758
in absehbarer Zeit nicht gänzlich auszurotten sein wird, falls nicht ganz andere Mittel angewendet werden als bisher, um diesem dämonischen Familienkrieg Einhalt zu tun.
Jene finstere Zeit allerdings, da Korsika einem riesigen Schlachtfeld glich und ganze Familien durch Generationen hindurch sich gegenseitig aus- - — — - ^
zurotten suchten, liegt,
Gott sei Dank! Jahr- -
Hunderte zurück. Wir -
können es heutzutage - . .
kaum fassen, daß die Berechnung eines korsischen Geschichtsschreibers, nach der in der Zeit von 1359 bis 1729 330000 Korsen sich aus Rache gemordet haben, ihre Richtigkeit haben sollte; erschienen doch die Ziffern des vergangenen Jahrhunderts, in dem innerhalb 31 Jahre — nämlich von 1821 bis 1852 — nach statistischen Angaben 4300 Morde verübt wurden, beängstigend genug. Man versuche, sich eine Vorstellung davon zu machen, was ein solcher Massenmord in einem Land, das erst ,, um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine Einwohnerzahl von 250000 erreichte, Zu bedeuten hat
Man braucht aber in keiner allzufernen Vergangenheit nachzuspüren, um grauenerregende Fälle der korsischen Vendetta zu finden; stießen doch noch im Jahr 1889 im Dorf zwei feindschaftliche Parteien am Brunnen, wo die Frauen Wasser schöpfen, aufeinander und lieferten sich eine Schlacht, in der vier Tore aur der Walstatt blieben. Und auch heute noch fordert die blutige Sitte in jedem Jahr ihre Opfer.
Und wie verhalt sich die französische Re gierung zu diesem frevelhaften Vorgehen ihrer Untertanen, die das Leben ihrer Nutmenschen nicht höher zu schätzen scheinen als dasjenige ihres Schlachtviehs? Nun, sie hat versucht, das Übel durch Einführung eines Gesetzes aus der Welt zu schaffen, das für das versteckte Tragen einer Stich waffe oder eines Revolvers schwere Gefängnisstrafen androht. Aber die Korsen bekümmern sich herzlich wenig um dieses Verbot, und die Diener des Gesetzes sehen achselzuckend zu, wie die männlichen Bewohner der Insel oft mit Flinte, Dolch und Pistole gerüstet das Recht zum toten Buchstaben machen. Höchstens, wenn der Missetäter sich auf frischer Tat ertappen läßt, werden chie Strafen, mit denen man den Leuten Angst zu machen sucht, verhängt. Wer die Verhältnisse in Korsika kennt, weiß, daß eine völlige Entwaffnung, wodurch die Vendetta am schnellsten auszurotten wäre, ein Ding der Unmöglichkeit ist. Solange die fast undurchdringliche Bergwildnis den Banditen, die einen Mord begangen haben, einen sichern Schlupfwinkel gewährt, solange
die Bevölkerung selbst die Verbrecher als Menschen behandelt, die eine heilige Pflicht erfüllen, und sie vor den Verfolgungen der Polizei Zu schützen sucht, solange die französische Regierung der Zivilisation und der Kultur in Korsika nicht energischer die Wege ebnet, so lange müssen alle Menschen, die den Gefahren des Vendettakrieges ausgesetzt sind, bewaffnet sein, um sich ihrer Haut wehren zu können.
Es ist für den Fremden gewiß kein Leichtes, von einem Korsen über die Vendetta, wie sie heutzutage noch besteht, Genaueres zu erfahren, und wer in das ängstlich gehütete Geheimnis einzudringen wünscht, wird gar manches Mal vergebens seine Fragen stellen. Denn die Blutrache ist für ihn eine Handlung, auf der eine Art religiöser Weihe ruht, und ungern offenbart er Fremden seine Gedanken darüber: er will das ihm Heilige nicht durch Erläuterungen entweihen. Wer sich nach den Auskünften der Eingeborenen richten wollte, könnte darum wohl zu dem Schluß gelangen, Korsika sei am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts frei von allen Vendettagreueln. Wer jedoch mit offenen Augen die Insel durchreist, wird sich gewiß eines andern belehren lassen. Das lange Dolch- messer mit den wenig Vertrauen erweckenden Jmchriiten, wie „Vonckiea l'llonoro!" „VonckoHa Corsa" „Norto ul Namieo!" leistet, ebenso wie die Flinte und die Pistole, dem Bluträcher der Jetztzeit die gleichen Dienste wie seinem Vorgänger vor einem halben Jahrhundert, und die Banditen, deren Reihen sich allerdings immer mehr lichten, machen den Buschwald auch heute noch unsicher; daß es deren Hunderte gibt, wie mir ein in Korsikas innerste Geheimnisse ein- geweihter ansässiger Deutscher anvertraute, ist freilich kaum glaubhaft; daß sie aber nicht gänzlich ausgestorben sind, diese Rächer vom Berge, hatte ich Gelegenheit festzustellen, als eines Tages ein Trupp Gendarmen in wilder Hast an mir vorbeijagte, um die Häuser der Nächstliegenden Ortschaften nach einem der „danäiti" zu durchsuchen. Wie auch die Verhältnisse jetzt sein mögen, was ich wahrend acht zum Teil im Herzen des Landes verlebter Wochen von den Charaktereigenschaften des echten Korsen zu sehen bekam, das läßt mich daran glauben, daß, solange korsisches Blut in den Adern dieser Leute fließt, es nach jener grausigen Rache verlangen wird, falls die Kultur auf der niedrigen Stufe
Bandil.
Eine „Vendetta-Toeldin"