Heft 
(1906) 31
Seite
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Nein laßt mich, Kinder mir ist hier am wohlsten . . . Aber ihr ihr sollt gehen! Was soll ich alte Frau unter den vielen jungen Menschen draußen? Nein, nein, ich bin da nur im Weg . . . Und nur nicht das nur nicht den anderen im Weg sein! . . . Hier aber nicht wahr Kinder? hier heroben auf meinem Fenstersitz, da stör' ich niemand und steh' niemandem im Licht ..."

Mutter!" Georg trat zu ihr.Du störst auch draußen niemand, wir nehmen einen Wagen und führen dich hinaus, nach Schönbrunn, oder nach Nußdorf, oder ..."

Nach Nußdorf?" Sie sah auf und lächelte ein wenig, dann aber kam aufs neue der Gedanke, den sie schon einmal ausgesprochen hatte.Ja Georg ... das kommt auch noch. Da führt ihr mich auch noch hinaus da auf dem alten Friedhof, neben deinen: Vater werd' ich liegen ..."

Was das wieder für Worte sind! Willst du uns denn wehtun, Mutter?" Zärtlich strich er mit seinen Fingern über die müde, alte Hand.

Wehtun? . . . Euch beiden? . . . Nein."

Ganz versonnen sprach sie das. Und ihr Sinnen trieb, während sie noch so redete, wehmütig weiter.

Ob es denn nicht vielleicht das beste wäre für sie alle. Für ihren Georg und das Mädel und auch für sie. Die liebten sich, und sie war dieser Liebe am Ende wie ein Hemmnis die trieb es heute fort in all die Sommerschön­heit draußen, und sie blieben nur hier in den Zwei kleinen Stuben um ihretwillen. Und wie mit diesemHeut", so war es vielleicht überhaupt und war's noch nicht, dann mußte es doch kommen! Das fühlte sie, das ließ sie sich nicht nehmen. Die sehnten sich nach ihren: Sommerglück, nach ihrer Sonne für ihr junges Leben, und warteten doch still, weil sie im Licht stand . . . Nicht, daß die beiden das je hätten merken lassen . . sie waren ja so gut zu ihr, Georg

und Sephi . . . aber es war doch so, es mußte doch so sein ...

Und wie sie so versonnen saß, da war es ihr, als hörte sie die eigene Stimme, als klängen vor ihr jene Worte, die sie vor wenigen Augenblicken erst gesprochen hatte: nur nicht den anderen im Wege sein!" . . . Und wie ein Schatten Zog mit einem Male das ferne Bild der eigenen langen Braut­schaft und ihrer jungen Ehe vor ihr auf. Und was ihr da­mals nie so klar gewesen war, das stand ihr nun so deutlich vor der Seele Nein nein! dachte Frau Marie Bang, sie dürfen nicht, wie ich, den besten Teil des Glücks am Weg verlieren!

Mutter?!" Georgs Hand fuhr ihr leise über den Scheitel.Mutter? Was denkst du denn . .?"

Ich . . .?" Sie sah auf, und ihre Augen trafen mit einem Blick, der wie ein gutes hingebendes Bitten war, in die des Sohnes.Was ich denke? An dich Hab' ich gedacht, mein Bub, und an die Sephi an euch- ja, und daß ihr beide nur ein bissel Geduld noch haben müßt mit mir . ."

Geduld? Mutter, du weißt ja doch, was du uns bist! Und daß wir nur dich glücklich sehen wollen ..."

Da nickte sie und lächelte und sah mit stillem Träumen wieder hinunter auf die beiden müden Bäume.

Doch dann im Herbst kam der harte Tag, an dem sie wußte, daß sie auf diesem stillen Fenstersitz nun nicht mehr lange ruhen sollte.

Georg war im Geschäft, Sephi in der Stadt. Vor Frau Marie Bang am runden Tisch aber saß der Haus­inspektor und keuchte noch von der Anstrengung, die ihm die vier Treppen bis da herauf verursacht hatten. Und während er nach asthmatischen Pausen sich mit dem blauen Taschen­tuch die perlende Stirn trocknete, stieß er seine Botschaft hervor:

Ja 's is' scho' so, Frau Bang mir müassen räumen! So leid wia's uns is' um manche von die Parteien g'rad

als wia um, Frau Bang aber net wahr, das seh'n S' ein . ."

