Heft 
(1906) 31
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Wie klein der Kopf ihm schien und wie schmal die Schul­tern! Er hatte ihre Hand genommen und streichelte sie leise immer entlang den lieben, mageren, harten Fingern.

Eine tiefe Traurigkeit war in ihm, er hätte gern etwas gesprochen, irgend etwas Leichtes und Scherzendes, um ihr Mut zu geben; ihr und sich. Er sann und sann, und er setzte an, um zu sprechen, aber er brach wieder ab und fand nichts. Wie wenn kein anderer Gedanke als Traurigkeit in ihm verblieben wäre, war's ihm zumut.

Die Kranke schien das zu fühlen. Nur ein leiser Druck ihrer Finger um seine Hand war es, der ihn das ahnen ließ ganz leise, und doch so voll von tiefster Liebe und Zärtlichkeit. Es war, als legte sie ihr ganzes Mutterherz, mehr als es Worte je vermöchten, in diesen Druck der armen schwachen Finger. Und Georg beugte sich zu ihrer Hand herunter und küßte sie.

Sephi war an das Fenster getreten. Sie hatte den weißen Vorhang ein wenig beiseite geschoben und sah hinaus ziellos mit weitem, tränendem Blick. Sie sah hinweg über die engen Grenzen des Hofes, über die Dächer hin. Jetzt wendete sie sich und trat auch zum Bett. Dann stand sie neben Georg und blickte mit zagem Lächeln hernieder auf die Kranke.

Da streckte diese die eine freie Hand nach der des Mädchens aus und führte sie zu sich hinauf und so mit seiner Hand zusammen.

Und dann mit leicht aus dem Kissen gehobenen: Kopf, und während es gleich einem Leuchten um ihre Züge lag, nur die beiden Worte:

Meine Kinder . . .!"

Eine Weile noch blickte sie auf, bis sie dann den Kopf langsam wieder in das Kissen sinken ließ und die Hände der beiden mit leisen: Druck freigab. Und bis sich auch die Lider dann wieder schlossen . . .

Und Frau Marie Bang lag immer noch in ihren: matten Schlummer, als eine Stunde später der Arzt kam, um, wie er versprochen hatte, noch einmal nach der Kranken zu sehen.

Er hatte den Winterrock und Hut draußen abgelegt und rieb sich die kalten, erstarrten Finger, als er, leise auftretend, in das Krankenzimmer trat.

Grüßend nickte er Georg zu, und als er sah, daß die Kranke schlief, blieb er zu Füßen ihres Bettes stehen und beobachtete sie.

Er stand ruhig und unbewegt. Nichts rührte sich an seiner hageren Gestalt, und die Augen in dem blassen bart­losen Gesicht waren in sinnendem Ernst auf die Kranke gerichtet. Wie er so dastand, war es, als ob ein kühler, fröstelnder Hauch von ihm ausginge die frische Winterluft der Straße, von der er kam.

Georg und Sephi sahen mit gespannten Blicken auf ihn, als wollten sie sein Urteil von seinen Zügen lesen, als wollten sie dem Wort, das er sprechen sollte, Entgegenkommen. Aber er sprach nicht. Nur sein Gesicht wurde ernster, wie er so auf die Kranke niedersah, um deren Mund sich seltsam tief zwei schwere, müde Falten gezogen und deren Nase bleich und spitz geworden war.

Die fröstelnde Kälte aber, die von ihm ausging, wurde immer eindringlicher fühlbar, je länger er so stand.

Und Georg sah auf den ernsten, hageren Mann, und vor seinen von banger Sorge zerrütteten Sinnen stand es plötzlich wie eine Vision. Er fühlte, daß er völlig wach war und daß er seine Gedanken auch ganz beherrschen könnte er wußte, daß er nur diese traumhaft schwere Müdigkeit, die ihn mit einem Male überfallen hatte, abschütteln mußte, daß dieses Bild aus seiner Vorstellung verschwinden würde, wenn er sich nur einmal befreiend über seine Stirn strich.

Ihm war's, als wäre hier das alte Märchen zu trauer­vollem Leben 'aufgestanden das Märchen vom Gevatter Tod. Da stand der Allerlöser, der hagere und bleiche Freund, still und mit gütig ernsten Augen zu Füßen dieses Bettes, und er sah ihn vor sich und konnte ihm nicht wehren. . .

Dann sah er, wie der Arzt ihn nickend grüßte und wie er ging.

