Heft 
(1906) 41
Seite
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Kamelgespann in Agra.

bunten Tüchern bedeckte, häufig mit Stickereien geschmückte Spitzdach, der beturbante bärtige, kohlschwarze Hindukutscher kauert sich vorn auf einem kaum zwei Hände breiten Raum zusammen und führt die Zügel, die den vorgespannten Zebus durch die Nüstern gehen. Traben sie, dann bekommt der Passagier in Anbetracht der ovalen oder gar eckigen Räder und der elenden holprigen Straßen Reiseeindrücke nicht gerade angenehmer Art. In solchen Karren, nur noch viel bescheidener, wird auch der Lastenverkehr vermittelt, wobei sich der Zebu­lenker häufig genug auf die Deichsel zwischen den Tieren selbst niederkauert wie der Lumpensammler auf dem Bild Seite 874.

Wer sich mit solchen Verkehrsmitteln, schlechter Unterkunft, magerer Nahrung, großer Hitze, viel Staub und großen Ent­fernungen leicht abfindet, dem bietet Indien so viel des Ab­sonderlichen, Malerischen, Schönen und Interessanten dar wie kein anderes Land des Erdballs, besonders in den Eingeborenen­staaten mit ihren Fürstenresidenzen.

Wenn unser frühes Mittelalter mit seinem Schaugepränge, seinen Festlich­keiten, Jagd- und Kriegszügen sich auf unserm Erdball heute noch irgendwo widerspiegelt, so ist es an den Fürsten­höfen von Indien. Ja noch mehr, es wird dort an Glanz und Eigenart so­gar übertroffen, denn wo hätte es je­mals größeren Prunk, größeren Reich­tum, größere Verschwendung gegeben als bei manchem dieser indischen Na- bobs? Wo hätte die Natur selbst mehr beigetragen, wo schiene die Sonne Heller,

Zeigte sich die Tropenvegetation üppiger, die Tierwelt wilder als hier? Wo gäbe es einen Rahmen von so herr­lichen Palmen und Bananen wie im Süden Indiens in den Reichen der Maharadschas von Travancore und Cot- schin, oder solche Massen von Lotos, der heiligen Buddhablume, wie selbst im Norden an der Grenze von Kaschmir, in Dsch'helam? Von der Pracht der Früchte gar nicht zu sprechen, wie sie in allen Fürstengärten gezogen werden und die Tafeln der

Großen schmücken. - Am üppigsten gedeihen sie freilich tief im Süden und jenseits des Kap Comorin, auf dem paradiesischen Ceylon, wo selbst der ärmste Singhalese in den wie Wasser­melonen großen Baumsrüchten der Jacks und der Brotbäume, der Pnpajas, Man­gos, Mangostines, Bananen, Ananas usw. schwelgen? Der Garten eines armen Landmanns liefert dort ganze Pyramiden solcher Früchte.

Doch das Hauptinteresse drämst sich in dem Leben und Treiben der Bevölkerung zusammen, wo immer in dem Reich man es auch anfassen mag. Wenn ich unter den Eindrücken meiner über ein Vierteljahrhundert ausgedehn­ten, alle Weltteile umfassenden Reisen die packendsten, schönsten, buntesten, eigenartigsten hervorholen soll, so kom­men immer wieder die Tempelstüdte des südlichen Indien, Madura, Sriran- gam, Tinnevellum, oder die berühmten Wallfahrtsorte des Gangestals, Benares und Hardwar, in den Vordergrund.

Nichts auf der Erde kann sich in be­zug auf menschliches Leben mit den Ufern des Ganges bei Benares vergleichen, und jede Schil­derung, selbst die farbenreichste und phantasievollste, erblaßt gegenüber den Eindrücken, die man dort empfängt, den höchsten und erhabensten neben den denkbar scheußlichsten, bei deren Erinnerung ich entzückt aufjauchzen möchte und gleichzeitig mein Herz sich entsetzt zusammenzieht: jene meilenlange

Reihe majestätischer Fürstenpaläste und absonderlicher Hindu tempel, schmucker Moscheen und scheußlicher Götzenbilder,

zwischen denen auf zahllosen Treppen tagsüber, jahraus, jahr­

ein Zehntausende von Menschen aller Stände, jeden Alters, Männer wie Frauen, Kinder wie Greise zum Fluß oder von diesem nach der Stadt sich begeben, alle so farbenreich ge kleidet, daß sich diese Menschenströme ausnehmen wie wandernde Regenbogen. Unten in den milchiggrünen Fluten des Ganges Zehntausende im Bad, in religiöser Verzückung nicht achtend der Leichen, die zwischen ihnen hinab treiben dem ewigen Meer

Reisewagen.

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