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und schwerer wird, wenn man den weißen Gischt sieht und der heulende Sturm höhnisch und triumphierend durch das Strickwerk des Ballons tobt — dann heißt es, eiserne Nerven haben, dann darf das Herz nicht schneller schlagen, denn eine einzige kopflose Handlung bringt sicheren Tod und sicheres Verderben.
Als die beiden Luftschiffer wußten, daß sie über der Ostsee kreuzten, und der Ballon immer tiefer sank, entfernten sie natürlich den Ballast. Aber das half nicht, sie kamen dem Wasserspiegel immer näher —- das Rauschen der Wogen drang an ihr Ohr, und kaum ein Zwischenraum von dreißig Metern trennte sie von der brodelnden Hölle. Alles, was den Ballon beschweren und was irgendwie entbehrt werden konnte, mußte jetzt beseitigt werden, wollte man nicht in den Salzfluten elend ertrinken und darauf verzichten, das Vaterland und die Lieben je wiederzusehen.
Das Zentnerschwere Schlepptau mußte geopfert werden. In dem Sturmesbrausen konnte man nur wenige Worte wechseln, man entschloß sich also schnell zur Tat.
In Stücke zerschnitten, flog das Tau in das wilde Meer. Nun folgten die Verpackungen und der Deckplan des Korbes — aber auch das brachte nicht die ersehnte Rettung. Der Ballon wollte nicht steigen, aber die Hauptsache war, ruhiges Blut und kalten Mut zu bewahren.
Was man am Leibe trug, erschwerte nur unnütz die Last — also weg mit Stiefeln, Strümpfen und Unterzeug, und wenn der eisige Wind auch bis ins Mark drang: es handelte sich um das Leben und um die Ausführung des gegebenen Dienstbefehls, mit dem Ballon nach Hause zurückzukehren. Selten hat die preußische Soldatendisziplin heldenhafteren Mannesmut gezeitigt.
„Schlapp werden", angesichts der unvermeidlichen Lebensgefahr die Energie verlieren — der Gedanke kam den Braven nicht: ausharren und mit Umsicht und Kaltblütigkeit den letzten Schimmer der Rettung wahrnehmen — diese Idee beherrschte sie.
Sie saßen in dem schwankenden Korb, und trotz der Opfer, die sie bereits gebracht hatten, stieg der Ballon immer noch nicht. Die brandende See frohlockte bereits über ihre Beute, und der pfeifende Wind verspottete schon die fröstelnden Menschen. Diese aber gaben sich noch lange nicht verloren. Man saß in dem Korb, aber wozu braucht man den Korb, wenn der Ballon Ringe hat, an denen man sich anseilen kann! Nun die Seile durch geschnitten, an denen der Korb hing, bis auf zwei, an denen man hinaufkletterte bis an das Netz. An zwei Seilen hing der Korb noch, schon bespülten ihn die Wogen, ein rascher Schnitt, und der nutzlose Korb wurde ein Spiel der wilden Wellen.
Ein rascher Schnitt, gewiß nicht mehr als das. Meßinstrumente und Karten mußten auch geopfert werden, aber gerade hierbei zeigte sich die Kaltblütigkeit des Führers des Ballons, des Luftschiffers Görgen — er ist inzwischen zum Gefreiten befördert worden — als wirklich beispiellos. Er wußte: wenn sich die beiden Kameraden retteten, so mußte er Rede und Antwort stehen, er mußte Auskunft geben können über
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Görgen.
alles, was geschehen war. Und die Beweisstücke über die Höllenfahrt wollte er mitbringen, koste es, was es wolle. Jeder Ballon führt einen sogenannten Barographen mit. Es ist das ein Instrument, auf dem man nach Beendigung der Fahrt die verschiedenen Höhen, die der Ballon erreicht hat, feststellen kann. Das Instrument ist eine Art Uhrwerk und zeichnet selbsttätig auf einem Blatt Millimeterpapier, das auf einer drehenden Walze befestigt ist, genau die Kurve ab. Jeder andere vielleicht hätte den Meßapparat einfach ins Meer geworfen; Görgen aber besaß die Überlegung, in dunkler Nacht und selbst erstarrt im Netzring sitzend, den Streifen Papier aus dem Barographen an sich Zu nehmen, bevor er das Instrument auf Nimmerwiedersehen in die Fluten versenkte.
__ Es bedarf nicht vieler Worte,
um eine solche stählerne Entschlossenheit zu würdigen. Auch die ergebnisreichste Phantasie kann sich kaum eine Lage erdenken, die gefahrvoller und entsetzlicher wäre als die, in der die beiden Soldaten in Sturmesnacht schwebten. Wer da noch an scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten denken kann und planmäßig zielbewußte Hand- lungen ausführt, der ist ein ganzer Kerl.
Nun aber der letzte und schwerste Augenblick! Alles hatte die gräßliche Lage gefordert, halb nackt, dem wütenden Schneesturm schutzlos preisgegeben, hingen die beiden Soldaten in ihren: schwankenden Halt. Vielleicht fühlten sie das Wehen des Sturmes gar nicht mehr, vielleicht empfanden sie den stechenden Schmerz, den der eisige Schnee verursachte, gar nicht mehr, und wenn vielleicht auch ihre Hände bebten — ihr Herz zitterte erst in den: Augenblick, da sie sich von ihren Seitengewehren trennen mußten — für den Soldaten der schreckhafteste Entschluß. Aber wollten sie selbst heimkehren und Meldung machen von ihrer Schreckensfahrt, so standen sie vor dem Zwange, sich der Waffe zu entäußern, die ihnen zur Verteidigung des Vaterlandes anvertraut war.
Es gibt einen aktiven und einen passiven Mut. Welcher von beiden höher gestellt Zu werden verdient, mag hier unentschieden bleiben. Als die beiden hinweg waren über die schwarzen ! Fluten, die sich wie zum Angriff wild emporbäumten, da ! mag ihnen das Hundegebell wie himmlische Sphärenmusik er- ! klungen sein, denn es bedeutete für sie blühendes Leben — i „Atmen im rosigen Licht"! — — —
Die beiden selbstvertrauenden Jungen von: Strand der Ostsee und vom grünen Rhein haben aber gezeigt, welch' eine Fülle von Tatkraft, Mut und Entschlossenheit in unserem Volke liegt. Gottlob können wir glauben, daß sie nicht die einzigen sind, die in Stunden von Sturm und Gefahr wacker die ihnen anvertrauten Posten verteidigen werden. Wir dürfen uns unserer rüstigen und wehrfähigen Jugend freuen, weil solche Einzeltaten zeigen, daß in ihr der alte germanische Wagemut weiterlebt. Und er lebt, blüht und gedeiht in allen Volksklassen gemeinsam, und in allerletzter Linie ist er schließlich auch das Band, das alle Volksgenossen im gegebenen Falle, zu gemeinsamer Tat zusammensührt.
Plep.