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„Ach herrjeh! Vielleicht können wir's flicken?"
„Sch au's halt an!"
Es ging! Unten vorn ein faustgroßes Loch, sonst nur wenig Schaden. Das kriegen wir schon. Einen alten Eisentopf her! Wachs und Talg ist hier, Kolophonium hat der Brauer. Feuer drunter und die richtige Mischung — nicht Zu spröde -— zusammengeschmolzen. Dann ein paar alte Sacklumpen darin getränkt und ins Loch gestopft, flach geklopft, so lange es. heiß ist; ein paar glatte Sackstücke von beiden Seiten darüber geklebt und darüber noch zuletzt einige Stücke Blech genagelt. Fertig!
„Damit kannst jetzt fahren, bis af Wien!"
Und da kam auch schon der Wagen angerasselt, mit sechs tüchtigen Pferden bespannt. Wir luden auf, es kamen noch ein paar Leute mit, und wir krochen hinauf' unter die Plane. Mein Baco wurde hinten angebunden. Im schlanken Trab griffen die Pferde aus, als wär's die feinste Staatskutsche.
Als wir am Rio Preto anlangten, lächelte uns sogar die Sonne, die sich auf ein paar Augenblicke zeigte.
Meinen Baco befreite ich von Sattel und Zaum.
„Lauf, Alter! Heute kann ich dir keinen Mais geben. Such' dir schönes Gras und Cararohr!"
Er wieherte nur noch, dann aber machte er entschlossen linksum und schlug sich in die Büsche.
Wir aber steuerten unseren Kahn dem jenseitigen Gestade zu, den treibenden Bäumen achtungsvoll ausweichend. In der Mitte aber mußten wir uns doch gehörig in die Riemen legen; es zog abscheulich. Freudig wurden wir begrüßt, und vor allem das Kanu. Es mußte uns ja für die nächste Zeit unsere Brücke ersetzen; denn nach einer kurzen Pause öffneten sich die Schleusen des Himmels wieder. Noch acht Tage regnete es ununterbrochen, und der Fluß stieg noch um drei Meter. Häuser gingen uns nicht verloren, denn sie lagen fast alle hoch; aber alle Brücken bis zur Stadt Rio Negro waren weg, und wir lebten wie auf einer Insel. Alles mußte mit Kanu übergeholt werden, sogar Pferde und Ochsen. Jedes einzelne Hornvieh wurde an den Lasso genommen und hinübergerudert. Einfach Hineintreiben konnte man sie nicht, da nahm sie der Strom mit, den Fall hinunter. Halbe Wasserratten waren wir in der Zeit geworden, und das dauerte ein ganzes liebes Jahr, bis die Regierung uns eine neue, höhere Brücke bauen ließ.
Im Ouktballon zum Uordpol nult und jetzt.
Plauderei von Äans Dominik.
n schneller Folge berichten uns unsere Tageszeitungen von neuen technischen Errungenschaften. Einen Tag werden sie bewundert. Dann vergißt sie unser schnellebiges Zeitalter oder betrachtet sie als etwas Selbstverständliches. Aber diese kleinen Tagesfortschritte addieren sich und bilden zusammen den großen Fortschritt der Jahre und der Jahrzehnte.
Recht deutlich kommt uns das zum Bewußtsein, wenn wir einen Jahrgang älterer Zeitschriften durchblättern. Da lesen wir z. V. im Jahr 1898, daß es endlich gelungen sei, mit Röntgenstrahlen den menschlichen Körper zu durchleuchten, eine Röntgenaufnahme, die heut jedes Röntgenkabinett in wenigen Sekunden fertigt. Wir lesen weiter im Jahr 1899, daß auf einer Automobilwettfahrt die riesige Reisegeschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde erreicht wurde. Aber bereits 1901 fährt Gabriel die erste Etappe des Rennens Paris-Madrid mit einer Reisegeschwindigkeit von 105 Kilometern und kommt in Bordeaux eine Stunde früher an als der schnellste französische Kurierzug. Im Jahr 1900 wird der 70pferdige Morswagen des französischen Gordon-Bennettfahrers Fourier als ein unerhörtes Wunder der Technik in allen Zeitungen gepriesen, und bereits 1904 kommen 120pferdige Wagen zum Gordon-Vennettrennen. Im Jahr 1897 berichtet Professor Slaby über die ersten Marconiv ersuche, bei denen eine Verständigung über 7 Kilometer erzielt wurde. Wahrhaft dramatisch liest sich dieser Bericht: vor einer umgestülpten Kiste kauern die Teilnehmer jenes denkwürdigen Versuchs am Strand und schauen hinüber nach der nebelblauen Insel, von der die Zeichen geheimnisvoll durch den Äther daher flattern sollen. Alle erschauern, als der Morseapparat von selbst zu ticken beginnt und die Botschaft niederschreibt. Doch bereits sechs Jahre später ist man ein gutes Stück weiter gekommen. Im Jahr 1903 ragen in Südengland und Neufundland zwei Riesentürme für drahtlose Telegraphie zum Himmel, und die staunende Welt erfährt, daß der Buchstabe 8 zum erstenmal drahtlos über den Atlantischen Ozean, über 1000 deutsche Meilen hinweg telegraphiert und empfangen worden ist.
