257
als alles, was einem sonst teuer ist, kann kein Verbrechen sein. Aber freilich, wenn die, die am Ruder sitzen, eine so tolle Politik treiben — jedes Abenteuer mitzumachen, in das sie unser armes Italien verstricken, das wäre das Opfer nicht wert, das ich bringen müßte. Vor dreißig Jahren — als Italien erst noch gemacht werden mußte — da alles im Stich lassen, seine Kunst, sein Weib und Kind — oh! — damals hätt ich leben sollen!
Plötzlich fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, wie um ein schwarzes Heer von Gedanken wegzuwischen, und sagte mit ruhigerer Stimme:
Verzeihen Sie, Herr, daß ich Ihnen all das Trübselige und Verzweifelte gebeichtet habe. Sie können mir ja nicht helfen. Ich bin zu spät in die Welt gekommen. Ich hätte zur Zeit der Renaissance geboren werden sollen, wo ein richtiger Mann immer die Faust am Dolch hatte, statt sie in der Tasche zu machen. Wenn ich das Leben des Cellini lese, sage ich mir, das war beneidenswert. Aber ich. . .!
Glauben Sie, lieber Freund, versetzte ich, daß es Cellini nicht doch mehr Freude gemacht hat, seinen Perseus so herrlich zustande Zu bringen, als dem und jenem unter seinen Feinden eine eoltellata zu versetzen? Und daß er sich mit Vergnügen von irgend einem Condottiere hätte anwerben lassen, bloß um statt seiner geliebten Kunst das Waffenhandwerk einmal zu versuchen?
Er zauderte mit der Antwort. Wer weiß! sagte er dann, ein wenig unsicher. Wenn er ein großes Italien um sich gehabt hätte und für dessen Ruhm einstehen müssen, vielleicht auch das! Jedenfalls war er ein freier Mann und konnte seinem Herzen folgen, wenn er eingesehen hätte, das sei sein wahrer Beruf.
Der Gehilfe aus dem Atelier nebenan trat ein mit irgend einem Anliegen. Ich verabschiedete mich herzlich von dem Künstler, der mir in der kurzen Stunde so nahe gekommen war, und auch er drückte mir warm die Hand. In
vierzehn Tagen, sagte er, denke ich mit der Büste fertig zu sein. Wenn Sie mir dann wieder die Ehre schenken wollen . . .
Ich verspracht und verließ das Haus.
ri-
Die Frist war fast verstrichen, auch meines Bleibens in
der Arnostadt sollte nun nicht länger sein. Am Tage vor der
Abreise, übermorgen, wollte ich mein Versprechen einlösen, die Büste noch einmal betrachten und über die Art der Absendung mit dem Künstler Rücksprache nehmen.
Da saß ich eines sonnigen Nachmittags im Cafe, in eine italienische Zeitung vertieft, ohne sonderliches Interesse, da mich die Parlamentsverhandlungen wenig kümmerten, als mein Blick plötzlich auf eine Spalte fiel, in der ein ausführlicher Bericht über eine erst kürzlich vorgefallene Räubergeschichte zu lesen war.
Sie hatte in den Abruzzen gespielt, in der Nähe eines Klosters, dessen Name mir fremd war. Desto bekannter klang mir der Name der Ortschaft, deren Einwohner durch die verwegenen Streifzüge der Bande seit einem halben Jahre beunruhigt worden waren. Es handelte sich in der Tat um den Geburtsort meines jungen Meisters, und der Anführer hieß Calabresino.
Er habe, hieß es, sobald er seine zwölfjährige Galeerenstrafe verbüßt, sich sofort wieder in die ihm wohlbekannte Gegend gewendet und sein altes verbrecherisches Gewerbe wieder ausgenommen, jetzt mit um so größerer Wildheit und Ruchlosigkeit, weil er Rache zu nehmen gedachte an denen, die damals zu seiner Gefangennahme mitgeholfen hatten. Diesmal aber habe die Regierung sofort wirksame Mittel ergriffen, ihn unschädlich zu machen. Doch sei es selbst dem ansehnlichen Aufgebot der bewaffneten Macht Monate lang nicht gelungen, des tollkühnen Gesellen und seiner Helfershelfer habhaft zu werden. Sie seien jedes Schlupfwinkels in dem unzugänglichen Felsgebiet kundig gewesen, und die Einwohner hätten
dem Gesindel sogar Vorschub geleistet, von den Drohungen des Anführers eingeschüchtert.
