Heft 
(1906) 12
Seite
256
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Nun fing er an, mir von seinem Leben zu erzählen.

Es kam wunderlich heraus aus dem nur halb geöffneten Munde, in abgerissenen Sätzen, wie wenn er ungern in die vergangene Zeit zurückblickte und sich seine Bekenntnisse abringen müßte. Er hatte vorher in reinem Italienisch gesprochen; jetzt bekam seine Rede einen mundartlichen Klang, und ich hatte Zuweilen Mühe, ihn zu verstehen.

Er war in einem kleinen Bergnest der Abbruzzen zur Welt gekommen, als einziger Sohn eines Mannes, der eine Vigna besaß und daneben einen Warenhandel betrieb. Unter seinen Nachbarn war er der wohlhabendste, was freilich wenig besagen wollte, aber sie hatten ihn darum zum Sindaco gewählt. Der Sohn hatte als kleiner Knabe die Ziegen hüten müssen, die auf den Berghalden das spärliche Gras abweideten, und wie er davon sprach, das sei seine glücklichste Zeit gewesen, so einsam in der freien Natur bei Wind und Wetter, leuchteten ihm die finsteren Augen.

Dann war er in die Schule gekommen, und obwohl er den Zwang des Stillsitzens und die Mühe des Lernens pein­lich empfand, hatte ihn der Ehrgeiz doch gestachelt, der Erste in seiner Klasse zu werden. Nicht bloß dem Lehrer, sondern auch seinen Kameraden gegenüber. Denn als Sohn des Sindaco und da er seine leiblichen Kräfte fühlte, glaubte er sich berechtigt, niemand über sich kommen zu lassen, sondern als ein kleiner Tyrann in seinem Reich sich gefürchtet zu machen. Das hatte ihm viel Haß und Feindschaft zugezogen und Kämpfe, die oft blutig endeten. Immer aber war er Sieger geblieben und mit stiller Freude sich des Überschusses von Kraft in seinen jungen Gliedern bewußt worden.

Als er dann mit fünfzehn Jahren aus der Schule kam, hatte ihn der Vater bei einem Steinmetz in die Lehre gegeben. Nahe bei dem armen kleinen Ort lag ein reiches Kloster, dessen alte Kirche war durch ein Erdbeben so beschädigt worden, daß sie bis auf den Grund abgetragen und wieder aufgebaut werden mußte. Da gab es für Jahre zu tun, und dem jungen Gesellen war's recht, da er in diesem Gewerbe doch seine Fäuste brauchen und nicht als' Schneider- oder Schuster­lehrling in einem dumpfen Loch hocken mußte.

Dabei Zu bleiben dachte er freilich nicht. Sein Sinn stand danach, das Soldatenhandwerk zu treiben und sich irgendwie und wo durch kühne Kämpfe auszuzeichnen. Er hatte unter den wenigen Büchern, die ihm der Lehrer geliehen, auch ein Leben Napoleons und eine kurzgefaßte Geschichte Italiens gelesen, da war seine Phantasie erfüllt worden mit kriegerischen Bildern, und eine leidenschaftliche Liebe zu seinen: Vaterlande hatte sich seines stolzen jungen Herzens bemächtigt. Vorläufig mußte er seinen Tatendrang an den Steinen aus- lassen, die er in der Werkstatt zu behauen bekam, darunter, da er sich geschickt anstellte, mit der Zeit auch feinere Arbeiten an Gesimsen und Kapitälen, zu denen der Meister ihm die Zeichnungen gab. Er fand bald Gefallen daran, mehr aber an einem Streifzuge durch die Berge, bei dem er die Cara- binieri begleiten durfte. Eine Räuberbande machte schon seit Jahren die wilde Gegend unsicher, doch erst spät entschloß sich die Regierung, eine größere Macht gegen sie aufzubieten, und da der junge Eingeborene alle Steige und Schliche in dem unwegsamen Gebirge kannte, nahm man ihn gern als Führer mit. Das hatte sich als sehr nützlich erwiesen. Nach langem Umstellen und Vordringen in die dunkelsten Schluchten war man dazu gelangt, die zehn oder zwölf Banditen zu um­zingeln, noch ein verzweifelter Kampf, in dem auch der Sohn des Sindaco verwundet wurde, nachdem die Hälfte der Bande getötet, die andere Hälfte, darunter der berüchtigte Haupt­mann Calabresino, gefangen und gefesselt abgeführt worden war, und die Gegend konnte wieder aufatmen.

Als der Künstler dies schilderte, sagte ich mir im stillen, daß nicht bloß ein Bildhauer, sondern auch ein Dichter in ihm stecke.

