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blieb es stets in ihr — ein Warten auf ein Etwas, das noch fehlte.
Nur abends, wenn Georg auch gekommen war, dann trat in ihren Blick ein neues Leuchten.
Dann saßen sie beim Schein der Lampe um den Tisch und suhlten alle drei das Glück der Stunde.
Bis gegen zehn Uhr blieb Georg meist, dann ging er. Ganz in der Nähe des Geschäfts hatte er sich vorläufig ein Zimmer gemietet, in dem er schlief. Er wußte, daß in der bescheidenen kleinen Wohnung kein Raum für ihn verblieb, und wollte dann erst seine Mutter bitten, zu ihm zu kommen in ein neues Heim, wenn er mit Sephi dieses neue Heim gründen konnte.
Und auch in die jetzt unbewohnten Zimmer des Herrn Schneeberger einzuziehen, hatte ihm widerstrebt. Noch lag zu frisch das Leid auf diesen Dingen. Er fühlte darin wie die Mutter, die auch nur leise das Haupt wiegte, wenn auf die alten, blank polierten Mahagonimöbel die Rede kam, die dort in den stillen Stuben träumten.
„Das alles ist einmal für dich, mein Bub — für dich und Sephi ..."
Wann aber dieses „Einmal" kommen sollte, darüber schwieg Frau Marie Bang. Darüber sprach dann nur das stille zage Lächeln ihrer Augen, das so viel tiefes Wissen von geheimnisvollen Dingen barg.
Doch hier und da, wenn dieses Lächeln in müdes Träumen überging, und wenn sich dann die schwer gewordenen Lider senkten und die Atemzüge der alten Frau gleichmäßig durch das Zimmer zogen, dann suchte wohl die Sehnsucht der zwei Menschen, die sich seit ihren Kindertagen liebten, ein letztes Ziel.
Dann saßen beide still, und ihre Blicke fanden sich und ihre Hände. Sie hielten sich umschlungen, und mit leisen Stimmen redeten sie von ihrer Liebe und von ihrem Sehnen.
„Sephi, du . . .! Daß ich dich so halten darf! Sag', weißt du's denn, was du mir bist? Mein ganzes Leben mißt sich nur an dir — seit ich ein Fühlen habe, kommt's zu dir . . .!"
„Und ich, mein Georg? Jst's bei mir denn anders?"
„Und wie das werden wird, wie wunderschön! In allen diesen Jahren Hab' ich mich ja so danach gesehnt! Im Herbst Sephi — im Herbst! Jst's recht . . .?"
Sie nickte nur und schmiegte ihre Wange an die seine.
„Jetzt liegt das Schwere noch zu nah auf uns, da wollen wir's der Mutter noch nicht sagen. Sie soll erst wieder ihre Ruhe und ihren inneren Frieden haben, die aber werden ihr der Frühling und der Sommer bringen. Meinst du nicht auch?"
Und wieder nickte sie, aber ihr Blick ging sorgenvoll dabei hinüber zu der alten Frau.
„Ja, Georg, so soll's sein."
Und unsere Wohnung, die wir nehmen — drei Zimmer nehmen wir, ein Wohnzimmer, eins für die Mutter und dann eins für uns — die soll ganz in der Nähe des Geschäfts liegen, denn ich will jede freie Viertelstunde dich und die Mutter sehen können."
„Du ..." Sie strich ihm mit der schmalen, zarten Hand über das Haar und über seine Wange. All' ihre Liebe lag in diesem einen Wort und in dem Beben ihrer schlanken Finger.
„Du sollst dich auch nicht mehr plagen müssen, Sephi, denn das Geschäft geht gut und wird bald besser gehen. Glaub' mir, wir werden keine Sorgen haben, und glücklich werden wir in unserem kleinen Heim dann sein, wie's nie zwei Menschen waren. Fühlst du das auch so? Sag'!"
„Wie schön das sein wird . . . du . . ."
Und wieder Schweigen zwischen ihnen beiden, und statt der Worte nur ein sehnendes Träumen: Im Herbst ... im Herbst . . .
Aber der Frühling ging, und auch der Sommer kam, ohne daß diese Schwere, die so lastend den müden Rücken der Frau Bang zur Erde beugte, von ihr gewichen wäre.