Sephi aber nahm die Lampe und schritt leuchtend neben ihm hinaus.

Es war jetzt dunkel im Zimmer. Nur der Rahmen des Fensters umgriff eine Fläche, von der ein dämmerndes Scheinen ging, das um die Umrisse des Fensterkreuzes floß. Georg stand noch immer knapp vor dem Bett seiner Mutter, und ein Gefühl abgespannter Müdigkeit und Willenlosigkeit hielt ihn da bannend fest. Ganz still, daß er kein Glied bewegte.

Er hörte, wie Sephi draußen noch mit dem Arzt sprach. Er vernahm das schüchterne, zage Fragen ihrer Stimme und das bedächtige Antworten des anderen. Er verstand die Worte nicht, und er lauschte auch nicht nach ihnen. Aber er ahnte den Sinn, und mit müdem Schmerz mußte er denken: Er

hat zu Füßen ihres Bettes gestanden... Da war es ihm bei all der schwerblütigen Traurigkeit, die ihn erfüllte, seltsam zumut, wie ruhig ihn diese Gedanken ließen. So stumpf und dumpf; nur drückend lagernd über ihm, und müde, sehr müde.

Und unbeweglich saß er still im Dunkel, bis dann Sephi wiederkau: mit der Lampe und bis er die beiden Tränen sah, die ihr über die Wangen herunterliefen. . .

Es war Nacht, und Frau Marie Bang war tot.

Ganz sachte, wie auf Zehenspitzen, war sie aus dem Leben gegangen, wie wenn sie es die anderen nicht merken lassen wollte, daß sie scheide. Ohne Abschied war sie gegangen, um ihnen so den letzten Schmerz zu ersparen.

Im Zimmer war es dunkel. Aber die Vorhänge waren nun von dem Fenster Zurückgezogen, und so goß der Schnee auf den Dächern den Widerschein des nächtigen Himmels tief bläulich über die wächsernen Züge der alten Frau. Und Georg saß still, regungslos an ihrem Bett und hielt die starre, kalte Hand. Wie etwas Fremdes ruhten ihre Finger in den seinen.

Sephi hatte mit ihm wachen wollen, aber er hatte sie gebeten, ihn mit der Mutter allein zu lassen und selbst ein wenig zu ruhen. Da war sie gegangen. Sie mochte gefühlt haben, daß es ihn drängte, noch einmal mit der Toten allein zu sein, mit ihr das letzte Scheidewort zu sprechen.

Ihm war es bisher kaum verständlich, was geschehen war. Nur das dumpfe Gefühl eines großen Unglücks lag über ihm, gleich einer schweren undurchdringlich lastenden Wolke. Aber beinahe ohne Schmerz. Nur der unfaßbare Gedanke: Sie ist jetzt tot. Die Mutter ist jetzt tot.

Und das sammelte sich jetzt in ihm, langsam und kann: merklich, mit wachsender Spannung. Dann plötzlich aber, als ein leises Frösteln ihn aufschrecken machte, und als sein Blick über das bleiche, spitzige Gesicht der Toten lief, da brach es durch die Schranken und entlud sich in krampfhaft wildem Schluchzen.

Nun erst kam es ihm zum Bewußtsein, was alles er an ihr verloren hatte. Nun erst begriff er ganz, daß sie gestorben war, sie, die ihm sein Leben lang die beste, zärtlichste Mutter gewesen. Er begann zu erfassen, daß er nun nie mehr ihre liebe Stimme hören würde, daß er sie nie mehr in dem großen Sessel draußen und an dem Fenster sollte sitzen sehen. Als wäre eine Lähmung, die ihn bisher fest umfangen hielt, von ihm gewichen, so fand er nun erst Sinn und Blick für all das Todesleid.

Ihr Augen! dachte er, ihr lieben, guten Augen! Nur einen Blick noch, einen solchen Blick, in den: die große Liebe so gütig leuchtend durch den trüben Schein des Kummers und der Alltagssorgen brach! Ihr Hände nur noch einmal euer Streicheln, das alle Schmerzen lindert und das das Wehe­vollste leichter tragen läßt! Ihr Hände, jetzt verlaßt mich nicht!

Mutter. . .!"

Die aber lag und hörte seinen Ruf nicht mehr. Das heiße Weh des furchtbaren Verlustes, die Sehnsucht und der

1906. Nr. 31.

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