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den feenhaften Palast des Großmoguls eindringend, diesen letzten Kaiser, einen achtzigjährigen Greis, in Ketten legten. Seine Söhne, die Thronfolger, wurden aus ihrem Versteck, den Katakomben eines alten Grabtempels, hervorgezerrt und von einem englischen Offizier namens Hodgson wie Hunde erschossen. Selbst ihren Leichnamen versagte inan die Achtung. Sie wurden in der verkehrsreichsten Hauptstraße von Delhi, der Silberstraße (Tsolmnäni ITelmll), wie Äser hingeworfen, um dem indischen Volk zu zeigen, daß es mit dem hindo- stanischen Kaiserreich zu Ende sei.
Und doch ist Indien so geblieben, wie es immer war. Am Indischen Meerbusen wie am Golf von Bengalen sind wichtige englische Handelsstädte entstanden, Bombay und Kalkutta gehören heute zu den größten „modernen"
Städten Asiens,
Eisenbahnen durchziehen die Halbinsel nach allen Richtungen und führen mit ihren Schienensträngen sogar bis in die Vorberge des Himalaja wie zu den Pässen des hohen Pamir,
Universitäten,
Museen und Unterrichtsanstalten sind in großer Zahl im weiten Reich zerstreut; in der unmittelbaren Nahe der großen Fürstenresidenzen haben englische Truppen ihre Garnisonen, die Söhne der mächtigsten Rad- schas besuchen englische Militärschulen, den Fürsten selbst sitzen englische Residenten zur Seite, weit über die Hälfte des Reiches steht bereits unter englischer Verwaltung, und doch ist Indien das eigenartigste Land des Erdballs geblieben, das dank der Erleichterung des Verkehrs durch unsere großen Dampferlinien, vornehmlich des Norddeutschen Lloyd, immer mehr Touristen anzieht.
In dem von Engländern verwalteten Teil, besonders auf der vielbefahrenen Strecke durch Nordindien, zwischen Bombay und Kalkutta, sind auch schon ein paar Hotels entstanden, die bescheidenen Ansprüchen halbwegs genügen. So kann man- außer den genannten Städten auch schon in Adschmer, Jaipur in der alten Großmogulenrefidenz Delhi, in dem malerischen Agra mit seinem herrlichen Tadsch mahal, in Benares, dem berühmten Wohnsitz des höchsten Gottes der Hindus, gleichzeitig ihrem besuchtesten Wallfahrtsort, ganz bequem wohnen; ebenso haben die Sommerfrischen der Engländer in Indien, das berühmte Dardschiling im Himalaja, Simla, dann Puna und Haidarabad, Madras und einige andere annehmbare Hotels;
geht der Reisende jedoch von der großen Route ab, so muß er für seine Unterkunft und Bequemlichkeit selbst Sorge tragen, denn er findet nur Dak Bungalows, d. h. von der Regierung unterhaltene Gasthäuser ohne Einrichtung, und muß an Stelle bequemer Eisenbahnen als Reisemittel häufig genug Elefanten oder elende, von Kamelen oder höckerigen Zebus gezogene Karren benützen.
Die Elefanten dienen zunächst freilich nur den eingebornen Landesfürsten zur Erhöhung ihres Staates. Indien ist das Land der Elefanten. Nirgends habe ich so viele gesehen wie dort, selbst nicht in Siam, wo ich allerdings mehrere hundert
halbwilde Elefanten gelegentlich einer Jagd in der Nähe am Ajudhja beisammen sah, zusammengetrieben aus den weiten Urwäldern des Menaamstromes. Nur bei dem großen Durbar in Delhi im Jahre 1904, das aus Anlaß der Pro- klamierung des Königs von England zum Großmogul vonJndien einberufen worden war, gab es eine ähnliche Zahl dieser Riesentiere, größer, prächtiger, majestätischer als die siamesischen, noch dazu in ihrem reichsten Schmuck. Das Bild auf Seite 871 gibt nur einen schwachen Eindruck von der Pracht, die sich damals auf dem Königszug zeigte. Behängt mit samtenen, goldgestickten Decken, auf denen Edelsteine funkelten, auf den gewaltigen Stoßzähnen goldene Aufsätze, trugen die Tiere auf ihrem breiten Rücken vergoldete, mit Juwelen geschmückte Haudahs, d. h. Pavillons mit Sitzen, auf denen die europäischen wie indischen Fürsten Platz nahmen, beschattet durch große bunte Sonnenschirme mit goldenen oder silbernen Schirmstangen. Selbst die kurzen Lanzen der Elefantenführer, die auf den Köpfen der Tiere saßen, waren aus edlen Metallen und mit funkelnden Edelsteinen geschmückt.
Auch im Alltagsleben werden Elefanten vielfach verwendet, sowohl zum Lastentragen wie zur Personenbeförderung. Den: Touristen stehen indessen gewöhnlich nur elende Karren zur Verfügung. Im Norden Indiens wird diesen primitiven, mit einem Strohdach versehenen Fuhrwerken häufig ein Kamel vorgespannt, wie aus der Abbildung auf Seite 873 ersichtlich ist, die im Hintergrund auch die große Moschee in Agra zeigt. In Benares, Alwar, Baroda usw. mußte ich Karren benutzen, die auf dem federlosen Boden keine Sitze haben. Die Passagiere setzen sich mit gekreuzten Beinen unter das mit
Elefantenbad.
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