Heft 
(1906) 31
Seite
663
Einzelbild herunterladen

Kornernte.

Gemälde von W. LindenschmiL.

erfüllt von einem, das ihr unfaßbar schien, und das sich doch nicht wie ein böser Traum verwischen ließ . . .

Sie sollte fort aus diesem stillen Haus aus dieser Wohnung, in der sie seit bald einem Menschenalter wohnte ° ° °

Mein Gott mein Gott. . .!" sagte sie vor sich hin, und dabei waren ihr die Knie so schwach, daß sie sich setzen mußte.

War denn das möglich? Konnte denn das sein?!

Sie strich sich mit zitternden Fingern über die Schläfen und bewegte den Kopf in emem unverstehenden Verneinen.

Dann gingen ihre Augen durch das Zimmer. Ihr Bück wanderte an den Wänden hin und suchte und war doch zu­gleich wie in weite Ferne gerichtet. . °

Hier war sie damals eingezogen als junge Frau ° ° . hier war Georg geboren, und hier war ihr Mann gestorben. Da nebenan im anderen Zimmer, da hatte er aufgebahrt ge­legen zwischen den grünen Kränzen und das Kreuzchen mit dem Erlöser auf der Brust ° °

Mein Gott mein Gott ° « .!" sagte sie wieder. Ganz erloschen klang ihre Stimme mehr ein Zittern der Lippen war es als ein Laut.

Und hier waren die Jahre alle hingegangen mit Georg mit Herrn Schneeberger ° ° . und mit Sephi . , ° die tausend Sorgen waren hier bei ihr gewesen in diesen beiden Zimmern und in der Küche, und die zagen Hoffnungen, die zwischen jenen sprossen ... Alles was sie erlebt hatte in diesen langen, laugen Jahren, das kannten diese Wände ° . - Hier hatte sie geschafft - hier im Fensterstuhl, bis ihre Augen nicht mehr wollten und bis die Finger nicht mehr konnten ° ° - Hier war ihr, die doch einst als junge Frau hier­

hergezogen, bei den kleinen und bei den großen Sorgen die Kraft dahingegangen. . .

Und jetzt, da sie so müde und so schwach geworden war, sollte sie gehen. . . jetzt wollte man das alte stille Haus da niederreißen, und sie sollte hinaus in eine fremde Stätte!

Als ob man sie entwurzeln wollte, sie, die doch nur müd und schwank im Erdreich des Lebens stand, war es ihr. Eine Furcht überkam sie bei dem Gedanken, daß

sie nun unter fremde Menschen und in den Lärm des

Lebens sollte.

Nur das nicht . ° , nur das nicht ° ° .! dachte sie, und wie ein Flehen war es dabei in ihr.

Dann aber, wie sie sich erheben wollte, da kau: mit einem Male wieder dieser Schwinde! das Sausen und das jähe Versagen ihrer Kraft.

Da sank Frau Marie Bang wieder Zurück und fühlte, wie es sich gleich einem Nebel ihr um die Sinne zog.

Georg « . sagte sie leise.Georg « -> und wußte

doch zugleich, daß sie allein zu Hause war.

Sephi fand die Mutter, als sie bald darauf aus der Stadt zurückkam, ohnmächtig in dem alten Lehnstuhl. Erst unter deren angstvollen Bemühungen kam Frau Bang dann wiederum zu sich.

Und sie klagte nicht weiter und fühlte keinen körperlichen Schmerz. Sie sah nur wie verlegen und in abbittender Sorge, daß sie den: Mädchen diese Angst verursacht hätte, zu Sephi auf.

Es war nichts, Kind nur so ein Schwindel weißt'? Brauchst dich nicht sorgen, das is' schon vorüber ..."

Nur müde fühlte sie sich, matt und so zerschlagen- und darum legte sie sich nieder.