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Es kam das Jahr 1903, in dem das Dumontsche Luftschiff bereits ein gern gesehener Gast in den Pariser Parks war und oft wenige Meter über dem Rasen hielt, um einen Passagier auszusehen und einen anderen dafür mitzunehmen. Santos Dumont fand einen Nachfolger in Lebaudy, der das Problem bis zu einer vorläufigen Vollendung förderte. Sein letztes Luftschiff machte wiederholt zehn deutsche Meilen weite Fahrten und kehrte dabei jedesmal wohlbehalten zum Ausgangsort zurück. Die Eigengeschwindigkeit betrug dabei 15 bis 20 Meter in der Sekunde. Nun folgt den beiden Franzosen der Amerikaner Wellman. Sein Luftschiff ist unter Benutzung all' der französischen Erfahrungen gebaut. Seine Reisegeschwindigkeit dürfte daher derjenigen der französischen Modelle nicht nach stehen und etwa 60 bis 60 Kilometer in der Stunde betragen. Unter der Voraussetzung, daß der Aufstieg auf einer der nördlichen Inseln, etwa unter 75 Grad nördlicher Breite erfolgt, wird daher die Fahrt bis zum Pol nur etwa 32 Stunden dauern, und es wird möglich sein, in drei Tagen von einer solchen Expedition wieder Zurückzukehren, immer vorausgesetzt, daß die Maschinerie in gewünschter Weise arbeitet.
Ins Auge fallend bleibt aber der gewaltige technische Fortschritt gegen 1897.
Als Andree aufstieg, nahm er Proviant für drei Monate mit, obwohl er wußte, daß sein Ballon nicht 14 Tage lang das Gas halten konnte. Er rechnete sicher damit, irgendwo in der Eiswüste zu fallen und den Heimweg unter schlimmen Gefahren in zwei, vielleicht drei Jahren erkämpfen zu müssen. Die modernen Nordpolfahrer wollen, wenn irgend möglich, noch in der Woche, in der sie abfliegen, auch zurückkehren. Sie wollen, wenn möglich, die Fahrt mit allem nur denkbaren Komfort zurücklegen und aus ihrer behaglichen Gondel aus sicherer Höhe auf Gletscherfelder und hungrige Eisbären heruntersehen.
Ganz anders sind in den vergangenen neun Jahren auch die Verständigungsmittel geworden. Als Andree fortging, nahm er einige Brieftauben mit, um wenigstens die eine oder andere Nachricht in die Heimat gelangen zu lassen. Wie man weiß, ist nur eine einzige Brieftaube, die kurze Zeit nach dem Aufstieg abgelassen wurde, angekommen. Wohin irgend ein widriger Wind den Schweden verschlagen hat, ob er auf Eisfeldern, vielleicht in nächster Nähe des erstrebten Pols zugrunde ging oder ob er, durch einen Südwind in den offenen Ozean getrieben, in den Wellen verschwand, das wird wohl nie geklärt werden.
Ganz anders ist der Verkehr mit dem Wellmanschen Ballon gedacht. Dieser wird selbst eine kräftige drahtlose Station an Bord haben. Ein hundert Meter langer Draht, der aus der Gondel herunterhängt, gibt das schönste Luft
leitergebilde ab und dürfte eine Verständigung über viele hundert Kilometer mit einer gleichartigen Station gestatten, die an der Abfahrtstelle errichtet werden soll.
Als vor dreißig Jahren Jules Berne seine Helden im Ballon durch Afrika reisen ließ, beging er eine Tat, die von allen Seiten als schnödeste Utopie verschrien wurde. Man
kannte den Ballon als ein höchst kippliges Fahrzeug. Man
wußte, daß man sich gratulieren müsse, wenn man bei der Landung ohne Arm- und Beinbruch davonkam. Höchst verwunderlich wirkte daher die Jules Vernesche Erzählung, in der die Helden aus der Gondel ihres Ballons in fieberfreier Höhe das dunkle Afrika unter sich dahin ziehen sehen und nach dreistündiger Fahrt bereits zu diskutieren anfangen: Hier erlitt Vurton seine ersten Fieberverluste, hier mußte Speke seine erste Expedition aufgeben und umkehren usw.
