Heft 
(1906) 20
Seite
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Zugerufen wurde, gab ein wahres Lachkonzert zum besten. Den Sonntag darauf wurde die Verlobung gefeiert, und in ganz Berlin gab es keinen glücklicheren Menschen als

Albert Hohstadt.

Dieser ruhige, manchmal geradezu gedrückt aussehende Mensch war gar nicht mehr wiederzuerkennen, seitdem er Bräutigam war. Und die alte Stammkundschaft des Geschäfts freute sich mit Meister Ladewig über seinen Schwiegersohn, auf den der alte Herr denn auch nicht wenig stolz war.

Albert selbst war voller Pläne. Er wollte das Geschäft, wenn er erst mal verheiratet war, erweitern und modern aus­bauen. Und Papa Ladewig gab ihm zuliebe seine patri­archalischen Ideen und seine Angst vor Neuerungen auf und war mit allem einverstanden.

Nur die Frau, die hatte nicht viel für Albert übrig. Zwar erkannte sie seine Tüchtigkeit an, mußte auch zugeben, daß er fleißig und strebsam war und der Kundschaft entschieden gut gefiel, aber in ihr blieb immer ein Rest von Mißtrauen.

Ick weeß nich, was ihr alle an den habt!" sagte sie zu ihrem Manne.Jewiß, es is 'n janz orntlicha, brauchbarer Mensch, aber mein Mann wär' er nich! . . . Wenn ick den heiraten sollte, da würd' ick lieber Nonne wern!"

Der Meister war gerade beim Frühstück und goß sich einen Gilka ein. Mit vollen Backen kauend, sagte er:

Du hast imma wat, Mutta! . . . Mich wundert bloß, daß de mir jenomm' hast, damals."

Sie lachte, daß Fältchen um ihre schmalen Augen kamen und ihr Doppelkinn noch stärker wurde.

Na ja," meinte der Mann,die ganze Sache handelt sich doch bloß um die Portemonnaiegeschichte . . . un ick wollte ja nischt sagen, wenn de 't nich schließlich wiederjefunden hättest ... in' Tischkasten!"

Eben jrade dadrum!" Sie wurde eifrig.Zehmal Hab' ick rinjekuckt in den Kasten vorher, un't wa un wa nich drin! . . . Un mit eenmal, wo ick schon alle Hoffnung uffjejem hatte un jloobe, ick hab's uff de Straße verloren da is et da un licht drin!"

Na, da haste eben vorher nebenbeijekuckt, Mutta! Wat soll denn der Albert mit deine siebenunhalben Silbajroschen?! Davon wird a doch ooch nich jlicklich!"

Sie schüttelte eigensinnig den Kopf und wollte noch etwas sagen, aber ihr Mann machtePst!"

Albert, der einen Augenblick in der Küche bei seiner Braut gewesen war, trat ins Zimmer, um nach dem Laden durch- Zugehen. Er senkte den Kopf; unter feinem braunen, sorg­fältig gepflegten Schnurrbart verbarg sich ein Lachen. Er hatte wohl gehört, daß seine zukünftigen Schwiegereltern sich von ihm unterhalten hatten, und wußte auch genau, worüber. . . Deswegen konnte er kaum das Lachen verbeißen.

. . . Die Portemonnaiegeschichte! Er kicherte in sich hin­ein. ... Da kommt die Olle nich drüber weg! . . . Jrade was Sch eenes!

Und je mehr er sie sich ins Gedächtnis zurückrief, desto mehr Spaß machte ihm die Sache. Sowie er sich verlobt hatte, war die Frau, die vorher immer sehr freundlich zu ihm war, anders geworden. Zwischen Mutter und Tochter gab es oft Ausein­andersetzungen seinetwegen, und die Trude erzählte ihm das dann nachher wieder. Dadurch wurde auch der Ton zwischen ihm und Frau Ladewig immer gespannter, und mehr als ein­mal ließ die Prinzipalin in seinem Beisein deutlich durch­klingen, daß er ihr als Schwiegersohn nicht gut genug wäre.

Den jungen Mann ärgerte das; aber vorsichtig und ruhig, wie seine Natur war, ließ er sich seine Verstimmung wenig anmerken, nahm sich jedoch vor, die Frau nun auch seiner­seits zu ärgern.

Eines Tages standen er und Trude neben ihr und sahen ihr über die Schulter,. in die Zeitung, aus der sie gerade etwas Interessantes vorlas.

