Heft 
(1906) 28
Seite
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ihn als Porträtisten erst all die goldene Herzlichkeit seiner Empfindung aussprechen, die das innerste Wesen seines Schaffens ausmacht. Er bringt die über alle Worte erhabenen Porträte von eben dieser Hendrickje Stoffels, von dem ihm so nahe befreundeten Bürgermeister Six von Amsterdam, (siehe S. 589 ), die tiefergreifenden Porträte alter Frauen. Mehr noch als das: von nun an beginnt seine Malweise immer mehr fein und leuchtend, reich in der Farbe und üppig in der Gesamthaltung zu werden. Er zieht ohne Zögern und ohne Schwanken die Konsequenzen aus seiner Tätigkeit der früheren glücklichen Zeit. Wenn ihn das Schicksal ebenso begünstigt Hütte, wie es ihn verfolgt hat, so hätte er doch nicht sozusagen triumphierender malen können. Das ist nun fast ein Rätsel, aber es ist eine Tatsache, die uns in dem großen Künstler auch den großen Menschen lieben lehrt. Mitunter nur zeigt eine gewisse Milde, daß der Künstler sich beschieden hat, des Lebens Güter als Philosoph aus der Ferne zu betrachten. Aber nie findet sich ein Ton der Bitterkeit oder gar der Schwäche. So kommt es, daß seine letzten Werke auch seine besten sind, und daß er in ihnen alles noch übertrifft, was er selbst in den

Tagen des größten Glanzes geschaffen hatte. Im Jahr 1602 malte er das letzte seiner Gruppenbilder: DieStaalmeesters von Amsterdam" (siehe Seite 592 ), die genannt werden müßten, wenn man die sechs großartigsten Meisterwerke der Kunst aller Zeiten nennen wollte, ein Bild von unergründlicher Tiefe der reinsten Menschlichkeit und der überraschendsten Leben­digkeit, dazu von märchenhafter Pracht der Farbe. Ihn: gegen über stehen die ungemein zarten Kinder- und Frauenbilder aus dem letzten Jahrzehnt.

Ganz am Ende seines Lebens tritt Rembrandt fast frei willig aus aller Verbindung mit seiner Umgebung. Er schwebt wie ein abgeklärter Geist nur noch in höheren Sphären. Da schuf er jene tiefergreifenden Szenen vomKönig Saul und David", und dieRückkehr des verlorenen Sohnes", wo er in der Gestalt des alten Vaters, der in wortloser Liebe die Arme ver­zeihend um den endlich wiedererlangten Sohn schlägt, das Ab­schiedswort an sein Volk und an die ganze Menschheit spricht, ein Wort voll hoher Würde und der selbstlosesten Liebe. 1669 starb Rembrandt in einer Einsamkeit, die uns nach dem, was wir heute über seine letzten Jahre wissen, imposant erscheint.

-OIO

priede.

Oie Sonne duckt sich auf den Lweigen,

Oie Vögel halten Mittagsruh;

Lin süßes sommerliches Schweigen Seht clurch den ^alcl auf seid'nem Schuh.

Uibellen schweben auf dem lUede hpie blaße Oraume dort und hier, Ls ist so still, als saß' der Friede llm weichen Moose neben mir.

na.

Die fNcrsuren.

Von Fritz Skowronnek.

Masuren genannte Landstrich im Südosten der Provinz U ff Ostpreußen hat seit einigen Jahren durch seine land- schaftlichen Reize, die dem Wechsel von Berg, Wald und See entspringen, die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt erregt. Von Jahr zu Jahr schwillt die Zahl der Ver­gnügungsreisenden an, die, entzückt von den idyllischen Schön­heiten der Landschaft, dem Masurenland neue Bewunderer zu­führen. Weitaus interessanter als das Land sind seine Be­wohner: die Masuren. Der einzelne wohl weniger als der Volksstamm in seiner Gesamtheit. Denn er bietet der Welt das seltene Schauspiel einer überraschend schnellen Wieder­geburt, einer geistigen und wirtschaftlichen Erhebung aus dem Zustand tiefster Verkommenheit. Hand in Hand damit geht ein freiwilliger, freudig durchgeführter Germanisierungsprozeß, der in wenigen Jahrzehnten mit der völligen Verdrängung des masurisch-polnischen Idioms beendet sein wird.

Das Verdienst daran gebührt einzig und allein der Volks­schule, die allerdings keine solchen Hemmnisse zu überwinden hatte wie in Posen und Westpreußen. Sie fand keinen Wider­stand in konfessioneller oder nationaler Beziehung, denn der Masur ist evangelisch und so preußisch gesinnt, daß er die BezeichnungPollak" als Schimpfwort gebraucht.

Es ist durchaus unrichtig, die Ursachen des tiefen Verfalls in den Charaktereigenschaften des Volksstamms, vor allem in der Trunksucht zu suchen. Der wirkliche Grund liegt in der geradezu beispiellosen Drangsalierung des Landstrichs durch Kriegsnot und Epidemien im Lauf von zwei Jahrhunderten. Die erste Heimsuchung brachte der Krieg, den der Große Kur­fürst mit Polen führte. Am 18 . Oktober 1658 wurden die Schweden und Brandenburger bei dem Grenzdorf Profiten aufs Haupt geschlagen. Nun ergossen sich die Horden der mit den Polen verbündeten Tataren plündernd und mordend

über das offene Land. Nach einer amtlichen Zählung wurden damals 249 Dörfer, 13 Städte und 37 Kirchen nieder­gebrannt, 23 000 Menschen erschlagen und 34000 in die Sklaverei fortgeschleppt. Im Sommer des nächsten Jahres erfolgten noch zwei Einfälle der Horden, die nicht minder- schrecklich verliefen. Zu allem Unglück brach noch eine Vieh- und Pferdeseuche aus, so daß in manchen Kirchspielen der Acker nicht bestellt werden konnte, weil tatsächlich nicht ein Haupt Vieh vorhanden war.

Kaum hatte sich die Bevölkerung aus der tiefen Ver­elendung ein wenig emporgerafft, als in den Jahren 1708 bis 1711 der furchtbare Würgengel Pest über das Land flog und mehr als ein Drittel der Menschen hinwegraffte.

Neue Drangsale brachte der Siebenjährige Krieg. Im Jahr 1757 fielen die Russen in Ostpreußen ein, und ihre fliegenden Korps hausten ganz schrecklich auf den: flachen Land. Im nächsten Jahr kehrten die Russen zurück und nahmen das von preußischen Truppen völlig entblößte Land in Besitz. In den Jahren 1793 und 1794 drangen polnische Korps wiederholt bis in die masurischen Kreise und brand schätzten sie gründlich. Nur wenige Jahre später, 1806 und 1807 , wurde der Landstrich von den Armeen der Russen und Franzosen völlig ausgesogen. Dann kamen die schweren Lasten, die der Durchzug dergroßen Armee" nach Rußland den Einwohnern auferlegte, und der Befreiungskrieg mit seinen Opfern an Gut und Blut.

War es nach all diesen Heimsuchungen ein Wunder, wenn die Bevölkerung in Elend und Schmutz zu verkommen drohte, wenn der Bauer wie der Arbeiter den letzten Groschen in Schnaps anlegte? Die Weisheit, den Tag zu genießen, ver­erbte doch den Kindern der Vater, der mit Mühe und Not einem Blutbad entronnen war und, aus dem Waldversteck