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bei Burgscheidungen die blutigsten Kämpfe, die das Ende der thüringer Königsherrschaft besiegelten. Hunnenschlachten ließen den Boden erzittern; der Bundschuh ward in den grimmigen Schlachten des Bauernkrieges qualvoll aufgerieben. Von den Türmen läutet es Sturm, und Thomas Münzer entfesselt die armen Bauern, daß sie sich wie Opfertiere in das Gemetzel stürzen. Ritterpoesie und entsagendes Mönchstum steigen vor uns wieder'herauf. Deutsche Sendboten tragen im Wald Heinrich dem Finkler die Kaiserkrone an. Aus Weimar nahen die Gestalten unserer Dichterheroen, drüben in Kalbsrieth ländlichen Freuden sich hinzugeben.
Erinnerungen,
Bilder und Gestalten ohne Zahl, im nicht endenwollenden Zug!
Und zurückkehrend, ruht nun unser Auge auf den rauschenden Eich Wäldern tief zu
unseren Füßen, auf dem prächtigen Kpffhäuser- gebirge. Seine Lage im Herzen Deutschlands, die Überfülle der großen Erinnerungen, die Tiefdeutigkeit der Sagen, die Schönheit dieses Waldgebirges: dies alles hat dem Kpffhäuser unvergänglichen Glanz verliehen, eine Anziehung, wie sie bis auf die Wartburg kaum noch einer anderen Stätte innerhalb Deutschlands beschieden worden ist. Wohl ist der innige Zauber, der einst die dicht von Geschling und Buschwerk versteckten Ruinen des Kpffhäusers umwob, seit der Errichtung des herrlichen Denkmals verloren gegangen, seitdem man das, was bisher die Phantasie in den Berg gläubigen Sinnes verbannte, nun ins grelle Sonnenlicht emporzog. Seitdem Barbarossa erwacht ist, ging die keusche Poesie des Kpffhäusers schlafen. Doch eine andere, lautere, menschenfrohe ist dafür an die Stelle getreten. Man darf da oben nicht mehr welteinsam träumen wie einst. In Scharen wallfahrtet es jetzt vom Frühling bis in den purpurnen Herbst hinein zum Denkmal empor, Vereine, Schulen, Wanderer ohne Zahl, zu Fuß, zu Wagen, zu Pferde. Das bechert dann hier oben, singt, schwärmt von den Taten auf Frankreichs Gefilden, läßt Tausende von Kartengrüßen in alle Lande hinabflattern. Und wenn dann der Abend sich sacht hinter den verglühenden Höhen des Harzes kündet, dann zieht es wieder durch die Waldtäler heim, Arm in Arm, freudig erregt, singend, das Echo der Berge weckend. Auch das ist Poesie! Denn alle, die da wieder zur Arbeit, Zu den Sorgen und Lasten des Werktags heimkehren, sie nehmen doch in Erinnerung an diesen Tag ein Stück Sonne, einen Schimmer Frohsinn, einen Hauch deutschen Idealismus mit heim. Und dieser Gedanke muß auch den versöhnen, der lange nicht vergessen konnte, was man hier oben für immer zu Grabe trug.
Der Burgberg, der die Ruinen des Kpffhäusers trägt, bildet mit seiner 466 Meter hohen Erhebung die überhaupt höchste Stelle des gesamten Gebirges. Letzteres, in seiner Gesamtheit von dichtesten Waldungen bedeckt, gehört politisch Zum Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt. Mit Frankenhausen zur sogenannten Unterherrschaft des Fürstentums. Ein tiefes Tal trennt das kleine Berggebiet, das trotz seiner Wasserarmut doch in allen Teilen seines prächtigen Waldes einen auffälligen Reichtum an Pflanzen aufweist, in zwei Teile. Auf der Südseite des Gebirges ruht das alte Städtlein Frankenhausen,
durch seine Bauernschlacht, seine Musikfeste und heute auch durch sein Solbad weiteren Kreisen bekannt. Am Rand dieses Gebirgteiles birgt sich noch die sehenswerte Barbarossahöhle. Der nördliche Gebirgsteil trägt außer den Ruinen der Burg Kyffhausen und dem ragenden Denkmal noch an seinem Nordzipfel die malerischen Ruinen der Rotenburg, innerhalb deren Mauern jetzt deutsche Burschenschafter einen gewaltigen Bismarckturm als Feuersäule errichten lassen.
Wer aber von all den ungezählten Tausenden, die sommerlang in eiliger Hatz über das Kyff- häusergebirge sausen, kennt und ahnt nur, was dieses sonst noch an unvergeßlichem Stimmungsgehalt, an weltferner, echt deutscher Waldpoesie umfängt?! Man jagt von Frankenhausen in die Bar- baroffahöhle, empor über das Ratsfeld, wo unweit des fürstlichen Schlosses sich am Weg ein Gasthaus durstigen Pilgern öffnet, hinüber zum Denkmal, findet vielleicht noch kurze Frist, die Rotenburg aufzusuchen, um dann hinab nach Kelbra zu eilen, dort den letzten Bahnzug zu erfassen. Und doch sollte man sich einmal tagelang in diese grüne Waldwirrnis werfen, über sich die dichten Wipfel zusammenschlagen, sich Sommermärchen zuraunen lassen, während im Dickicht scheues Wild wechselt, die Waldtaube ruckst, der Specht unermüdlich hämmert, der Ruf des Eichelhähers schrill hereindringt.
Von dem fürsorglichen Landesfürsten, der ein echter Weidmann von St. Hubertus' Gnaden ist, beschützt, umfaßt das kleine Kpffhäusergebirge einen ganz außergewöhnlichen Reichtum an Wild verschiedener Art. Rot- und Rehwild beleben die sonndurchleuchteten Wälder; Wildschweine geben manchen Waldteilen ein interessantes Gepräge. Neben Hase, Dachs, Fuchs weist dieser Hochwald noch die echte Wildkatze auf, wie auch der Uhu noch in unwirtbaren Felsenschroffen heute nistet. Wundersam aber bleibt die Tatsache, daß der. große, blauschwarz glänzende Kolkrabe, der bis dahin hier überall noch zu Hause war, seit der Erfüllung des deutschen Kaisertraumes verschwunden ist. Die Raben fliegen nicht mehr um den Berg. Kaiser Rotbart ward erlöst!
Und nun dieser Wald selbst! Noch immer dank des Fürsten echter Märchenwald! Totenstill liegt er da, nur von dem Treiben der Tiere belebt. Holzhauer, Steinbrecher und Grünröcke sind die einzigen, die uns auf all den Pfaden begegnen, die nicht von der über das Gebirge sausenden Menge berührt werden. Grün ausgepolsterte, weiche Täler wechseln da mit wild zerrissenen Schluchten, Waldesdämmer löst freie Ausblicke ab. Von der Romantik der Wilddieberei, von
blutiger Tat erzählen uns totenstille Stätten. Und dann wieder sitzt man auf frei herausspringender Kuppe irgendwo, läßt die Augen beruhigt in die Weite schweifen, während unter uns der Hirt langsam mit seiner wolligen Herde vorübertreibt. Und kehrt man dann abends heim, so umschmeichelt uns der Duft frischen Wiesenheus, Nachtwind hebt in den rauschenden Kronen an zu leben, ab und zu ein verworrener Ruf aus der Tiefe des Waldes, während im Monden- schein langsam die Hirsche auf die Matten treten und nun bedächtig auf und nieder schreiten.
Das Kyffhäuserdenkmal.