Einsehen? Nein das tat sie nicht. Sie sah den wohl­beleibten alten Herrn, mit dem sie in den vielen Jahren, seit sie im Hause wohnte, so oft gesprochen hatte, und konnte nicht verstehen, daß es Ernst mit seinen Worten sei.

Räumen? Und ich soll fortziehen von hier?"

Er lachte verlegen und tupfte dabei immer wieder mit dem zum Knäul geballten blauen Tuch gegen die Stirn und die Schläfen.

Ja 'wird halt do' nix ander's übrig bleiben so leid's uns is no ja, wann ma' so a Partei seit über fünfa- zwcmz'g Jahr' im Haus g'habt hat- net wahr? und nie kein Anstand net g'west ...!... Demaliert soll werd'n

in: Frühjahr schon no ja, verdenken kann ma's denen Erben net. können ja drei neiche Häuser hinstellen wissen S', so mit allem Komfort nach der ä 1a moäe wo jetzt dös eine dasteht - mit dem Mordstrumm Hof . . . Aber freili' der alte Herr selig, hätt's net g'macht und unserem' kommt's hart an gelt? No da Hab' i' mir halt 'denkt: krallst auffi die vier Stöck und sagst es der Frau Bang - an d' andern Leut im Haus da hab'n mir's g'schrieben aber bei Ihnen, net wahr? wo S' so lang scho' dasein . . ja . . und a so stille Partei ..."

Er schwieg verlegen und sah auf sein blaues Sacktuch nieder, das er entfaltete und sorgsam wiederum zu einem neuen Knäuel mit trockenem Deckblatt formte.

Frau Bang aber blickte ihn an, als läge es in seiner Hand, all dieses drohende Unheil von diesem stillen alten Haus fernzuhalten.

Aber Herr Schleinzer - - das ist doch nicht möglich. Das alte Haus - und ist doch noch so gut erhalten . .!"

Ja - is' halt doch so! Scharm S', Frau Bang dös is' die Zeit- die will halt's Neiche! Is' ja jetzt überall a so! Und wann s' dös Wienbett erst noch zuadeckt hab'n, dann krieg'n mir ja a ganz a neiche Stadt da heraust. Zweihundert Jahr' beinah steht's da, das Haus freili' halten tät's länger a noch aber d' Leut! woll'n was ander's jetzt mit Badzimmer und mit ölektrischer Veleichtung! Da kann der alte Vau halt nimmer mit is mit die Menschen g'rad a so! Mit mir a mi' schicken 's dann a in Pension Erben!" Er lachte ein wenig mit bitterem Humor.Na ja demalieren und umbau'n können s' mi' net lassen . . sonst macherten s' vielleicht a so an' juristischen neichen Hausinspektor nach der ü 1a moäa aus mir oder vielleicht auch drei!"

Und da sie immer schwieg und nur den Kopf so seltsam wehmütig wiegte, sagte er noch:

Mein Gott so is' halt's Leben 's Alte is der neichen Zeit im Weg, d' jungen Leut woll'n a was hab'n. No lassen S' Jhna 's nur net 'z nah geh'n, Frau Bang

finden tuan S' bald was ander's und g'rad' jetzt, ws der Herr Sohn doch da ist . . mein! den Hab' i' a no 'kennt, wie er no' in der Fatschen g'legen is! Ja, d' Zeit! Und wenn S' sonst no an Wunsch haben, Frau Bang net wahr? dann sag'n S' es nur wird alles g'macht

alles wird g'macht is' net so? No also!"

Er tupfte noch einmal mit seinem Tuch über das Gesicht und streckte ihr die breite Hand entgegen.

No geh'n mir halt wieder. Und sehn tuan mir uns schon noch und net z'nah geh'n lassen..."

Keuchend kletterte er die vier Treppen hinunter.

Doch über Frau Marie Bang kam es als eine jähe große Müdigkeit, wie sie wieder in das Zimmer trat, in dem sie eben die schwere Botschaft von dem alten Herrn empfangen hatte.

Ihr war's, als schwände ihr der Boden, und ihre Hände mußten nach dem Tisch und nach dem alten Lehnstuhl tasten, um Halt zu finden. Gleich einem Schwindel kam es über sie.

Sie wußte kaum in diesem Augenblick, was der Herr Schleinzer alles da zu ihr gesprochen hatte, sie war nur ganz