Nicht mehr der Schmerz stand jetzt um diesen wehen Mund, doch eine stille Bitternis. Die Ruhe, die so glättend und so milde ist, die jede Herbheit löst und nur den wunschlos träumerischen Frieden kennt, die war an Frau Marie Bang vorbeigegangen.
Einmal in dieser Zeit war es, daß Georg fragend ihre Hände in die seinen nahm. „Mutter, sag', fehlt dir 'was? Fühlst du dich krank? Willst du hinaus aufs Land?"
Da fand sie nur ein stilles, mildes Lächeln.
„Aufs Land?" sie schüttelte den Kopf. „Ich werde wohl nur noch die eine Reise tun ..."
„Mutter, wie du so reden kannst! Du sollst uns noch so viele Jahre bleiben! Sag', bist du denn nicht glücklich jetzt, daß du so sprichst?"
„Glücklich? Was ich mir ersehnt Hab', Georg, ersehnt seit so viel Jahren, das ist da. Ich Hab' dich großgezogen, und du bist ein Mann. Ich Hab' dich bei mir, und du bist gut. — Gut? ... der Beste bist du deiner alten Mutter!"
„Was also plagst du dich denn, Mutter? Was machst du dir Gedanken und stille Sorgen? Du sollst doch jetzt erst aufleben — denk' selbst, ein Leben lang hast du geschafft — jetzt kommt die Zeit der Ruhe erst für dich!"
Da sah sie ihm nur lang' in seine Augen und lächelte ganz still und nickte leise. „Mein Bub ..."
Und träumend saß sie dann in ihrem Sessel, sah nieder auf die alten morschen Bäume und sann den Worten ihres Georg nach. Wie hatte er gesagt? „Ein Leben lang hast du geschafft, jetzt kommt die Zeit der Ruhe erst für dich!" Der Ruhe? Ja, sie konnte ruhig gehen. Das hatte sie sich durch ein Leben lang verdient.
Sie sann zurück, und vor ihr stand die Zeit, als er noch klein war und die Sorgen mit tausend Armen suchend nach ihr griffen. Wie oft war damals wie ein Ziel vor ihrem zagen Herzen der Gedanke: Wenn er erst groß ist, wenn er erst sein Plätzchen hat im Leben! Und der Gedanke hatte sie erstarkt in jener Zeit. Dann — dann sollte ja auch für sie ein Ruhen kommen! Jetzt war, was sie ersehnte, in Erfüllung, und nur die Ruhe, die war nicht gekommen.
Die Müdigkeit hatte sich schwer an deren Platz gesetzt. So matt war Frau Marie Bang geworden in dielen langen Jahren, die sie warten mußte ... die tausend kleinen Sorgen hatten sie verbraucht ...
Gleich wie ein Suchen Zog's ihr durch den Sinn. Warum war sie nicht froh? Da war der Bub, dem es nicht fehlen konnte, und da war Sephi, die mit ihm zum Glücke fand . . . war denn das alles nicht so viel, so- schön?! Wie doch das Leben seltsam war, daß es ihr nun die volle Freude nicht mehr gab! . . .
Und weiter sann sie still und mußte plötzlich, sie wußte nicht warum, der fernen Zeit gedenken, da sie hier durch diese Zimmer als junge Frau geschritten war . . .
Zehn Jahre der Verlobung lagen damals hinter ihr —- zehn Jahre, während deren die Sehnsucht nach dem Ziel, die heiß gewesen, gemach so müd' und still geworden war.
Wie war das doch . . . wie war das doch? . . .
Sie strich sich über ihre Stirn und sah ein Bild vor sich und wußte nicht, wieso es kam: damals in jener Zeit der jungen Ehe, da war es auch so oft in ihr gleich einem Suchen . . . wonach doch nur? . . . wonach?
Sie fand es nicht. — Und weiter zogen ihre Träume und Gedanken in langen Reihen, wie die Wolken, die langsam über das Stück Himmel zogen, das sie von ihrem Fenstersitz aus sah. —
Immer aufs neue in diesen Tagen, an denen alle Pracht und alle Schönheit des Sommers sich ergoß, versuchten Georg und Sephi die Mutter zu bewegen, daß sie sich aufraffe aus ihrem müden Träumen, daß sie mit ihnen — nur auf Stunden wenigstens — hinaus ins Freie komme. Aber beinahe immer stieß dieses Bitten auf den stillen Widerstand der Frau Marie Bang.