Heft 
(1906) 12
Seite
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Das auf Seite 253 wiedergegebene Bild Ringes stammt aus den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts und ist wohl noch einem Rest seiner früheren Kunst zu verdanken. In seinem schneeweißen Haar hing ein kleiner Haarbüschel; sein Bart war mit einer Schere verschnitten. Eine Menge kleiner Stücke von alter, schmutziger Leinewand, mit der er seinen Körper statt des Hemdes zu umwickeln pflegte, bedeckte eine scharlachrote Weste, und über diese hatte er ein Obergewand gezogen, das ehemals schwarz ge­

wesen, aber vom Alter braun geworden war. Von den Beinkleidern, deren er sonst drei oder vier Paar übereinander zu ziehen pflegte, hing längst kein einziges Paar mehr zusammen. Da er sein eigener Schneider war und es in dieser Kunst nicht bis zum Beinkleider­machen gebracht hatte, so nähte er die Stücke der ehemaligen Hosen zusammen. Die Füße steckten nackt in einer Art von Schuhen, auf die statt der Sohlen dicke Bretter genagelt waren. Das Ganze bedeckte ein alter schmutziger Mantel.

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Charakterbilder.

Von Paul Äeyse.

Verfehlter Beruf.*)

ei meinem letzten Aufenthalt in Florenz machte ich die Bekanntschaft eines jungen Bildhauers, Giggi Calandra, der eben begonnen hatte, in Ausstellungsberichten als ein aus­gehender Stern mn Kunsthimmel Italiens rühmlich genannt zu werden.

Ein Freund in Deutschland, dessen Gattin in Florenz ge­storben war, hatte ihre Büste bei ihm bestellt, da er gerade mit Bildnissen Glück gemacht und die junge Frau ein paar­mal gesehen hatte. So ging ich in das am Rande der Stadt gelegene Atelier, um zu sehen, wie weit die Arbeit gediehen war, und meinem Freunde darüber zu berichten.

Der Künstler empfing mich mit kühler Höflichkeit, wie ein Mann, der nicht gern bei der Arbeit gestört sein will. Auch als ich ihm den Zweck meines Besuches mitteilte, verneigte er sich schweigend und führte mich zu der Büste, an die er eben die letzte Hand anzulegen schien. Erst da ich ihm meine Be­wunderung ausgesprochen hatte und er sah, daß ich ihren Wert nicht nur in betreff der Ähnlichkeit, sondern auch als künstlerische Leistung zu schätzen wußte, 'taute er ein wenig auf und klagte, daß er sich mit unzulänglichem Material, ein paar Photographieen und seinen flüchtigen Erinnerungen habe be­helfen müssen. Nach dem Leben würde er wohl Besseres zu­stande gebracht haben.

Der ruhige Ernst, mit dem er sprach, und der seltsam düstere Ausdruck seines Gesichts befremdeten mich, da sie zu einem Künstler, der in der Vollkraft seiner jugendlichen Jahre stand und sich verheißungsvoller Erfolge rühmen konnte, nicht zu passen schienen. Ich hörte später, daß er die Dreißig be­reits erreicht hatte. Doch machten die noch weichen, ganz faltenlosen Züge des blassen Gesichts einen jüngeren Ein­druck, trotz des finsteren Schattens über der Stirn und der scharfgespannten, fast trotzig blickenden Augen. Dichtes schwarzes Haar, kurzgeschoren, krauste sich um den merkwürdig kleinen Kopf, der auf einer mittelgroßen, gedrungenen Gestalt saß. In jeder Linie der breitschultrigen aber schlanken Figur sprach sich eine ungewöhnliche elastische Kraft aus, und wenn er die Arme hob, um eine der Marmorarbeiten auf ihrem Sockel zu drehen, traten unter der leichten Leinwandbluse die Muskeln wie bei einem Athleten straff hervor.

