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Als dann Georg nach Hause kam und Sephi ihm von dem Vorgefallenen sprach, ergriff ihn eine heiße Angst um seine Mutter. Er saß bei ihr am Bett und wollte seine Sorge nicht verraten und fragte doch immer wieder und wollte alles wissen, wie es gekommen war.
„Das, was dir der Inspektor g'sagt hat, Mutterl, das hat dich so stark erregt?"
Sie zog die Achseln ein wenig an, und ein Versuch zu lächeln ging über ihr Gesicht.
„Ich weiß nicht Bub . . . nicht fragen! . . . weißt', ich bin halt eine alte Frau . . . und da kann sowas kommen."
Da sprach er ihr von jenem neuen Heim, das sie sich einrichten wollten.
„Viel schöner als es hier ist, soll es werden, Mutter! Und viel bequemer auch für dich! Drei Zimmer denk ich mir, und eins davon ist deines, da stellen wir alle deine alten gewohnten Möbel hinein und bauen einen Fenstersitz, ganz so wie hier! Aufleben wirst du dorten, Mutterl!"
Sie aber nickte nur verträumt und sah voll Zärtlichkeit auf ihn und lächelte Sephi zu.
„Drei Zimmer, ja, so sollt ihr's machen."
Und dieses verträumte Lächeln, das so viel mehr verschwieg, als es verriet, das blieb der Frau Marie Bang.
Mit ihm wehrte sie alle sorgenvollen Fragen der beiden jungen Menschen ab, die denen aus den Augen sprachen und von den Lippen stoffen, wenn wiederum und wieder ein Tag jetzt kam, an dem sie sich so früh zu Bett legte, oder an dem die Schwäche des Körpers sich vor den beiden offenbarte.
Auf Georgs Drängen war der Arzt gekommen. Er hatte lange hin und her geredet und gefragt und konnte doch nichts finden als diese allgemeine Abspannung — und dabei diese große Müdigkeit, die sich gar nicht aufraffen wollte, den Rest der Kraft zu halten, die da mit jedem Tage mehr entflog.
Und als der Winter eingezogen war, da ging das Leben der Frau Bang zu Ende.
Ein später Winternachmittag.
Georg hatte sich für die letzten Stunden in der Buchhandlung frei gemacht, denn alles drängte ihn, zu sehen, wie es der kranken Mutter ging, bei ihr zu sein und Sephi beizustehen, was diese schwere Zeit auch bringen mochte.
Heiß von dem raschen Gang durch die verschneiten Straßen und voll von all den wogenden Gedanken, die ihn erfüllten, war er angekommen. Sephi, die ihn mit müden Augen und verhärmtem Gesicht empfing und deren Kuß voll Scheu und Sorge war, gab ihm den ersten Bericht: alles im gleichen, große Schwäche und wenig Kraft. Ein Halbschlaf der Ermattung nun schon seit Stunden.
Georg war gleich, um seine Mutter nicht Zu wecken, in Sephis Zimmer eingetreten. Nur von weitem, von der halbgeöffneten Tür aus, sah er nach dem Bett der Kranken im Nebenzimmer. Er sah nur einen Hellen Schein, der sich im
Dämmerlicht des Raumes von dem Kissen hob, und ihre armen Hände, die gleich zwei selbständigen Wesen, die in dem Leben viel geschafft hatten und nun so müde und so sterbensmatt geworden waren, still auf der dunkelroten Decke ruhten.
Erschüttert und erfüllt von einem tiefen Weh hatte er sich dann abgewendet. Ihr Schlummer sollte nicht gestört werden, vielleicht, daß er ihr neue Kräfte brachte.
Dann saßen sie einander gegenüber, er und Sephi, in diesem lieben Raum, den er jetzt niemals ohne ein leises Zittern der Sehnsucht und Erregung betrat.
Auf dem Tisch stand die Lampe und senkte ihre gelben Strahlen matt gedämpft unter dem Schirm aus weißem Glas hernieder. Als ein Heller Kreis lag ihr Licht auf der Platte des Tisches, auf dem Sephis Stickarbeit ruhte, und auf den zwei jungen Menschen.
Durch die nur angelehnte Tür hörte man die leisen langen Atemzüge der Kranken, und es war so still im Zimmer, daß man das Ticken der Uhr vernahm.
