Heft 
(1906) 12
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wie unwiderstehlich sie selbst über den Mächtigsten aller Heroen die Herrschaft errungen hatte. Sie hatte den Kopf zu ihn: hinabgeneigt, ihre Brust an seine Schulter gedrückt, die Arme aber, die voll und doch schlank waren, unter seinem Halse zu einer weichen Fessel geschlungen, der sich zu entwinden kein Halb­gott die Kraft gehabt hätte.

Das Unfertigste war der Kopf dieser Omphale, die Züge des Gesichts nur skizziert, doch der listig triumphierende Aus­druck, der zu der Situation paßte, schon deutlich erkennbar. Es siel mir nur die sehr jugendliche Bildung der Wangen und des Halses auf, die zu den reifen Formen der nackten Gestalt im Widerspruch stand. An antike Vorbilder erinnerte nichts in dem wundersamen Werk. Doch obwohl in beiden Figuren die Modelle noch durchschimmerten, war doch der Fluß und Zusammen­hang der Linien, von jeder Seite gesehen, so harmonisch ent­worfen und so fein durchgebildet, daß ein Glanz idealer Schön­heit die ganze Gruppe verklärte.

Ich besann mich eben, daß es nun doch wohl Zeit wäre, mich aus meiner Versunkenheit aufzurichten und dem jungen Meister wenigstens mit einem Händedruck zu danken, da öffnete sich das Pförtchen, und herein trat eine junge Frau, ein Knäbchen auf dem Arm, die offenbar nicht erwartet hatte, hier einen Fremden zu finden.

Sie war nachlässig gekleidet, in einem Anzug, wie ich ihn an den Frauen in den Bergen Roms gesehen hatte. Eine schwere Last schwarzer Flechten lag auf dem vollen Nacken, große goldene Reife hingen in den feinen Ohren und bewegten sich bei jedem Schritt. So waren mir die Frauen und Mädchen in Arriccia und Albano begegnet. Die volle Brust umschloß ein schwarzes Mieder, das Hemd darunter war mit einer breiten goldenen Nadel oben unterm Halse zugesteckt, und der viel­fältige blaue Rock fiel bis an die Knöchel hinab, darüber eine rotgemusterte Schürze. Das Kind, das nicht über ein Jahr alt sein konnte, war nur mit einem Hemdchen bekleidet, das hatte sich aber verschoben und ließ ein Körperchen von ent­zückender rosiger Frische und Anmut frei. Als es mich er­blickte, wand es sich heftig strampelnd mit den kleinen drallen Beinchen und drückte den runden Kopf ängstlich gegen das Gesicht der Mutter, die es streichelnd beschwichtigte. Ich war von der Schönheit des Bildes so hingerissen, daß ich unbeholfen aufstand und mich nur stumm verbeugte. Auf den ersten Blick in das reizende junge Gesicht hatte ich erkannt, daß ich das Urbild der Omphale vor mir hatte, bis auf den listigen Aus­druck in Mund und Augen.

Sie selbst mußte mit dem raschen Instinkt des Weibes ge­merkt haben, was in mir vorging, und daß ich sie mit dem Bildwerk verglich. Das Blut stieg ihr plötzlich in die weichen, etwas gebräunten Wangen, und sie war offenbar so bestürzt, daß sie meinen Gruß mit keiner Miene oder Bewegung er­widerte. Sie schritt rasch an uns vorbei auf den Mann zu, der sich bei ihrem Eintritt um gewendet hatte, und sagte ihm halblaut etwas, was ich nicht verstand.

Verzeihen Sie, wandte er sich an mich, ich werde abgerufen. Doch nur auf fünf Minuten. Meine Frau wird Ihnen so lange Gesellschaft leisten. Der Herr hat sich die Büste der deutschen Signora angesehen, Rita. Vielleicht zeigst du ihm unfern Garten.

Er ging rasch hinaus und ließ uns allein.

Ich sah an der Miene der jungen Frau, daß auch sie mich am liebsten allein gelassen hätte. Doch blieb sie ruhig noch am Eingang zum Garten stehen und beschäftigte sich mit dem Bübchen, das nun auch seine großen Augen von der Mutter weg auf das fremde Gesicht richtete.

Ich näherte mich ihr nicht, sondern fing von meiner Stelle aus mit ihr zu plaudern an, indem ich sagte, es sei doch hier innen kühler als in der Mittagsglut des Gärtchens draußen. Sie nickte nur leise statt aller Antwort. Erst als ich fragte, ob sie eine Toskanerin sei, was mir ihrer Kleidung nach nicht glaublich scheine, vielmehr hielte ich sie für ein Kind der Sabiner Berge, belebte sich das schöne stille Gesicht, und sie

erwiderte, sie sei aus Albano und erst vor zwei Jahren nach Florenz gekommen, da sie ihr Mann hierhergesührt habe. Auf meine Frage, ob sie sich leicht eingewöhnt habe, hob ein Seufzer ihre Brust. Nein, sie denke Tag und Nacht an ihre Berge und das Haus und die Vigna ihrer Eltern. Aber wo sie ihr Kind geboren, müsse ja ihre Heimat sein.

