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Schmerz schrien zu ihr, doch Frau Marie Bang blieb still, ihr Georg suchte sie zum erstenmal vergebens.
Nun sah er regungslos auf sie hernieder. Der Nachhall seiner Stimme zitterte noch in dem Raum, und er verklang, und es war wieder still. Und nichts — kein leises Zucken auf den bleichen Zügen, kein Echo und kein Zeichen, daß sie ihn noch hörte!
Da fühlte er ein so unendlich tiefes Weh, daß er den Trost der Tränen fand und weinen konnte. Nur weinen, rückhaltlos und heiß und nach ihr rufen. Er wartete nun nicht mehr auf ein Zeichen, er wußte es jetzt in den tiefsten Tiefen: die Mutter war gestorben.
So kniete er in Schluchzen vor dem Bett, bis er matt geworden war, und bis die Tränen sich ihm versagten. Dann sank der Kopf ihm nieder auf der Mutter Decke.
So blieb er lange, und wie ein Gebet, ein Lobgesang zum Preise dieser Frau, die da mit ewig stillen Lippen lag,
zog ihm durch all' den Schmerz des Augenblicks die Erinnerung. Was sie, seit er nur denken konnte, ihm gewesen, was sie an Sorge wortlos still getragen, an Liebe lächelnd hingegeben hatte, in all' der Zeit, das sah er
nun an sich vorüberziehen. Er sah sie geben, immer wieder geben, und sah auch, wie ihr ganzes Fühlen und ihr Denken nur noch der Sehnsucht nach dem Glück jener beiden
gegolten hatte, die ihr die Liebsten waren — dem Glück von
ihm und Sephi.
Und da ergriff ihn hier am Bett der Toten der weite Sinn von einem Wort, das Heinrich Gerold einst zu ihm gesprochen hatte: Was ihm genommen ward, das war allein
der Mutter Leib. Sie selber mußte leben und unvergänglich sein in ihm und Sephi — auch wenn die guten Augen und die tröstend milden Hände nicht mehr die tiefe Liebe eines Mutterherzens säen und heimlich all' die schwere Alltagssorge ernten konnten. (Schluß folgt.)
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Aas Anörtäurn der Anitinfaröen. Von alters her benutzten die Menschen den Teer zu allerlei Dingen, zu konservierendem Anstrich von
Holz, zu Wagenschmiere und dergleichen. Die biederen Teer- schweler ahnten aber nicht, welch seltsamen Stoff sie erzeugten. Wenn man ihnen gesagt hätte, daß aus ihm kostbare Arzneien und die schönsten Farbstoffe bereitet werden könnten, sie hätten beim Anblick der unscheinbaren schwarzen Masse ungläubig den Kopf geschüttelt. Die Chemie brachte jedoch dieses wunderbare Kunststück fertig. Leicht wurde ihr das nicht; es bedurfte einer Arbeit von Jahrzehnten, bis all die seltsamen Bestandteile, die im Holz- und Steinkohlenleer enthalten sind, genau ermittelt wurden, bis man lernte, aus ihnen neue Stoffe zu erzeugen.
Bor achtzig Jahren stellte der Chemiker Unverdorben Versuche mit dem Jndigofarbstoff an; er unterwarf ihn einer trockenen Destillation und erhielt dabei unter anderem eine farblose ölartige Flüssigkeit, die mit Säuren kristallisierende Salze lieferte; er nannte den neuen Stoff „Kristallin"; erst später erhielt er von Fritzsche den Namen Anilin, der von dem portugiesischen Wort aml, das heißt Indigo, abgeleitet wurde. Im Jahr 1834 machte Runge die Entdeckung, daß dieser Stoff, wenn auch in geringen Mengen, im Stein- tohlenteer sich vorsinde; dabei entging es dem Forscher nicht, daß er in Verbindung mit anderen Körpern Färbungen erzeuge. Brachte man dieses „Ol" in eine Chlorkalklösung, so erteilte es dieser eine violette Färbung; aus diesem Grund wurde das Anilin von Runge „Kyanol" genannt. Man legte aber dieser färbenden Eigenschaft keine Bedeutung bei. Inzwischen arbeitete der später so berühmt gewordene Chemiker August Wilhelm von Hosmann in Liebigs Laboratorium zu Gießen, suchte die Natur der im Steinkohlenteer vorhandenen Stoffe näher zu ergründen und die chemischen Wandlungen des Indigos festzustellen. Diese Studien setzte er auch fort, als er im Jahr 1845 an das neu gegründete Royal College of Chemistry in London berufen wurde. Unter anderem fand er, daß man das bis dahin nur in geringen Mengen vorfindbare Anilin aus einem anderen Bestandteil des Steinkohlenteers, dem Benzol, in beliebigen Mengen Herstellen könne. Nun begann man mit diesem Stoff weitere Versuche anznstellen.
Im Jahr 1853 entdeckte Beißenhirz, daß Anilin mit doppelchromsaurem Kali und Schwefelsäure einen blauen Farbstoff ergebe, hielt aber diese Beobachtung für unwesentlich.
Unter der Leitung des deutschen Lehrmeisters in London arbeitete aber auch ein genialer junger Engländer William Henry Per- kin; er stellte sich die Aufgabe, das kostbare Chinin künstlich zu erzeugen. Dabei arbeitete er auch mit dem Anilin, und als er es mit Chromsäure behandelte, erhielt er einen schwarzen Niederschlag. Er untersuchte ihn näher und fand, daß er sich in Spiritus mit prachtvoller violetter Farbe auflöste; nun tauchte Per- kin einen Seidenfaden in diese Lösung und sah, daß der Stoff die Farbe trefflich annahm.
Praktischeren Sinnes als seine Vorgänger, setzte sich der englische Forscher mit einer Färberei in
Verbindung und gewann bald die Überzeugung, daß dieser neue, erste künstliche Farbstoff wohl für die Industrie verwendbar wäre. Von seinen Familienmitgliedern unterstützt, gründete er alsbald eine Fabrik, in der dieses Mauvein oder Perkins Violett erzeugt wurde. Der Erfolg war befriedigend, die Bahn war gebrochen, und nun mehrten sich die Entdeckungen. Schon im Jahr 1858 entdeckte August Wilhelm von Hofmann das Nosanilin, und im selben Jahr stellte der Franzose Verguin ein neues Präparat her und gab ihm den populär gewordenen Namen Fuchsin. Ein wahrer Wettstreit entbrannte darauf, die Welt wurde mit neuen Farbstoffen überschüttet. Auf die ersten Anilinfarben folgten die Alizarinfarben, die den Farbstoff des Krapps ersetzten, und den jüngsten Triumph feierte die Chemie in der Darstellung des künstlichen Indigos aus Naphthalin. Frühzeitig wurde die neue Farbenindustrie nach Deutschland verpflanzt und dank dem innigen Zusammenwirken von Wissenschaft und Technik gelangte sie zur höchster: Blüte. Nahezu eine Million Zentner künstlicher Farbstoffe wird jetzt jährlich in Deutschland erzeugt, und ihr Wert beläuft sich auf Hunderte Millionen Mark. Deutsche Farben gehen in alle Welt. Ende Juli strömten bedeutende Chemiker aller Länder nach London, um dem
Ferdinand von Saar ch.
Das Nembrandt-Denkmal in Leiden.
Ausgeführt von T. Dupuis.
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Johann Martin Schleyer,
Erfinder der Weltsprache Volapük, feiert seinen 76. Geburtstag.