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Christoph Gottfried Linge.
,Selbstdenker und Lrfinder des Ur - Labrrades." von Ludolf Lunge?)
m Jahre 1797 erschien zu Halle a. S. eine zum Vesten armer Schulkinder gedruckte, 40 Seiten Text und eine originelle Abbildung des genannten Sonderlings umfassende Broschüre in Oktav, die ihrer Seltenheit wegen allgemeines Interesse beanspruchen dürfte, und aus der ich daher hier einige Mitteilungen mache.
Ringe war zu Bernburg am 14. April 1713 als Sohn eines weit und breit rühmlich bekannten Rad- und Stellmachermeisters geboren. Da er seines Vaters Geschäft erlernen und sich dann zum Mechanikus ausbilden sollte, brachte man ihn zu einem geschickten Zeichenlehrer, bei dem er aber unerwartet Neigung faßte, Maler zu werden. Man sandte ihn daher zu einem Verwandten, der Hofmaler in Cöthen war und die Anlagen seines Vetters ausbilden sollte. Ringes Talent entwickelte sich so schnell, daß er es durch die Gunst des Fürsten August Ludewig ebenfalls zum fürstlichen Hofporträtmaler brachte, welchen Titel er auch noch unter dessen Nachfolger beibehielt; denn es gab ein ip8^ teert von ihm in Öl, unter das er eigenhändig folgende Bemerkung geschrieben hat:
„Wie ich C. G. Ringe, Hochfürstl.
Cöthenscher Hofportraitmahler gemalet dies mein ehrlich Gesicht Anno 1766; jetzt in Hamburg."
Er hatte sich in Cöthen ein Haus gebaut, das völlig das Ansehen und die Gestalt einer großen Marktbude hatte, schauerlich schwarz angestrichen und mit goldenen Sternen verziert war. In diesem Magierzelte betrieb er neben seiner Malerkunst auch seine Lieblingsbeschäftigung: die Mechanik.
Er konstruiert' ein mit Handbetrieb bewegtes Gefährt, in dem er sich ohne fremde Hilfe, nur durch die eigene Körperkraft vorwärts bringen konnte, einen schwerfälligen Kasten, dessen Räder der darinsitzende Erfinder durch einen Hebel bewegen und durch eine Lenkstange steuern konnte. Diesen Kasten, ein Urbild des heutigen Fahrrads, wollte der Erfinder dem Fürsten vorführen und war schon selig in der Erwartung eines Lobes, das seine Feinde beschämen sollte.
Als der Fürst aber den Lenker des schweren Kastens schweißtriefend durch den Sand des Schloßgartens rollen sah, drehte er sich um und rief seinem Kutscher laut und spöttisch zu: „Fahrt Zu! Ringe ist ein Narr!" Dies armen Erfinder ganz nieder. Er wurde
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Christoph Gottfried Ringe.
Nach seiner eigenen Zeichnung.
Wort schmetterte den noch weltfeindlicher und machte seine Versuche nun in einem schwarzausgeschlagenen, mit den 12 Himmelszeichen, großen und kleinen Sternen geschmückten Saale.
Unter den wenigen Schülern, die der Mißtrauische um sich versammelte, befand sich auch ein Regierungsadvokat Holzer, ein junger Mann, der sich jahrelang voll Zähigkeit mühte, eine Flugmaschine zu erfinden. Als er endlich das Problem gelöst zu haben glaubte, lud er Stadt und Land dazu in seinen an der fürstlichen Fasanerie befindlichen Garten, schnallte sich die mit einer Art von Windmühlenflügeln versehene Maschine an und erhob sich auch wirklich mehrere Fuß hoch in die Luft. Aber, wie einst der Schneider von Ulm in die Donau, so fiel auch Holzer bei den ersten Fortbewegungsversuchen in den seinen Garten umgebenden morastigen Graben, aus dem man ihn, schwarz von Schlamm und Moor, unter dem allgemeinen Gelächter und dem Hohn der von allen Seiten herbeigeströmten Volksmenge herauszog, wie den bekannten Knaben aus dem Tintenfasse des großen Nikolas. Es war ihm also noch viel schlimmer ergangen als seinem einstigen Meister Ringe, der damals schon als verkanntes Genie Cöthen den Rücken gekehrt und sich im Jahre 1752 ein kleines Bauerngut zu Wiedemar bei Delitzsch gekauft hatte. Er hatte dies mit 1750 Meißnischen Gulden bezahlt. Aus Menschenfeind sch aft war er ein Ackerbauer geworden, wenn auch ein recht „sonderbarer", wie ihn sein Bio-
0 Nach einem Protokolle aus dem Archiv der lokalgeschichtlichen Vereinigung „Alteöthen".
graph nennt, Ringes Frau war bereits in Cöthen gestorben und streng nach seinem reformierten Ritus, wie er es verlangt hatte, begraben worden. Sie hatte ihm vier Töchter hinterlassen, die zwar geistig nicht ganz normal, aber alle bereits erwachsen waren.
