Heft 
(1881) 295
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44 Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

aber schwersten Kampf um die Herrschaft der Welt, beide mit gleicher Leidenschaft und die Sieger ohne Erbarmen. Man kann es allerdings wohl zum Theil als ein Zeichen der Zeit betrachten, daß Züge so rührender gegenseitiger Theilnahme wie z. B. auf dem Friese von Phigalia hier bis jetzt wenigstens nicht Vorkommen.

Auch von den Titanen und ihrer Be­siegung durch die Götter wußten die Sagen zu melden, aber diese haben nie plastische Gestalt erhalten, und nur die Gigantomachie war ein gleich beliebter Gegenstand der Poesie und Kunst. In­dessen so zahlreiche Darstellungen derselben auf uns gekommen sind, so ist doch kaum eine im Stande, uns bei der Anordnung des pergamenischen Bildwerkes auch unr­einen Schritt vorwärts zu bringen, wenige weisen eine nähere Verwandtschaft mit dem­selben auf. Das kann freilich zunächst deshalb nicht überraschen, weil die meisten derselben Vasenmalereien theilweise von ausgezeichneter Schönheit sind, welche einer früheren Zeit angehören. Ihnen mögen denn wohl auch größere Darstellun­gen des Gigantenkampfes, der aus nahe­liegenden Gründen besonders von der religiösen Kunst vielfach verwendet wurde, hier und da zu Grunde liegen; das Vor­handensein bedeutender Darstellungen der Art kann man jedenfalls aus ihnen folgern, und es ist gut, das hier zu betonen. Aber im Ganzen darf man doch überhaupt fast niemals an directe Entlehnung denken. Die Werke der großen Kunst übten nur anregende Kraft, im Uebrigen kann man sich die eigene schöpferische Fähigkeit selbst griechischer Kunsthandwerker gar nicht groß genug vorstellen; da will jedes Werk zuerst für sich allen: genommen und indi­viduell beurtheilt sein. Die Sage gab im vorliegenden Falle, wie in vielen anderen, nur das allgemeine Thema und daher gewisse einzelne wiederkehrende Züge: die Gäa zürnt den Göttern, bringt die Gi­ganten zur Welt und reizt sie gegen die Olympischen zum Kampf, in dem sie unter­liegen. Von der den Mythos weiter ent­wickelnden und ausbildenden Kraft der griechischen Kunst und dann wiederum von ihrer Rückwirkung aus die Poesie darf man nicht zu gering denken. Dieses selb­ständige Leben der Kunst und ihrer Werke ist es auch, was uns anräth, jedes mög­

lichst aus sich selbst zu erklären und Schlüssen aus Analogien zu mißtrauen. Wenn wir uns also schließlich fragen, ob es nicht möglich sei, wenigstens einen Begriff von der Anordnung des großartigen Werkes im Einzelnen zu geben, so sind wir zur Beant­wortung fast lediglich auf das Werk selbst angewiesen.

Die Kampfschemata bringen eine Auf­lösung in einzelne Gruppen mit sich, was sie daher m älterer Zeit besonders zum Schmuck von Metopen geeignet er­scheinen ließ, und ihnen scheinen sich die Vasenzeichnungen des strengen sowie des schönen Stiles (fünftes und viertes Jahrh. vor Ehr.) anzuschließen, welche immer nur Paare von Kämpfern zeigen, wäh­rend noch ältere Vasenbilder einen selb­ständigeren Charakter tragen. Aber auf mehreren Vasen des reichen Stiles (vom dritten Jahrhundert an) ist die Gigan­tomachie als große zusammenhängende Composition dargestellt, und zwar, wenn nicht Alles täuscht, mehr durch Gemälde beeinflußt, von denen wir freilich gar nichts wissen, als durch die Plastik. Wenn wir nun wahrnehmen, daß das Werk der Pergamener abgesehen von seinen: gesammten malerischen Charakter mit diesen Bildern manche, zunächst äußerliche Berührungen hat, so erscheint die Frage berechtigt: zerfiel auch die so freie, ohne architektonische Trennung sich entwickelnde Schöpfung der pergamenischen Küustler durchgehends in einzelne selbständige See- nen, wie bei der älteren Kunst, oder vereinigte sie ein gemeinsames Band? Oder, da schon jetzt bestimmt einzelne Scenen sich erkennen lassen, haben wir nur eine epische Aneinanderreihung von Kampfmomenten vor uns, zugleich nicht ohne Beachtung des uralten Gesetzes der Symmetrie, oder herrschte daneben und gleichsam darüber vielleicht an jeder Seite eine der Tragödie ähnliche Auf­fassung, deren Handlung erst leiser anhebt, dann wächst und erregter wird, bis sie zur lösenden Katastrophe führt? Dies anzunehmen, ist verfühterisch genug, nicht bloß weil es mehr dem Charakter dieser Kunst zu entsprechen scheint, sondern auch weil doch schon hier und da eine so er­strebte Einheit durch die Verschiedenheit der Stadien ersichtlich ist. Denn so gewiß ein großer Zug es ist, der durch den