Die Erinnerung hatte ihn so erregt, daß er aufstand, eine Zigarette anzündete und am Eingang zum Garten eine Weile frische Luft schöpfte.

Dann fuhr er gelassen wieder fort.

Seine ganze Hoffnung hatte er darauf gesetzt, zum Militär einberufen zu werden. Trug er einmal die Uniform, so gedachte er, den Widerstand seines Vaters zu besiegen und als Soldat seinem eigentlichen Beruf treu zu bleiben.

Doch zu seinem tiefsten Kummer hatte er sich freigelost.

Eine so düstere Melancholie habe ihn infolge dieses Fehl­schlages befallen, daß er erkrankte und seine Eltern in Sorge um sein Leben kamen. Zu dieser Zeit hatte sich ein Ver­wandter seiner Mutter, der in Florenz als Baumeister ein blühendes Geschäft beirieb, erboten, den jungen Menschen zu sich zu nehmen und ihm Arbeit bei sich zu geben. Es war zwar nicht die Erfüllung seines heißesten Wunsches, immerhin aber kam er dadurch von seiner engen Umgebung weg in die weite Welt, und vielleicht öffneten sich ihm draußen noch andere Wege, sein Ziel dennoch Zu erreichen.

Was ich in Florenz erlebte, sagte er, würde jeder andere für ein besonderes Glück gehalten haben. Ich wurde liebe­voll ausgenommen, und die Augen gingen mir auf über die tausend Wunder der Kunst, die hier versammelt sind. Und da der Mensch ein nachahmendes Tier ist, ließ es mich nicht ruhen, bis auch ich versucht hatte, ob ich etwas Schönes her- vorbringen könne. Da mein Meister es an gutem Willen, mich Vorwärtszubringen, nicht fehlen ließ, machte ich auch rasche Fortschritte und gewann schon bald etwas Beifall und auch Geld, daß ich meinen Eltern davon schicken konnte. Zu­frieden in mir selbst aber machte mich das nicht. Es war ein zahmes Tun, wobei nur ein kleiner Teil meiner Kraft ins Spiel kam. Und doch, eine Gelegenheit, den ganzen Mann einzusetzen, Gefahren zu trotzen und Mühsale zu bestehen zu einem glorreichen Zwecke, gab es ja nicht mehr. Italien war gemacht, die schweren Kämpfe, durch die es gelungen, lagen hinter mir, und als Friedenssoldat die Waffen nur bei Paraden blitzen zu lassen, das war nicht mein Geschmack.

Als es aber wieder Ernst wurde, als wir in Afrika zu tun bekamen, da war ich kein freier Mann mehr.

Sehen Sie, sagte er, indem er auf die Herkulesgruppe deutete, das hier ist mein Schicksal.

Ich bin eines Tages in den Albaner Bergen einem Mädchen begegnet, dessen Wuchs und Antlitz und wie sie ihre Glieder bewegte, mir das Blut heiß durch die Adern trieb. Ich hatte mich damals gerade vergebens nach einem Modell zu einer Brunnenfigur umgeschaut, das schien mir nun wie durch eine besondere Gunst des Himmels hier entgegenzukommen. Sie war die Tochter ehrenwerter Landleute, die eine Oliveta und einen Weinberg besaßen und sich nur eben durchschlugen. Aber ich mochte ihnen Tausende bieten, sie wiesen meinen An­trag, mir das Mädchen zu einem ganz ehrbaren künstlerischen Zweck zu überlassen, mit Entrüstung ab. Da blieb mir nichts übrig, als die Rita zu heiraten.

Ich war nur mit den Augen in sie verliebt. Das Herz aber kam nach. Denn ich könnte mir kein besseres, treueres und liebevolleres Weib wünschen, und das Kind, das sie mir geschenkt, würde vollends jeden anderen mit der stolzesten Vaterfreude erfüllen. Und doch die Arme, die Omphale dem Herkules um den Hals schlingt, drücken ihn schwerer als eine eherne Fessel.

Er sprang auf und ging ein paarmal mit hastigen Schritten in dem kleinen Raume auf und ab. Dann stand er mit düsterer Miene, in dem dichten Haar wühlend, still und sagte mit den Zähnen knirschend:

Maledetto! Hier hocken müssen und an Steinblöcken meißeln, während unsere armen Landeskinder im glühenden afrikanischen Sande verschmachten oder für die Ehre Italiens sich von halbwilden Feinden niedermetzeln lassen! Und nicht zu ihnen können, weil man Pflichten als guter Bürger gegen Weib und Kind hat! Und ein Gewissen, das einen zurück­

hält, wenn man alles von sich werfen und tun will, wozu das Herzblut einen treibt und was doch wahrlich kein frevel- ! Haftes Gelüste ist. Denn sein Vaterland zu lieben, mehr