelände der Neustadt und, wiederholt vertrieben und wiederholt zugelassen, auch auf der Kleinseite. Erst als sie endgültig in den Getto zwischen der Altstadt und dem rechten Moldau­ufer eingesperrt wurden, verloren sich ihre Ansiedlungen in

den anderen Prager Städten. Die Grabsteine der Kleinseite boten ein willkommenes Material für die Fundamente der

altberühmten steinernen Brücke, und man kann noch heute in

Weintraube, dem Sinnbild der Fruchtbarkeit, besteht. Die Buchstaben der Inschrift sind so tief eingegraben, daß ihr anderthalb Jahrtausende nichts anzuhaben vermochten. Böhmische Chronisten und die Überlieferung der Friedhoswürter verteidigen die Echtheit der Jahreszahl. Allein einer der gelehrtesten jüdischen Schriftsteller, der Prager Oberrabbiner Rappoport, versetzt diesen Grabstein in das siebzehnte Jahr­hundert, und wir möchten ihm in Hinsicht auf den Stil beipflichten. An und für sich erscheint übrigens das Todes­jahr der Sara Katz, 606, nicht so unwahrscheinlich. Mancherlei Urkunden und Tatsachen deuten darauf hin, daß die Juden schon mit den Römern, wenn nicht vor diesen, im Lande gewesen sind und an der Stätte Prags sich niedergelassen haben, bevor Prag selbst noch gegründet war. Benedikt Foges führt in dem nach den Manuskripten des Kustos David Podiebrad verfaßten Buche über die Altertümer der Prager Josefstadt unter anderem an, daß der Kanzler Bretislaws II. im Jahre 1098 den Juden, die, um der gewaltsamen Taufe