Erst vor acht Tagen habe der Streifzug gegen den Calabresino zu einem glücklichen Erfolge geführt. Ein aus der Gegend gebürtiger junger Mann — ich las mit Entsetzen den Namen meines Freundes — habe es nicht länger ertragen, seine Heimat in der Gewalt der ruchlosen Gesellen zu sehen, und sei von Florenz aufgebrochen, um den Truppen zu Hilfe zu kommen. Durch seine kluge und energische Organisation des Gebirgskrieges sei es denn auch in kurzem gelungen, die Bande in einen Hinterhalt zu treiben, aus dem kein Entrinnen war, alle Mordbuben hätten teils den Tod gefunden, teils sich ergeben, auch der Anführer, der Calabresino, habe dem wütenden Angriff des löwenstarken jungen Künstlers erliegen müssen, doch erst nachdem er selbst in verzweifelter Verteidigung Mann gegen Mann seinem Gegner das Messer ins Herz gestoßen.
Noch am selben Abend sei der treffliche junge Mann verschieden, mit ihm eine Hoffnung der Kunstwelt Italiens zu Grabe getragen worden.
Ich war tief erschüttert.
Die furchtbare Nachricht ging mir so nah, als hätte sie einen Freund betroffen, mit den: ich Jahre lang verbunden gewesen war.
So hatte der Unglückliche denn doch alles, was das Leben ihm Schönes und Freundliches bot, weggeworfen, um in seinem vermeintlichen „wahren Beruf" zu sterben. Nicht die weichen Arme seines jungen Weibes, nicht das Lallen seines Kindes hatten ihn zurückhalten können. Seine Kunst, sein junger Ruhm galten ihm nichts gegen den leidenschaftlichen Drang, Leib und Leben daranzusetzen, um, wie der alte Halbgott, das Land von Ungeheuern zu säubern.
Ich saß eine Weile und sann den wundersamen dunkelen Fäden nach, die die Geschicke der Menschen lenken. Dann erhob ich mich, verließ das Cafe und schlug den Weg nach der Werkstatt ein, deren Meister mich nun nicht mehr an seiner Schwelle begrüßen sollte.
Auf mein Anpochen mit den: Türhammer öffnete sich im oberen Stock, wo die Wohnräume lagen, ein Fenster, eine Dienerin streckte den grauhaarigen Kopf heraus und fragte mürrisch, was ich suche. Der Herr sei tot. Auf meine Frage nach der Frau antwortete sie kurz angebunden, die sei im Garten, empfange aber niemand. Dann schlug sie das Fenster zu und ließ mich unten stehen.
Ich konnte mich aber nicht entschließen fortzugehen, ohne sie gesehen und mich erkundigt zu haben, ob sie nicht irgendwie meines Beistandes bedürfe. Aufs Geratewohl suchte ich die Tür des Ateliers zu öffnen; sie gab wirklich meinem Drucke nach, und ich trat aus der Hellen Sonne in den düsterlichen Raum, aus dem ein kühler Steingeruch — wie aus einer Gruft wollte mir's scheinen — mir entgegenwehte.
Niemand war drinnen. Das marmorne Grabdenkmal, an dem vor zwei Wochen der Gehilfe gearbeitet hatte, sah mich an, wie wenn es nun seine Bestimmung gewechselt hätte und dem gehörte, der es geschaffen, der ja auch im blutigen Kampf gefallen war. Die Büste der deutschen Frau stand auf ihrem Postament, nun ganz vollendet. Ich hielt mich aber nicht dabei auf, sondern ging in das kleinere Gemach, wo die Herkulesgruppe stand. Sie war mit den: grauen Tuch bedeckt. Doch wie ich einen Zipfel davon aufhob, sah ich, daß der Ton ganz eingetrocknet und schon rissig geworden war. Seit den acht Tagen, da die Trauerkunde in das Haus gekommen war, hatte niemand daran gedacht, die Umhüllung frisch anzuseuchten. Das herrliche Werk ging seinem Verfall entgegen.
Doch auch dabei verweilte ich nicht. Es trieb mich zu der Unglücklichen, die ich vor kurzen: in diesen: Raun: in der Fülle der Schönheit und des Glückes gesehen hatte. Ich
brauchte nicht lange mich nach ihr umzusehen.
1906. Nr. 12.
26