Und doch dürfte die Wellmansche Nordpolfahrt etwas ganz Ähnliches bringen. Wenn das Luftschiff vom 75. Breitengrad mit der genannten Geschwindigkeit abfährt, so wird es in etwa zwei Stunden einen Breitengrad hinter sich bringen. Die Passagiere werden nach zehn Stunden an der Stelle sein, wo Peabody 1863 umkehren mußte. Sechs weitere Stunden werden sie bis zum 83. Grad bringen, an dem die „Discovery" im Jahr 1875 Halt machen mußte. Nach abermals sechs Stunden werden sie den 86. Grad erreicht haben, an dem seinerzeit Nansens Reise zu Ende kam. Dann folgt die Fahrt über unerforschtes Gelände. Vier Breitengrade, also acht Stunden Fahrt, sind zu machen, und das Luftschiff kann sich auf dem Pol niederlassen und zum größeren Ruhm der Union das Sternenbanner hissen.
An einem gerade aktuellen Beispiel zeigt hier ein Vergleich den gewaltigen Fortschritt der Technik im Lauf von neun Jahren. Wer zur Zeit Andrees das Wellmansche Unternehmen mit seinen technischen Einzelheiten vorausgesagt, wer von einem Motor gesprochen hätte, der für die effektive Pferdestärke nur 2,6 Kilogramm wiegt, der wäre für einen unverbesserlichen Optimisten gehalten worden. Kein Techniker hätte ihn ernst genommen, und man hätte ihn noch hinter Jules Verne einrangiert. Neun Jahre haben genügt, um solche unwahrscheinliche Utopie zur realen Wirklichkeit zu machen. Angesichts solcher Fortschritte darf man wohl die Frage stellen: Wie wird man im Jahre 1915 zum Pol reisen? Man wird wenigstens die Vermutung aufstellen können, daß dann Vergnügungsreisen zum Pol im Gesellschaftsluftschiff ebenso an der Tagesordnung sein werden wie jetzt Dampferfahrten zum Nordkap. Die Lebenden werden es sehen und vielleicht noch mehr erleben und verwirklicht finden, als sie heut zu erwarten wagen. Ist doch die moderne Technik schon oft eine bessere Dichterin gewesen als die kühnste Phantasie.
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Georg Bangs Liebe.
(17. Fortsetzung.) Roman von Aarl Rosner.
Gluck der Frau Marre Bang hatte verweinte Augen und trug graue Kleider.
Es hatte ihr das Wünschen und die Sehn- sucht (E' dieser letzten Jahre nun erfüllt: Georg war wieder da bei ihr! Aber es hatte, wie es
gab mit einer Hand, so mit der anderen genommen — sie
trauerte um ihren alten Freund und wußte nun erst, da er
fortgegangen war, was alles er für sie und für die Ihrigen
gewesen.
Bis in die letzten Stunden hatte ihn die Fürsorge für sie und für Georg nicht verlassen. Was er besessen hatte, sollten sie nun haben. Georg stand als junger Chef im Buchladen da draußen in der Mariahilferstraße, der durch so lange Zeit der Stolz des Herrn Franz Schneeberger gewesen
war. Und Frau Marie Bang, der all' die Weichheit, die in der letzten Nacht seines Lebens das Wesen ihres alten Freundes so still verklärt und mild umkleidet hatte, noch in der Seele zitterte, die wußte: er hatte mit seiner Bestimmung ihr selbst die späten Tage, die ihr noch beschieden waren, verschönen wollen, er wollte ihr den Georg wiedergeben und wollte, daß sie ihre Hände nun von der Arbeit völlig ruhen lasse.
Ruhen dürfen — oh, wie sie sich danach oft gesehnt hatte ...
Wenn sie dann saß und still hinunterschaute auf ihre Bäume, die noch einmal blühen wollten, und deren mürb gewordene schwere Äste doch nur so wenig Zage Kerzen trieben, dann schien es ihr nun oftmals wie ein Traum, daß diese Zeit der Ruhe nun für sie da sein sollte. Wie ein Erwarten