Heft 
(1906) 12
Seite
258
Einzelbild herunterladen

268

Im Gärtchen, nahe am Hause, fand ich sie, im Schatten eines Granatbaumes auf dem Grasboden kauernd, vor ihr auf einer ausgebreiteten Decke das Knäbchen schlafend, nur mit einem leichten Tuch zugedeckt, aus dem, da es so heiß war, die Besuchen sich frei gemacht hatten. Die Mutter schien es nicht zu achten. Sie selbst war nachlässiger gekleidet als damals, eine Flechte ihres Haares hatte sich aus dem schweren Netz im Nacken gelöst, die Ärmel hatte sie hoch aufgestreift, die Füße steckten nackt in den ausgetretenen Hausschuhen. So hockte sie am Stamm des Bäumchens, den Blick auf das Kind geheftet, und sang mit leiser Stimme ihr Ninna nanna, während ein Vögelchen im Wipfel eines Olivenbaumes dazu zwitscherte.

Als ich mich näherte, schien der Klang meines Schrittes sie aus einem tiefen Traum aufzuwecken, doch nicht so ganz, daß sie mich wiedererkannt hätte, denn ihr irrer Blick sah starr zu mir auf. Dann aber rührte sich das Kind, stieß die Decke vollends zurück und fing kläglich an zu weinen. Sogleich nahm sie es auf ihren Schoß mit leisen, liebkosenden Worten, öffnete das Hemd über ihrer linken Brust und legte den Knaben daran, der rasch Zu wimmern aufhörte und begierig zu saugen anfing.

Meine Gegenwart hatte die Frau, so schien es, völlig vergessen. Denn scheu und züchtig, wie sie mir zuerst be­gegnet war, hätte sie jetzt gewiß nicht Schulter und Busen meinen Blicken preisgegeben. Ich erkannte mit tiefer Bewegung, daß der Ärmsten, seit sie ihren Gatten verloren, die ganze Welt wie in einen Abgrund versunken und nur die Sorge für ihr Kind lebendig geblieben war.

Ich wagte es trotzdem, noch einmal zu versuchen, ob die Dämmerung ihres Bewußtseins aufzuhellen wäre. Aber der

verständnislose Blick, mit dem sie auf meine leise Anrede mich ansah, das traurige Lächeln, als sie dann wieder auf den Säugling blickte, ließen mir keinen Zweifel, daß jede Be­mühung vergebens war. So wandte ich mich hinweg und ging durch die beiden Atelierräume wieder auf die Straße hinaus.

Draußen aber zauderte ich noch. Ich überlegte, was sich tun ließe, um die Zukunft der Ärmsten und ihres Kindes zu sichern, nachdem ihr Schützer und Versorger sie verlassen hatte. Ich wollte eben den Klopfer rühren, als ein schwarzgekleideter alter Herr sich dem Hause näherte. Er sah mich verwundert an; doch als ich mich zu erkennen gab, schüttelte er mir freund­lich die Hand und nannte mir seinen Namen. Es war der Verwandte der Mutter, von dem mir der Künstler gesprochen, der Baumeister, der ihn als Jüngling zu sich nach Florenz genommen und zum Bildhauer erzogen hatte. Die Tränen standen ihm in den guten alten Augen, als er mir von seinem Gram um das verlorene junge Leben sagte: Was hätte die

Welt nicht noch von ihm zu sehen bekommen, wenn er sein Blut hätte zügeln können! ern M6220 uiutto. So sind sie alle in unseren Bergen, und mancher endet nicht besser. Aber um keinen wär's so schade wie um ihn.

Wir haben ihn bei dem Kirchlein begraben, zu dem er die Steine behauen hat. Die arme Rita, seine Frau, werde ich zu ihren Eltern nach Albano zurückbringen. Es ist dort schön, und sie wird mit ihrem Kinde in der Heimat gut aufgehoben sein. Aber lacken und sich der Sonne freuen, wird sie nie mehr. In ihrem Innern ist etwas gebrochen, was nie mehr heilen wird.

L>Mei"un-i Nüle

ßugen Mchter. (Mit dem nebenstehenden Bildnis.) Sellen werden wohl einem Manne, der in seinem Leben so heftig angefeindet war, in seinem Tode so herzliche, warmempfundene aufrichtige Trauerworte nachgefprochen werden, wie es Eugen Richter geschieht. Das Leben dieses großes Parlamentariers war Kampf; seiner Natur eignete in erster Linie eine starke kritische Begabung; er sah Feinde ringsum. Er hat die Feinde ehrlich ge­haßt, er hat sich mit ihnen auf den großen par­lamentarischen Schlachtfeldern getummelt, er hat sie verletzt, wo sich ihm eine Blöße bot. Dann schlug ihn schwere Kranlheit. Aber der Schild seiner Ehre war rein, und so kommt es, daß Eugen Richters Tod nur Empfindungen echter Trauer und ehrlicher Bewunderung für seine großen Eigenschaften erweckt. Eugen Richter wurde am 30. Juli 1838 in Düsseldorf geboren.

