Heft 
(1906) 36
Seite
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Vom frühen Morgen an wurden wir der Gegenstand von Beschimpfungen. Die Truppen waren durch lügnerische An­gaben über dieBriganten", wie General Hoffmann uns nannte, aufgebracht worden. Einige Soldaten im nächsten Saal stießen eine Füllung der Flügeltür mit dem Gewehrkolben ein und gafften unter höhnischen Bemerkungen herein. So wurden wir drei Tage lang in Unsicherheit über unser Los gehalten.

Das ist also Deutschlands Kaiser, der Befreier des Volkes!" spottete ein hereingelassener Rückschrittsmann, auf Struve deutend. Erneute Todesdrohungen wurden laut. Ein junger Offizier aber, von menschlicher Teilnahme erfüllt, stürzte aufgeregt herein mit den Worten:

Es ist ein Komplott vorhanden, euch zu morden! Aber nur über meinen Leichnam kann es geschehen!"

Das alles ertrugen wir völlig gefaßt. Ich vermute, es war der Freundlichkeit dieses von Mitleid bewegten Offiziers zu danken, daß wir ein Schachspiel erhielten, uns in so drückender Lage die Zeit etwas zu vertreiben. Es gewährte auch wirklich etwas Erleichterung. Struve war, trotz seiner gewohnten Festigkeit, durch die Leiden seiner Frau offenbar sehr bekümmert. Um ihn zu erheitern, zog ich in launiger Weise eine Vergleichung zwischen unfern Nöten und den Erlebnissen, die der Apostel Paulus ausgestanden. Da ich früher schon mehr Gefangenschaft durchgemacht hatte als mein viel älterer Freund, so war ich imstande, persönliche Er­fahrungen in biblischer Sprache vorzutragen, und er lachte dann herzlich inmitten all der täglichen Lebensgefahren.

Am vierten Tag wurde Struve plötzlich vor das Stand­gericht gerufen. Während zweier Stunden kam er nicht zurück. Das Schlimmste schien geschehen zu sein.

Ich war mittlerweile", schreibt Amalie Struve in ihren Erinnerungen",in der peinlichsten Ungewißheit über das Schicksal meines Gatten. Karl Blind und mein Bruder spielten zusammen Schach, gleich als wollten sie mich über die Gefahr täuschen, in der sich mein Gatte befand. Doch ich wußte wohl, daß sein Leben auf dem Spiel stand."

Nach dem Standrechtsgesetz war der Spruch aufSchuldig" innerhalb drei Stunden zu vollziehen. Dann wurde ich eben­falls vor das Standgericht gerufen. Das Verfahren war dies­mal sehr kurz. Nach einigen Förmlichkeiten wurde ich gefragt, warum ich an der Leitung des Aufstandes teilgenommen.

Um die Deutsche Republik zu errichten," antwortete ich, und alle Ihnen bekannten Tatsachen sprechen klar für sich selbst."

Nach einigen weiteren kurzen Fragen und Antworten ähnlicher Art wurde ich zurückgeführt.

Das Standgericht bestand zur Hälfte aus badischen und hessischen Offizieren, zur Hälfte aus bürgerlichen Richtern. Bei der Ausdehnung des Aufstandes konnte das Ausnahme­gesetz in den: Bezirk, in dem wir zeitweilig die Macht erlangt hatten, nicht vor dem Kampf in Staufen zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden. Und da wir vor der Veröffent­lichung zu Gefangenen gemacht worden waren, blieb eine rückwirkende Kraft der Verordnung ausgeschlossen.

Dies fühlte man am Hof zu Karlsruhe und in Frank­furt, dem Sitz des Reichsverwesers, des Erzherzogs Johann. Ein Versuch war daher in aller Eile von Frankfurt aus ge­macht worden, die Entscheidung des Standgerichts durch Ab­sendung des Grafen Keller als Reichskommissär nach Müllheim zu beeinflussen. Die gedruckten Berichte darüber liegen in den: umfassenden Werk des ultramontanen Reaktionärs Freiherrn von Andlaw vor, der dem Grafen Keller beigegeben war. Es erhellt aus ihnen, wie der Reichskommissär sich bemühte, die bürgerlichen Richter für ein Todesurteil zu gewinnen. Der militärischen Richter hielt er sich wohl sicher.