Die nötigen Haustiere mußten bei ihm im Hause wohnen, die Wirtschaftsgebäude verwendete er zu anderen Zwecken. Er deckte z. B. das Dach der Scheune im Sommer ab und pflanzte Kartoffeln auf die Tenne. Seine gewöhnliche Nahrung waren allerlei Getreidearten, so gesotten, wie man das Mastvieh zu füttern pflegt, und damit fütterte er auch seine unglücklichen Töchter; denn Krähen und Rinderfüße, die beim Fleischer besonders bestellt wurden, waren schon seltene Leckerbissen. Kein Wunder, daß eine seiner Töchter, Karoline, bei solcher Kost bald völlig dem Wahnsinn verfiel, tobsüchtig wurde und in der Fronvogtei zu Delitzsch starb.
Der unglückliche Siebenjährige Krieg, währenddessen er Kontribution bezahlet! mußte und obendrein noch Hiebe mit der flachen Säbelklinge von den Soldaten bekam, vertrieb ihn mit seinen drei noch übrigen Töchtern auch bald wieder von Wiedemar. Er zog mit ihnen für neun Jahre nach Magdeburg. Um das Gut kümmerte sich niemand mehr. In Magdeburg ließ Ringe eure Tochter zurück und wendete sich mit den beiden jüngeren nach Hamburg, wo sie wacker darauflos malten, Bild für Bild, je vier Taler. Reichere und anspruchsvollere Leute mußten zwei Taler mehr bezahlen. Endlich starb in Hamburg auch seine jüngste Tochter, und seine letzte zog nach Bremen.
Nun traf er bald Anstalt zum Wiederaufbau seines verfallenen Gutes und holte von Dürrenberg sich selbst einige Karren schwaches Bauholz. Dann machte er sich auf einem Bogen Papier den Riß Zn einem neuen Hause und Wirtschaftsgebäude und arbeitete Tag und Nacht mit unglaublichem Fleiße und eiserner Geduld eigenhändig mit Axt und Säge als Zimmergeselle, bis er dann nach drei Jahren sein neues Werk vollendet sah. Ein Entschluß, der so originell wie sein ganzes Leben war, hatte hierbei mitgesprochen: er wollte sich als achtzigjähriger Greis noch ein Weib nehmen, um Kinder erziehen zu können; denn er beabsichtigte, seine Felder, die fünfzehn Acker, jeder zu 300 Quadratruten, betrugen, elbst zu bearbeiten.
wenigstens
mit seinen eigenen Nachkommen noch
Viel theologische Fragen gingen dem alten Reformierten in jener Zeit im Kopfe herum. Namentlich hielt er die Kindertaufe für eine die ganze Menschheit unglücklich machende Einrichtung, die abgeschafft werden müsse. Auch behauptete er, daß der Heiland erst im dreißigsten Jahr getauft worden sei, Widerspruch duldete der Alte nicht. Sein Hausgerät verfertigte er selbst und kaufte sich für wenige Taler wieder ein altes, abgelebtes Pferd, das sich vom Unkraut seiner Felder nähren mußte und neben seinem Zimmer schlief. Dabei war aber der Achtzigjährige, wenn er Sonntags, in ein paar alte Festkleider gehüllt, auf die „Freit" ging, äußerst wühlerisch und anspruchsvoll. Keine von den Bauerntöchtern der umliegenden Dörfer war ihm reich, jung und schön genug. Er hatte bei solchen Streifzügen stets noch einen Schein zur Unterschrift in der Tasche, der besagte: „Die Ehe solle — falls es sich nach der Hochzeit zeigen solle, daß er keine unbefleckte Jungfrau heimgeführt habe — augenblicklich null und nichtig sein." — Der Gegenstand seiner Wahl, über den er aber nie ins klare kam, war bis zum Tode sein liebstes Gespräch. Ohne ordentliche Kleider, ohne eine einzige Feder oder Matratze im Bett, ja, fast ohne Obdach, hat er den harten Winter von 1795 als 83jähriger Greis überlebt und im ungeheizten Bretterraum noch als Kranker den Beistand und die Hilfe des Dorfrichters stolz zurückgewiesen. Man weiß nicht, ob man einen Menschen solchen Diogeneslebens wegen beneiden oder bedauern soll!
1906. Nr 12.