Er studierte in Bonn, Heidelberg und Berlin die Rechte und war in den Jahren 186964 bei der Regierung in Düsseldorf als Referendar und Assessor tätig. Dann trat er aus dem Staatsdienst aus und ging nach Berlin, wo er sich der Politik zuwandte. Im Jahre 1867 wurde er in den Norddeutschen, 1871 in den Deutschen Reichstag gewählt, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Sein preußisches Land­tagsmandat, das er im Jahre 1869 erhielt, legte er kurz vor seinem am 10. März erfolgten Tode nieder. Das Leben Richters wäre also wenig bewegt gewesen, wenn er nicht eben innerhalb dieses stillen Lebensweges eine unge­heure geistige Kraft und Regsamkeit bewiesen hätte. Seine große Bedeutung lag nicht auf dem eigentlichen parteipolitischen Gebiet. Er hat als Führer der Fortschritts-, später der Deutsch - freisinnigen Partei mehr Fehlschlüge als Erfolge erzielt. Merkwürdig er, der Parlamentarier, der in der Kraft des rednerischen Ausdrucks, in Witz und Gestaltungskraft, in Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart, vor allem aber in seiner tiefen Kenntnis aller sinanztechnischen Dinge keines Gleichen fand er ver­stand es mit all diesen Begabungen nicht, seine Partei groß und stark zu machen. Und doch hat er dem Vaterlande große und unvergleich­liche Dienste geleistet. Seine Kenntnisse des Budgetrechts, sein scharfer

Eugen

logischer Verstand machten seine kritische Mitarbeit an den Etatsbera­tungen in höchstem Grade wertvoll, zwangen ihm die Bewunderung und auch die Dankbarkeit derer ab, die seinem Parteifähnlein wohl nicht zu folgen vermochten, aber die Lauterkeit und Treue seines Charakters ehrten und liebten. Und diese Selbstlosigkeit und Pflichttreue hat es vermocht, daß die Freunde, an der Gruft Richters trauernd, schweigen können, da die Feinde ehrlich anerkennen und Preisen, was Eugen Richter dem Vaterland war. P- S.

Are Harden öei Waterloo. (Zu dem Bilde auf Seite 251.) Gibbs berühmtes Gemälde, das wir unseren Lesern heute zeigen, hat seiner­zeit in der Weltausstellung in St. Louis wegen seiner ganz hervorragenden und großartigen malerischen Eigenschaften die ungeteilte Bewun­derung der Beschauer erregt. Es stellt einen der aufregendsten und wichtigsten Vorgänge während der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815, dar, die Verteidigung des Schlosses von Hougo- mont durch Sir James Macdonell. Alle Tore des Landschlosses waren verbarrikadiert und gegen einen Überfall gesichert, nur das Stadttor nicht. Und gerade gegen, dieses richtete sich der Vorstoß der französischen Übermacht. Schon ist es den Franzosen gelungen, den einen Flügel auf­zustoßen, da zwingt die todesmutige Besatzung bestehend aus den Coldstream und Scotts Guards, die die zweite Brigade von General Cooks Division bildeten den Feind, um ein paar Schritt breit zurückzuweichen, die Torflügel werden von neuem geschlossen, der Angriff ist abgewiesen. Wellington erkannte die Bedeutung dieses Augenblicks an; denn er sprach den Preis von 500 Pfund, der für denbravsten Soldaten der britischen Armee bei Waterloo" aus- gesetzt war, Sir James Macdonell zu, und dieser wieder gab das Geld dem Serganten John Graham, der mit eigener Hand das Tor geschlossen hatte. Erst gegen Abend endete das blutige Ringen gegen die Welt­herrschaft des Korsen, als Blücher mit seinen Kolonnen pünktlich seiner Zusage gemäß auf dem Schlachtfeld eintraf und den Sieg enpchied.

Kräutern Alice Salomon. Eine der sympathischsten Erscheinungen der modernen Frauenwelt, eine Vorkämpfern: für Frauenbildung und

I. Braatz, Berlin, Phot.

Richter ch.