Zufällig glitt sein Blick am Kleide der Frau herunter, und er bemerkte in ihrer offenstehenden Rocktasche ihr Porte monnaie. Ohne sich eigentlich im Moment klar zu werden, wieso, warum er es tat, aber nachher in der festen Über­zeugung, es sei nur seine Absicht gewesen, ihr einen Schaber­nack zu spielen, ließ er das Geldtäschchen mit dem unendlich leisen und jetzt wieder goldsicheren Griff seiner rechten Hand heraushüpfen und steckte es ein. Die sehr eigene Frau be­merkte ihren Verlust wenige Minuten später und begann, fieberhaft zu suchen. Und voll boshafter Freude, endlich ein­mal den Augenblick seiner Rache gekommen zu sehen, ließ er sie einen ganzen Tag lang suchen und legte schließlich das Portemonnaie in den Tischkasten, an den Ort, wohin sie e§, da es in ihrer Tasche nicht war, bestimmt gelegt zu haben glaubte.

Denn er hatte sie nicht bestehlen wollen, kein Gedanke! . . . Aber in der Frau paarte sich jetzt mit der Zurückhaltung das Mißtrauen gegen ihn, wodurch der Friede in der kleinen Familie nicht selten gestört wurde.

Ne Hochzeit im Winter, det is ja nischt," sagte Papa Ladewig,de Sonne muß scheinen un et muß Rosen jeben . . . un vor die langen Brautstände bin ick überhaupt nicht."

Trudens Mutter hatte es nicht so eilig. Sie mochte im tiefsten Grunde ihres Herzens hoffen, daß vielleicht doch noch etwas dazwischenkommen" würde. Äußerlich schien sie jetzt ein­verstanden mit Trudens Wahl, und die Nörgeleien zwischen ihr und Albert waren nicht mehr so häufig.

Aber der Meister drückte seinen Willen durch, und die Hochzeit wurde auf den ersten Juli festgesetzt.

Und in diesem Jahr gab es Rosen in Hülle und Fülle. Überall auf den Straßen und Platzen standen die Verkäufer, und für einen Groschen bekam man schon einen ganzen Strauß. In der Wohnung des Barbiers gab es am ersten Juli kein Möbel, auf dem nicht Bukette und duftende Blumen lagen. Aber die lieblichste Blume war die Trude selbst im weißen Kaschmirkleide mit Seidenschleier und der Mprtenkrone, unter der die allerschönste Rose, ihr liebes Gesichtchen, glühte.

Sie war noch hinten im Schlafzimmer, die Mutter und ein paar Freundinnen halfen ihr, und das silberne Lachen der Braut klang durch das ganze Haus.

Aber auch der Bräutigam war von einer bei ihm seltenen Lustigkeit. Vielleicht kam das von dem glücklichen Ereignis, dem er an diesem Tage entgegenging, vielleicht auch von dem ungewohnten Weingenuß zu so früher Stunde. Papa Ladewig hatte sich nämlich mit dem Schwiegersohn, dessen schlanke Figur in dem gutsitzenden Frack und den engen schwarzen Beinkleidern recht vorteilhaft aussah, im Wohnzimmer bei einer Flasche Wein niedergelassen und war eifrig dabei, ihm noch einmal die besten Ermahnungen für seinen Ehestand zu geben.

Seh mal, mein Junge," der alte Herr wischte sich den vollen, weißen Schnurrbart mit der Hand,wir haben det Kind behütet un jepflegt, wir haben ja ooch man bloß die eene ..." er schluckte und fuhr mit dem Tuch über die Augen,un damals, wir wa'n schon zehn Jahr vaheiratet, Mutter un ick, un keen Mensch dachte mehr, daß iebahaupt noch was kommen könnte, da kam uff eenmal die Trude. . . na, du wirst ja ooch mal 'n Kind Ham, un denn wirste wissen, wie det is . . . dis Mädel weeß ja noch ja nich, daß man schlecht Zu se sein kann ..."

Der Meister hatte sich nach hinten an den Stuhl gelehnt und schluchzte reichlich in sein weißseidenes Tuch.

Albert, der ihm gegenüber saß, begriff diese Tranen nicht. Was war denn da viel zu reden? Er sollte die Trude schlecht behandeln, seine Trude? Hell auflachen hätte er können!

Und seine Augen, die über den kleinen, gleich ihm in Frack und weißer Weste steckenden Schwiegervater hinglitten, blieben an der breiten, goldenen Uhrkette hängen, die ein bißchen protzig das runde Bäuchlein zierte . . . Diese Uhrkette