Hirschscld: Die Sculpturen von Pergamon.
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ganzen Bildercyklus geht, so gewiß eine schöpferische, aufs höchste gesteigerte Phantasie hier kaum an einer Stelle erlahmt scheint,* so gewiß ist doch auf der anderen Seite, daß wir hier und da, z. B. am Ende der Treppenwangen, ein Abnehmen, ein Verebben der Handlung bemerken können, gleichsam ein weniger lautes Kampfgeränsch zu vernehmen meinen; doch da ist das so natürlich und geboten.
Aber gehen wir mit Vorsicht nur den Andeutungen des Werkes selber nach; schon eine einfache Erwägung legt den Schluß nahe, daß viele Züge des gesummten Bildes nicht gesichert sein können.
> Fragmente sich als zusammengehörig er- I weisen, daß selbst ein größerer Theil der Götternamen an den Gesimsen den ge- ; fundenen Gestalten zu entsprechen scheint; aber bei näherer Untersuchung dürfte das i vielmehr bloß bezeugen, daß zur Zeit der letzten Zerstörung überhaupt nur noch einige bestimmte Theile des Gebäudes vorhanden waren. Nichts darf uns zu dem Glauben verleiten, ein Ganzes oder auch nur den größten Theil desselben vor uns zu haben. Denn eine Giganto- machie, in welcher nach Inschriften und Resten eine ganze Reihe geringerer und i fast unbekannter Gottheiten anftrat und
Gefallener Perser. (Neapel.)
Wohl ist es ans den ersten Blick überraschend, daß so viele der gefundenen
* Ich sage bas — zugleich unter Berufung aus die Amu. S. 38 — trotz aller Anerkennung, daß es sich in der Gigantomachie um einen vielfach durchgearbeiteten Gegenstand handelt, und ich sage es, obgleich ich wenigstens fest überzeugt bin, daß die pergamenischen Künstler sogar sehr wesentliche Motive — die klagende Gäa, die Gespanne der Götter und zwar vielleicht auch ihre Verwendung als Mittelpunkte u. a. — in früheren Giganten- kämpsen vorfanden. Auch stand die verschiedene Ausrüstung der Giganten schon ebenso fest wie die dichte Bekleidung der Göttinnen, die geringere der Götter, ja sogar die sorgfältige Behandlung und Verzierung der Schilde. (Auf die sich natürlich ergebenden Kampsmotive dehne ich die Bemerkung nicht aus.) Aber die Alten stellten an ihre Künstler auch gar nicht die beängstigende Forderung absoluter Originalität und Neuheit aller Elemente, konnten sie bei der je nach Perioden feststehenden Auffassung der meisten göttlichen oder halbgöttliche» Gestalten auch gar nicht stellen. Kennten wir die vorausgehenden Darstellungen der Gigantenkämpfe
in der wir doch bisher mehrere der größten Olympier, wie z. B. Hera und
— wohl zum Theil Malereien, von denen wir freilich in der gesammten Wandmalerei keine Spur mehr finden —, so glaube ich allerdings, daß in unseren modernen Augen die Pergamener wesentlich verlieren würden, weil sie an Origi- nalitäl eingebüßt und nicht mehr wie eine plötzliche Erscheinung überraschend und unvermittelt vor uns ständen. Ich deute dies hier nur an, weil, wie die Sache nun einmal liegt, es sich da zunächst mehr um eine interne Angelegenheit der Archäologie handelt. Indessen will ich doch im Vorübergehen die Frage aufwerfen, ob es nicht am Ende doch möglich wäre, daß die oben erwähnten Vasenbilder reichen Stiles, besonders eines im Louvre, vielleicht erst nach dem pergamenischen Werke entstanden wären? Die Beflügelung und Schlangensüßigkeit der Giganten müßte dann auf den Vasen absichtlich vermieden morden sein und ist es wohl auch, denn es giebt unzweideutige Beweise, daß die Vasenmaler jenes Stiles beide Motive kannten. Dieselben sind wohl mit Bewußtsein und Absicht aus Reliefs beschränkt geblieben.