Heft 
(1906) 36
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und zu zwang man uns ein gut Teil Weges zu gehen war bei so schleppender Last äußerst mühsam und schmerzhaft. Essen, Schlafen und die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse war noch schwieriger. Nacht und Tag wurden die Ketten nie abgenommen. So beförderte man uns, teils in Wagen oder auf der Eisenbahn, teils zu Fuß, mehrere Tage lang durch das Land hin in die Festung Rastatt. Frau Struve allein wurde nicht gekettet, obwohl sie selbst es ver­langt hatte, als sie sah, wie man ihren Gemahl in Eisen schloß.

Wo immer ein Befreiungsversuch möglich schien, da kleine Abteilungen der Unsrigen unter Neff und Wolfinger noch in der Nahe umherzogen, erklärte uns der Offizier jedesmal: er habe den Befehl, wenn ein solcher Versuch gemacht werde, uns sofort zu erschießen". Diese freundliche Mitteilung hatten wir während mehrerer Tage wiederholt zu hören. An einem Haar hing es, ob ein Versuch von unfern Kampf­genossen, die von solchem Befehl nichts wußten, gemacht würde. So hing das Damoklesschwert stets über unfern Häuptern.

In dem Dorf Bingen, wo ein durch seine Berfolgungs- wut gegen alle Bewegungsmünner bekannter Pfarrer die Bauern durch Verdächtigungen gegen uns aufgeheht hatte, schlugen einige feindlich Gesinnte schon die Gewehre auf uns Gefangene an. Dieser heilige Mann ein ehemaliger Schul­kamerad Struves schien gleichwohl für andere mögliche Fälle sich selbst sicherstellen zu wollen, denn er lief neben dem Wagen, in dem wir saßen, her, als ob er noch ein altes Freundschaftsgefühl für Struve empfände. Er mochte wohl denken, das Blatt könne sich eines Tages wenden.

In Schliengen wurden wir spät nachts an Oberleutnant Müller abgeliefert. Er empfing uns mit den Worten, er habe den Befehl, uns nach Müllheim zu bringen; sofern wir uns aber rührten, oder ein Befreiungsversuch gemacht werde, uns alle niedermachen Zu lassen. Struve erwiderte ihm: zwei der Mitgefangenen, der Student Karl Bauer und Trautmann, seien nur ganz Zufällig mit uns in Verkehr ge­kommen, nicht an dem Zug beteiligt gewesen. Ihr Leben möge man daher jedesfalls schonen. Der Offizier wieder­holte jedoch einfach seine Drohung der Niedermachung.

In dem Wagen, in dem wir fuhren, saßen Soldaten mit geladenen Gewehren, und Gendarmen, die den Hirschfänger gegen unsere Brust richteten, sobald der Zug anhielt und eine Streifwache ausgeschickt wurde, um zu erkunden, ob nicht Freischaren noch in der Nähe seien. Bei nächtlicher Fahrt litten wir alle sehr durch die Kälte, ohne wärmere Kleidung. Ich war in leichtestem Sommergewand ins Feld gezogen und trug, weil von früh auf abgehärtet, keinerlei Unterkleidung.

Ich kann nicht sagen, daß all' diese Todesdrohungen mich tief erschütterten. Nachdem wir einmal im Kampf das Leben aufs Spiel gesetzt hatten und in die Hände eines erbarmungs­losen Feindes gefallen waren, nahm ich den Tod als das wahrscheinliche Los an und sah ihm ruhig entgegen.

Eines Nachts, am Boden auf der Matratze liegend, fühlte ich plötzlich, daß das Kettenschloß, an dem ich mehrmals ge­rüttelt, an meiner Hand nachgab. Rasch kam mir der Ge­danke: Wäre da nicht eine Flucht möglich in der Verwirrung, die manchmal auf dieser langen, abenteuerlichen Fahrt eintrat? Wie, wenn ich nun die Kette, unter der Decke, vorn Knöchel aus durch die Hose steckte und dann, gleich einem unbeteiligten Zuschauer, einen günstigen Augenblick zur Flucht benützte?

Allein, wie schon einmal früher in Rheinbapern, als ich mit Friederiken, meiner späteren Frau, verhaftet worden war, konnte ich mich nicht entschließen, meine Mitgefangenen zu verlassen. Man sah zuletzt, daß das Kettenschloß zerrüttet war, und ich wurde nun in neue, noch schwerere Eisen gefesselt.