Das Studium alter Zeitungen ist interessant, interessanter noch der Vergleich ähnlicher technischer Unternehmungen, die mehrere Jahre auseinander liegen.
Zu solchem Vergleich reizt die Wellmansche Nordpolexpedition, die in diesem Jahr vorbereitet wird. — Sie will ebenso wie vor neun Jahren das Andreesche Unternehmen den
Pol im Luftballon erreichen. In dieser Grundidee sind sich die beiden Expeditionen gleich. Im übrigen aber haben neun Jahre technischen Fortschritts genügt, um sie in allen Einzelheiten ganz gründlich zu verändern.
Als Andree vor rund zehn Jahren den Plan faßte, im Ballon zum Pol zu fahren, da gab es noch kein lenkbares Luftschiff. Die einzige Möglichkeit, den Flug des Ballons ein wenig zu beeinflussen, war durch die Schleppseile gegeben. Wenn man genügend lange und schwere Seile vom Ballon aus auf dem Erdboden nachschleifen ließ, so bot sich eine schwache Möglichkeit, den Ballon mit Hilfe von Segelflächen zu steuern. Es war dann möglich, bis zu 30 Grad von der Windrichtung abzuweichen, immer vorausgesetzt, daß die Schleppleine sich nicht zwischen Eistrümmern verfing und unbrauchbar wurde. Unter solchen Umstünden blieb Andree auch bei Verwendung der Schleppleine in der Hauptsache vom Wind abhängig, und der Sommer 1896 verfloß unter fruchtlosen: Warten auf günstigen Wind. Natürlich wurde der Ballon in den: Jahr 1896/97 nicht besser, und im Sommer 1897 ließ er nach der neuen Füllung bereits ganz bedenklich Gas entweichen. Man wußte damals bereits ziemlich sicher, daß er nicht länger als höchstens vierzehn Tage schwebend erhalten werden könne, und es war eigentlich ein Akt der Verzweiflung, als Andree in: Sommer 1897 bei dem ersten einigermaßen günstigen Wind aufftieg. Er scheute sich vor dem Fluch der Lächerlichkeit und verlor sein Leben darüber.
Ganz anders ausgerüstet tritt die Wellmansche Expedition den Elementen gegenüber. Nicht umsonst hatten in der Zwischenzeit die Gordon-Bennettfahrer ihre Knochen riskiert. Nicht umsonst hatten Tausende von Automobilisten zehn Jahre lang gegen das Vorurteil der Menge und die Kurzsichtigkeit der Behörden gekämpft. Der Preis ihrer Bemühungen war der leichte und doch starke Automobilmotor, der in den Händen der Santos Dumont und Lebaudy den: Luftballon die so lange gesuchte Lenkbarkeit geben sollte. Noch ist es in aller Erinnerung, wie Santos Dumont eine Million nach der anderen opferte, ein Luftschiff nach dem anderen Laute, und wie sein Unternehmen am Ende an Sicherheit gewann. Während seine ersten Fahrten mit jähen Stürzen endigten und er einmal nur das Leben behielt, weil sich beim Fall sein Mantel im Gitterwerk eines Balkons in: fünften Stock verwickelte, konnte er mit seinen späteren Modellen bereits sichere Ausflüge unternehmen.