Nachdem ich die Büste hinlänglich von allen Seiten be­trachtet, sah ich mich auch nach den anderen Stücken in der Werkstatt um. Ein Gehilfe arbeitete an dem Grabdenkmal, dessen Gipsmodell schon auf der letzten Ausstellung mich ge­fesselt hatte, einem To des eng el, der einen in tiefer Ruhe Hin­gestreckten jungen Krieger auf die Stirne küßte. Die Aus­führung in Marmor war ziemlich weit gediehen, und die große Schönheit des Werkes trat in dem edlen Material noch er­greifender zutage. Auf den Gesimsen an den Wänden standen die Abgüsse von einigen Büsten und kleine Tonskizzen, dazwischen Hände und Füße über dem Leben abgeformt und ein paar Photographieen nach größeren Skulpturen, die sämt­lich zum Schmuck von Gräbern dienten. In all diesen war

*) Bergl. Nr. 6 des laufenden Jahrganges.

ein energisches Formgefühl und eine feine geistige Empfindung zu erkennen, die von dem Talent des jungen Meisters die günstigste Vorstellung gaben.

Lauter Totenopfer! sagte er mit einem seltsamen Rümpfen der Lippe, als ich ihm meine Bewunderung aussprach. Wenn unsereins leben will, muß er sich in den Dienst des Todes stellen. Wer trägt sonst nach Marmorbildern Verlangen, die über das Porträt hinausgehen! Aber freilich, ein junger Mensch kann nicht verlangen, daß man ihm große monumen­tale Aufträge gibt. Übrigens darf ich nicht klagen. Ich habe erst neulich eine Bestellung bekommen, die mich freut. Eine Gruppe, die ich ziemlich aussichtslos nur zu meinem Ver­gnügen entworfen hatte, soll ich für einen reichen Amerikaner in Marmor ausführen. Wenn es Sie interessiert, kann ich sie Ihnen zeigen. Ich bin noch nicht wieder darangegangen, da ich noch auf den Block, hen ich in Carrara bestellt habe, warten muß.

Er öffnete ein Seitenpförtchen und ließ mich in einen kleineren Raum eintreten, der ganz von Sonne durchflutet war. Die breite Tür gegenüber stand offen, und ich sah in ein Gärtchen hinein, über dessen Orangen- und Granatbäume hinweg der Blick zu den Höhen von Fiesole, über Vignen und Villen hinschweifte. Ein süßer Blütenduft wehte herein, und Vögel sangen in den Zweigen draußen.

An den Wänden waren nicht viel Skizzen und Photogra­phieen aufgehängt, in der Mitte aber stand ein Bildwerk, mit einem grauen nassen Tuch völlig verschleiert, von dem der Meister jetzt behutsam die Hülle wegzog. Er hatte mir schweigend bedeutet, daß ich mich auf ein kleines Sofa setzen möchte, das unter einem Oleanderstrauch der Gruppe gegen­überstand. Als sie nun frei war, ließ er mich eine Weile den Anblick von der Vorderseite genießen und drehte dann langsam, in größeren Pausen, die Scheibe, auf der das erst im Ton vorhandene Werk aufgebaut war.

Ich war so entzückt, daß mir wohl eine Viertelstunde lang jedes Wort versagte, ein Verstummen, das der Künstler im rechten Sinne verstand. Als die Drehung dann vollendet war, trat er an die Schwelle des Gärtchens, wie um anzudeuten, daß ihn nach einer Aussprache durchaus nicht verlange.

Auch ich hütete mich, die Stimmung reinen künstlerischen Genießens, die so selten ist, durch irgend ein Wort, und wär's nur ein Naturlaut der Bewunderung, zu stören. Denn es war ein Werk, wie ich seinesgleichen gesehen zu haben mich nicht erinnerte.

Auf einem niederen Schemel saß die nackte Gestalt des Herkules, auch ohne die Löwenhaut, die ihm vom Haupt über den gewaltigen Nacken hing, an der Bildung der herrlichen Glieder erkennbar. Er Hielt in den nervigen Armen einen Spinnrocken und sah mit einem wundersamen Ausdruck von Würde und Trauer gerade vor sich hin, den Kopf nur ein wenig emporgewendet, als lausche er einer Stimme, die ihm von oben zusprach. Hinter ihm stand, sich dicht an ihn schmiegend, das schöne Weib, das den Starken gebändigt hatte, von so hohem Reiz des voll aufgeblühten Leibes, daß man begriff,