Einmal, als wir in einen Bahnhof gebracht wurden, gab ein Soldat in roher Weise der Gemahlin Struves einen Stoß mit dem Gewehrkolben, um sie rasch vorwärtszudrängen. Sofort versetzte ich dem Mann einen Gegenstoß mit meiner

geketteten Hand und verwies ihn: sein schändliches Benehmen. Er starrte mich Zornig an, schwieg jedoch. Der begleitende Unteroffizier, offenbar angewidert von dem Gebaren des rohen Gesellen, griff nicht ein.

Amalie Struve war von ungewöhnlicher Schönheit und anmutiger Gestalt; mehr südlichen Gepräges, mit dunkeln, eher leuchtenden als blitzenden Augen, und doch mit einem Anflug schwermütiger Träumerei; mit reichem, dunkelbraun glänzendem Lockenhaar, das auf ihre Schultern herabfloß. Sie war die Tochter eines eingewanderten Franzosen namens Dusar und einer deutschen Mutter. Zu ihrem Gatten, der, obschon nur 43 Jahre alt, mit seinem ergrauten Bart und seiner vorzeitigen Kahlheit weit bejahrter aussah, bildete ihre jugendliche, lebhaft bewegte Erscheinung einen ausfälligen Gegensatz. Sie und ihr Bruder Pedro Dusar, der einen helleren, ganz germanischen Anblick bot, waren in Deutschland geboren und waren so vaterländisch gesinnt, wie es nur der beste Deutsche sein konnte. Die Tapferkeit, mit der Amalie Struve ihr Schicksal ertrug, mag aus einem Brief ersehen werden, den sie an ihre Eltern richten durfte. Sie meldete darin Struves, ihre und meine Gefangennahme und gemein­same Verbringung nach Schopsheim, sprach ihnen Trost zu und bat sie, ebenso ruhig und fest zu bleiben, wie wir es mit reinem Gewissen in dem Streben nach Edlem und Hohem seien.

Während unseres Freischarenzuges war ich kaum zu irgend welchem Schlaf gekommen. Verwaltungssachen waren unab­lässig zu erledigen. Mehrere Nächte hindurch hatte ich nur ab und zu, stets in den Kleidern bleibend und am Boden auf einer Matratze liegend, ein wenig Ruhe während einer Viertel- oder halben Stunde genossen. Denn bei dem auf­fallend nachlässigen Verfahren unseres militärischen Führers Löwenfels, der sogar während des Kampfes verschwand, hatte ich auch auf diesem Gebiet vielfach Befehle zu erteilen gehabt. Meine tiefe Ermüdung machte sich jetzt geltend.

Im Garten eines Wirtshauses, wo wir zeitweilig unter­gebracht wurden, während eine Streifwache wieder auf Kund­schaft ausging, fühlte ich mich so todmüde, daß ich, mit Kopf und Armen auf einen Tisch gelehnt, einzuschlummern begann, als wiederum Drohungen mit Erschießung an mein Ohr schlugen. Ich achtete kaum darauf. Wiederholt weckte mich jedoch der Ruck der schweren Kette, die den Arm herabzog. Den ganz wütenden Unteroffizier hörte ich dann seinen Leuten den Befehl zum Laden der Gewehre geben und heftige Ver­wünschungen gegen uns ausstoßen. So überwältigend war aber das Bedürfnis nach Schlaf, daß seine zornigen Ausrufe über meine ruhige Gleichgültigkeit nicht die mindeste Wirkung ausübten. Ich hatte ein Gefühl, als wäre es mir einerlei, wenn man mir kurzweg den Kopf abschlüge.

Unser Leben hing auch da wieder an einem Haar. Es handelte sich nur um einige Minuten bei einem, wie man glaubte, bevorstehenden Befreiungsversuch.

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In Müllheim wurden wir, unser sechse, in ein kleines Zimmer des Rathauses gesperrt, mit zwei Soldaten als innerer Wache. Dort hatten wir kurz vorher unser Haupt­quartier gehabt. Dicht an diesem engen Raum, nur durch eine Flügeltür getrennt, befand sich ein großer Saal, in dem Truppen lagerten. In der Nacht wurden für uns sechse lediglich Zwei Matratzen auf den Boden gelegt. Da hatten wir in den Kleidern und in Ketten zu schlafen. Bei der Schmalheit des Zimmers und der Ruhestatt mußten Struve, seine Gemahlin und ich in dieser Weise nebenein­ander liegen. Die andern hatten sich auf den Seitenbänken ohne irgendwelche Unterlage zu behelfen. Unsere Wächter nahmen nicht die geringste Rücksicht auf den einfachsten An­stand, den man einer Frau schuldet. Es wurden weder Kopf­kissen noch Decken gegeben, noch auch Heizung veranstaltet. Wir ballten unsere Filzhüte Zusammen, um für Struve, als den Aeltesten, eine Art Kopfkissen zurechtzumachen.