Heft 
(1906) 42
Seite
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Das Säulenachteck setzt sich nach außen in ein sechzehneckiges Mauerwerk fort, und der Raum zwischen den Säulen und dem äußern Mauerwerk wird der Umgang genannt. An diesen Umgang an der Ostseite ist im spätem Mittelalter ein mächtiger gotischer Chor angebaut worden. Im Umgang nun, kurz vor dem an der Ostseite liegenden Chor, legte Professor Buchkremer die bemalte Rückenfläche eines Mauerbogens frei, der nach allen Prüfungen unzweifelhaft in karolingischer Zeit erbaut ist. Es entstand sofort in Buchkremer die Vermutung, daß er hier vor dem lange gesuchten Kaisergrab stehe. Weitere Prüfungen und Abmessungen bestärkten ihn in dieser Ansicht, und er legte die Ergebnisse seiner Forschungen mit einem umfangreichen Beweismaterial, in der Hauptversammlung des Aachener Geschichtsvereins im Herbst des Jahres 1902 vor einem mit großer Spannung erfüllten, von weit und breit

herbeigeeilten wissenschaftlichen Publikum dar. Allein die Historiker ließen diese Forschungsergebnisse des Architekten nicht gelten, und be­sonders beharrte ein Kanonikus mit echt bajuvarischer Stärke ^ / des Ausdruckes am seinem Schein, der durch ä Beeck verbreiteten Tradition, und erklärte in der Presse

Marmor, und er steht als Relief auf dem Grab mit einem Kreuz in der Hand und einem Reichsapfel in der andern."

Das ist genau das, was in kürzerer Form Einhard über die Beisetzung des Kaisers sagt, und auch die Erzählung der Chronik Novalese von der Auffindung des Kaisers durch Otto III. läßt sich nun aufs zwangloseste erklären, nur daß in der Reisebeschreibung des italienischen Priesters klipp und klar die Stelle angegeben ist, wo sich das Grab Karls des Großen befand.

Die Veröffentlichung Pastors bestimmte Professor Buchkremer, seine Forschungen wieder aufzunehmen, und er hat nun von neuem, diesmal widerspruchslos, im Aachener Geschichtsverein seine Anschauungen begründen können. Danach ist der Kaiser in der von Einhard beschriebenen Form begraben wor-

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den, und zwar an der von de Beatis genau be­schriebenen Stelle im Umgang der Pfalz­kapelle. Die Beisetzung in derartigen

Rüschen ist noch aus der früh­christlichen Katakombenform in v der karolingischen Zeit gang

und gäbe gewesen. Als im Jahre 881 die Nor- . mannen gegen Aachen XX anrückten und auf x ihrem Siegeszug alles verwüste­ten, wurde in Furcht vor einer

Otto III. Läßt die Gruft Karls des Großen öffnen.

Freske von A. Rethel im Krönungssaal des Aachener Rathauses

in spaltenlangen Ausführungen die Forschungsergebnisse des Professors Buchkremer für eitel Humbug.

Nun hat seitdem Hofrat Professor I)r. Ludwig Pastor in Innsbruck, gleichfalls ein Aachener, in der Nationalbibliothek in Neapel die von dem Priester Antonio de Beatis verfaßte Beschreibung einer Reise entdeckt, die dieser in Begleitung und als Geheimschreiber des Kardinals Luigi d'Aragona in den Jahren 1617 und 1518 durch einen großen Teil Europas machte. Pastor hat zu Ende vorigen Jahres diese Reise­beschreibung, die von erheblicher kulturgeschichtlicher Bedeutung ist, im vierten Band der von ihm heraus gegebenen Erläuterungen und Ergänzungen zu JanssensGeschichte des deutschen Volkes" veröffentlicht. Über den Besuch des Kardinals in Aachen befindet sich nun in dem Reisebericht eine Stelle, die Buch- kremers Ansichten in jeder Weise stützt, und da sie gleichzeitig die älteste Ouelle der Nachrichten ist, die die Grabstelle be­zeichnen die von ä Beeck stammt aus dem Jahre 1620 so ist damit dargetan, daß das Grab Karls des Großen nirgends anders zu suchen ist als im Oktogon an der rechten Wandseite im Umgang vorm Chor. In der Reisebeschreibung von de Beatis heißt es in wörtlicher Übersetzung:Hier (im

Oktogon) ist sein - des Kaisers Körper niedergelegt unter einem kleinen Bogen innerhalb der Mauer auf der rechten Seite des Hochaltars in einem kleinen Kasten von

Zerstörung und Beraubung des Kaisergrabes der Bogen über dem Grab vermauert, um die Grabstelle unkenntlich zu machen. In den nächsten Jahrzehnten geriet das Kaisergrab in Ver­gessenheit. Otto III. ließ im Jahre 1000 darnach forschen, und das Grab wurde gefunden. Die über dem Grab stehende Figur des Kaisers mag dann zu der großartigen Mythe über die Bestattung Karls des Großen auf dem Thron Anlaß gegeben haben, und auch sonst läßt sich die phantastische Schilderung der Auffindung des Kaisers recht zwanglos auf die richtigen Verhältnisse zurückführen, wenn man offensicht­liche Übertreibungen ausmerzt und die übrigen Angaben nicht auf eine Gruft bezieht, zu welchem Irrtum der im Text der Chronik Novalese vorkommende Ausdruck tuZurium Anlaß gab, was ebensowohl Gewölbe als auch Bogen bedeutet und das ist das Wichtige, denn es heißt da, der Kaiser sei unter einem tnAurlum aufgefunden worden. Otto HI. ließ die Gebeine des Kaisers wieder zurücklegen, nachdem er sie in die kost­baren Stoffe gehüllt hatte, die jetzt Geheimrat Lessing aus dem Karlsschrein geholt hat, und ließ das Grabdenkmal in der ursprünglichen Form wieder Herstellen. Friedrich Barbarossa erhob neuerdings die Gebeine des Kaisers im Jahr 1166 - ließ sie in einen kostbaren Reliquienschrein bringen und den antiken Marmorsarg mit der Darstellung des Raubes der Proserpina, in den: die Leiche des Kaisers gelegen hatte,