Graf Keller kam zum Zweck solcher Bearbeitung durch Karlsruhe. Während er sich dort befand, wurde angeblich im Namen einer Anzahl Bürgerwehrmänner der Landeshaupt­stadt, aber ohne Unterschrift, ein Schreiben an den Reichs­minister von Schmerling in Frankfurt gerichtet, worindie baldigste Exekution dieser Rebellen" gefordert war. Am selben Tag berichtete Graf Keller an Herrn von Schmerling aus dem Hauptquartier in Müllheim:Wenn eine Ablieferung an die ordentlichen Gerichte erfolge, so werden Truppen und Be­völkerung durch eine solche Entscheidung des Standgerichts in die größte Aufregung versetzt werden, denn von beiden Seiten erwartet und wünscht man hier ein Todesurteil."

Er mußte nachher mit Bedauern berichten, daß sich das Standgericht fürinkompetent" erklärte wegen der nicht vor unserer Gefangennahme erfolgten Veröffentlichung des Aus­nahmegesetzes. Endlich war der Herr Graf sogar gezwungen, an den Reichsminister Schmerling zu berichten, daßman im badischen Oberland im allgemeinen der republikanischen Staats­verfassung sehr zugetan ist", daß man dortoffen von der Vorliebe für die Republik spricht", daßdie Gefahr des Re- publikanisierens der Bevölkerung im südwestlichen Deutschland vorliegt", und dergleichen mehr.

Dies stimmte nun gar nicht mit seinen früheren Äußerungen. Der Umstand, daß außer dem badischen Heer, das sich im folgenden Jahr selbst für die Volkssache erhob, hessen­darmstädtische, kurhessische, württembergische, bayrische, öster­reichische und preußische Truppen eingerückt waren, kennzeichnete die wahre Lage überdies hinreichend.

Bei den: Standgericht, das in einem kleinen, düsteren Zimmer stattfand, wo die Richter vor einem Tischchen aus Tannenholz saßen, hatte sich Graf Keller in Person eingefunden, um auf sie einen Druck auszuüben. Die bürgerlichen Richter weigerten sich jedoch, das Gesetz, nach dem sie verfahren sollten, und das ohnedies ein von der Regierung auf eigene Faust erlassenes Ausnahmegesetz war, auch noch Zu beugen. Die Namen dieser bürgerlichen Richter waren: von Bodmann, Ober­hofgerichtsrat, Lugo und Betzinger, Mitglieder des Gerichts­hofes des Oberrheinkreises. Hätte ein einziger von ihnen nach gegeben, so wären wir erschossen worden. Die Namen der militärischen Richter waren: die hessischen und badischen Haupt leute Diemar, Lichtenauer und Ruppert. Jenen drei bürger­lichen Richtern habe ich es zu danken, daß es mir später, trotz bitterster Erfahrungen in der Verbannung, doch noch möglich wurde, dem Vaterland, der Sache seiner Einheit und Freiheit, und seiner Bolkswohlfahrt nach Kräften einige Dienste Zu leisten.

Im lliancle cker Vencletta.

Von A, Prtcairn-Rnowles.

twa fünfzig Meilen von der italienischen und hundert Meilen von der französischen Küste, in unmittelbarer Nähe europäischer Zivilisationszentren, liegt in stiller Abgeschie­denheit, die der moderne Verkehr erst jetzt zu stören beginnt, verkannt und vernachlässigt, das romantische Korsika. Dieses Jnselparadies, das zu den schönsten Punkten der Erde gehört, blickt zurück auf eine Vergangenheit, so unheilvoll, so wild, so

barbarisch, daß jeder friedlich gesinnte Mensch, der sich in die Geschichte des Landes vertieft, schaudernd zurückschrecken muß, wenn ihm ein Bild von der erlittenen Not des armen Korsen­volks vor Augen geführt wird. Und an all diesem bittern Elend ist die Vendetta, jene unglückselige Volkssitte der Blut­rache, schuld, die von einem Geschlecht auf das andere über­gegangen ist, die auch heute noch ihre Opfer fordert und die