Georg hatte über den Tisch vorgegriffen und hielt Sephis Hand. Wortlos ruhten ihre Augen ineinander, und bei aller Sehnsucht und allem Glück der Zugehörigkeit standen der Schmerz und die bange Sorge. Nur wenn von drüben der Atem der Kranken schwerer ging und ein leise röchelndes Stöhnen herüberdrang, dann lösten sich ihre Augen voneinander, und beide horchten gespannt hinüber, bis das Auf und Nieder wieder in seinen leisen, müden Rhythmus fiel.
Doch einmal, als das Stöhnen sich nicht verlieren wollte aus dem Schlummer der Frau Marie Bang, stand Sephi leise auf und schritt auf den Zehen hinüber in das andere Zimmer. Still und beruhigend, als spräche sie zu einem kranken Kinde, klang ihre Stimme herüber.
So blieb sie ziemlich lange.
Endlich erschien sie wieder in der Tür und setzte sich lautlos und sorgsam wieder drüben hin. Unschlüssig saß sie einen Augenblick mit müdem Ausdruck und die Hände still im Schoß. Dann aber prägten sich die Züge des Willens wieder ein in ihr Gesichtchen, die Haltung straffte sich, und ihre Hände griffen nach der Stickarbeit, die auf dem Tisch lag.
Georg mußte immer noch auf sie schauen und konnte seinen Blick nicht von ihr lassen, wie sie jetzt dasaß, mit den lieben schmalen Fingern an der Stickerei nestelnd und die sorgenden Augen unter den rötlich entzündeten Lidern auf die Arbeit gerichtet. Wie festgebannt sah er sie an, den zarten mattblassen Teint der Wangen, um den es wie ein sanftes Leuchten war, das spröde sich lockende blonde Haar des vorgeneigten Köpfchens, das müde schien, als wollte es bei all dem Leid und all der Sorge um die Kranke sacht verwelken.
Ein Fühlen voll von herber Bitterkeit goß sich in Georgs Liebe. Er sah das Frühlingswelken, das da drohte, und konnte es und durfte es nicht bannen. Ein tiefer Schmerz ergriff ihn jäh, und er stand auf und schritt Zu ihr. Nicht sprechen konnte er, doch als sie zu ihm aufsah, da nahm er ihr die Arbeit aus den Händen und schob das Leinenzeug von ihr. Dann nahm er diese fleißigen gütigen Finger, die sich so emsig in dem Hellen Lichtkreis der Lampe regten, hob sie an seine Lippen und küßte sie lange — lange.
„Meine liebe — liebe Sephi — —", sagte er nur, doch all das tiefe Fühlen dieser Stunde lag in den stillen Worten.
Und sie verstand, was ihn bewegte. Ein gutes Lächeln lag umflort von Tränen in ihrem Blick.
„Mein Georg, — alles wird noch schön und glücklich werden — —!" sagte sie, und dabei ließ sie seinen Küssen ihre Hände. Wie wohl tat ihrer müden Seele die heiße Zärtlichkeit.
Aus dem Nebenzimmer drang wieder ein Seufzer der Kranken. Da machte sich Sephi sachte los, und wieder horchten beide still und gespannt hinüber.
Dann rief die Mutter — ganz leise — kaum hörbar.
Nun nahm Georg die Lampe, und sie schritten beide schnell hinüber.
Die Mutter saß halb aufrecht im Bett, mühsam auf die im Ellbogen aufgestemmten Arme gestützt, und sah durch den Spalt der angelehnten Tür ihnen entgegen.
Als sie kamen, versuchte sie zu lächeln. Mit müden Zügen, daß es mehr der Ausdruck des Willens dazu war, als ein Lächeln selbst.
„Georg — — daß du wieder da bist —- —!"
Das dünne graue Haar der Kranken klebte in feuchten schmalen Schichten und Strähnen aneinander. Die Haut des lieben gütigen Gesichts war wächsern, bleich und schlaff, und das alles war so welk und hing so kraftlos und so wissend traurig, daß es war, als ob es sich nur noch an zwei Punkten hielte, an den matten Augen. Und daß es ganz, ganz Zusammenstürzen müßte und zerfallen, wenn sich die Augen schlössen.
Georg hatte die Lampe hingestellt. Nun küßte er die Mutter auf die Stirn und drückte sie dann sanft zurück in die Kissen.