Dabei zog sie das kleine Gesicht an ihre Lippen und küßte es in überströmender Zärtlichkeit.

Ich sagte noch dies und das, und sie wurde etwas zu­traulicher. Alles, was sie antwortete, in wenig Worten, die aber eine feine, unverbildete Natur verrieten, hatte jenen etwas verschleierten tiefen Klang, der die weiblichen Stimmen im Süden so bezaubernd macht.

Da trat der Mann wieder herein, nickte ihr zu und streichelte den Krauskopf des Kindes. Die Frau verneigte sich gegen mich mit einer ruhigen, hoheitsvollen Gebärde, die keiner hochgeborenen Dame Schande gemacht hätte, und ließ uns allein.

Lieber Meister, sagt' ich, als sich das Pförtchen hinter ihr geschlossen hatte, Sie sind einer der beneidenswertesten Sterb­lichen, die mir je begegneten. Jung und im vollen Besitz der Gaben und Kräfte, die Ihnen die alte Mutter Natur verliehen hat, der glücklichste Gatte und Vater und in der Lage, eine so edle Kunst, für die Sie geboren sind, frei nach Herzenslust ausüben zu können, in einem Beruf, der Ihnen Ruhm und Gold in Fülle bringen wird wahrhaftig, Sie müßten ein Ungeheuer von Undank sein, wenn Sie nicht am Morgen und Abend eines jeden Tages den Göttern danken wollten, die Ihnen ein so seltenes Los gegönnt haben.

Sein Gesicht hatte einen eigentümlichen Ausdruck erhalten, während ich sprach. Er stand eine Weile schweigend mir gegen­über, die Augen düster zu Boden gesenkt, den Mund von einem bitteren Lächeln umspielt. Endlich sagte er, immer mit abgewandtem Blick: Meinen Sie? Und wenn ich nun wirklich ein solches Ungeheuer wäre?

Ich sah ihn erstaunt an. Der Gedanke an ein geheimes Leiden, das in allem Glück ihm das Leben verbitterte, konnte diesem jungen Herkules gegenüber nicht aufkommen. Seine Schwermut mußte ihren Grund in seinem geistigen oder sitt­lichen Naturell haben.

Ich kann nur nur denken, warf ich hin, daß Ihr Unge­nügen das nämliche sei, an dem so viele begabte Künstler kranken, daß sie selbst nach der glänzendsten Offenbarung ihres Talents das Ideal, dem sie nachstreben, hoch über sich sehen und ver­zweifeln, es je zu erreichen. Und um ihn darüber zu beruhigen, daß ihm das Höchste nicht versagt bleiben werde, fing ich nun an, alles was ich an der Omphalegruppe Herr­liches bewundert hatte, ihm aufs wärmste vorzuhalten.

Er zuckte die Achseln, warf einen gleichgültigen Blick auf das Werk und deckte die nassen Tücher wieder darüber.

Sie übertreiben, sagte er. Aber wenn Sie auch recht Hütten, das kann nun alles nicht helfen. Ich weiß selbst, daß ich ein gewisses Talent habe, Bildwerke zu schaffen, aber meinen eigent­lichsten Beruf habe ich dennoch verfehlt, darüber kann kein Ruhm und Erfolg und alles Gold der Welt mich nicht trösten.

Und was halten Sie für Ihren eigentlichen Beruf?

Taten zu tun, nicht Figuren zu kneten, meine ganze Person einzusetzen aus Tod und Leben, nicht bloß mit den Händen zu arbeiten, eeeo!

Er ließ sich auf das Ruhebänkchen sinken und stützte den Kopf in die Hände. Ich sah ihn mit grenzenlosem Erstaunen an und sann vergebens aus eine Erwiderung. Mir war einen Augenblick, als hätte ich es mit einem Irrsinnigen zu tun.

Er schien das zu fühlen, hob den Kopf in die Höhe und blickte mit einem stillen, ernsten Lächeln zu mir auf.

Sie können das nicht begreifen, sagte er. Wer würde das auch verstehen, der nur nach den: äußeren Schein urteilte, nicht wüßte, wie das alles gekommen ist und wie nur dabei zumute war. Da ich mich doch einmal so weit verraten habe, mögen Sie mich nun auch weiter anhören, daß Sie mich nicht für verrückt halten.