Heft 
(1906) 36
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stehen bleibt, auf der sie sich jetzt befindet. Im Innern des Landes wenigstens herrschen noch heute Sitten und Gebräuche, die beweisen, wie tief die Heiligkeit der Blutrache in der Über­zeugung des Korsen wurzelt. So ist es jetzt noch in dem be­rüchtigten Sartene üblich, dem neugebornen Weltbürger den Glückwunsch zu überbringen.Mö­gest du einem Flintenschuß zürn Opfer fallen!" Ja, den Eltern, deren Kinder einen ereignislosen Tod unter dem heimatlichen Dach oder sonstwo in ihrem Bett sterben, macht man die bittersten Vorwürfe, daß ihre Sprossen alsFeiglinge geendet hätten.

Sie, denen das Schicksal den ehrenvollen Tod in blutigem Ven­dettakampf beschieden hat, feiert man wie anderswo die großen Volkshelden.

Bis zum heutigen Tag hat sich näm­lich der eigentümliche Brauch er­halten, daß man ihnen zum An­denken an der Stelle, wo die Leiche ausgefunden wurde, oder vielmehr in deren nächster Nähe dicht am Wegesrand, hölzerne Kreuze errichtet.

Wer dem Verblichenen nicht näher- gesianden hat, lüftet, wenn er an einem dieser Kreuze vorbeigeht, ein­fach den Hut oder bekreuzigt sich; die persönlichen Freunde und die Ver­wandten jedoch ehren den Toten da­durch, daß sie einen grünen Zweig sowie einen Stein vom Weg am Fuß des Kreuzes niederlegen und ein Gebet zum Himmel richten, in das nicht selten, wenn ein dem Clan des Ermordeten Zugehöriger am Kreuz Halt macht, grim­mige Racheschwüre und Verwünschungen sich mischen. So wachsen allmählich die eigenartigen Widmungen der Totenverehrer zu großen Reisighaufen und steinernen Denkmälern heran, und jedesmal, wenn wieder ein Jahr dahin ist seit dem Todestag des Ermordeten, soll, korsischem Brauch gemäß, der Hausen ver­blichener Zweige in Asche verwandelt werden.

Während der Tote gefeiert wird und seine Rächer dem Mörder seine Schandtat heimzuzahlen geloben, erfreut sich der Missetäter, der sich als Bandit in die Bergwildnis geflüchtet hat, bei den Angehörigen seines Stamms und oft weit darüber hinaus des größten Ansehens. Er lebt oft zehnbis zwanzig Jahrelang in den einsamen Busch - Wäldern, bis seine Bluttat verjährt oder er dem Ban­ditenschicksalerliegt, vor den Sb irren und seinen Fein­den in beständiger Flucht, von seinen Verwandten und Anhängern wenn möglich mit allen:

Nötigen versorgt; und, falls er will, vermag er aus sei­nem Hinterhalt in den Wäldern fort­gesetzt das größte Unheil anzurichten,

solange die Kugel seiner Verfolger ihn nicht erreicht. Seine viel­leicht aus geringfügiger Veranlassung hervorgegangene Ruchlosig­keit hat unter Umständen eine Generationen hindurch währende bittere Fehde zwischen ganzen Familien und Stämmen, die heut­zutage erfreulicherweise nicht immer mit Blutvergießen aus­gekämpft zu werden pflegt, zur Folge.

Viele Banditen haben die ganze Insel durch ihren Mut zur Bewun derung hingerissen, ja, so groß ist der Ruhm einiger gewesen, daß ihr Name noch in: Mund der spätesten Nachwelt leben wird. Unter diesen sind die Bellacoscias, die sich mehr als 40 Jahre von 1848 bis 1802, erfolg reich gegen die bewaffnete Macht zu behaupten verstanden, die berühmte sten. Antoine und Jacgues Belln- coscia, Söhne eines Ziegenhirten, beförderten 1848 einen Maire, mit den: sie unzufrieden waren, ins Jen seits undwurdenBanditen. Vergebens strengte sich die Gendarmerie an, der Missetäter habhaft zu werden; bei jedem Treffen verlor sie Tote und zog den kürzeren. Das Volk, zun: Teil aus Bewunderung, zum Teil unter den: Einfluß der Furcht, stand den Banditen bei, und sogar eine mili tärische Expedition brachte die Ban diten nicht in die Gewalt der Re­gierung. Fast ein halbes Jahrhun­dert lang mordeten die gefährlichen Gesellen weiter, legten den Bewoh nern der Insel Steuern auf und übten ihren Einfluß auf die Wahlen kurz, sie waren unbeschränkte Herrscher ihres Gebiets. Als ihnen gar im deutsch-französischen .Krieg sicheres Geleit ge­währt wurde, damit sie an der Spitze einer Kompagnie Frei scharen in das Feld Ziehen konnten, kannte die Begeisterung des Volkes keine Grenzen mehr, und es kan: dazu, daß sogar der Präfekt von Korsika ihnen einen Besuch abstattete. Erst vor 14 Jahren ergab sich Antoine, der letzte der Bellacoscias, gegen die Zusicherung einer bedingungslosen Freisprechung und lebte noch vor einigen Jahren in Frieden unter seinen Landsleuten. Heute erblickt man in fast jeden: Schaufenster Ajaccios das Bild­nis dieses kühnen Vendettahelden, der in den verschieden­sten Stellungen wiedergegeben, die Bildseite Tausender von Ansichtskarten schmückt, und neben Napoleon ist Bella coscia in Korsika der gefeiertste Mann der Vergangenheit.

Ebenso wie die Vendetta und das Banditentreiben immer noch, wenn auch in weniger auffälliger Form und in weit gerin­gerer Verbreitung fortbesteht, hat sich die eigentümliche korsische Toten klage, das Vocero, in einiger: Gegen­den erhalten, und

Korsikanischer Waffenladen.

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Weiße Büßer.

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