Heft 
(1881) 295
Seite
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Lindau: Reise

Gipfel. Es sind große, luftige Gebäude, von Säulengängen und Terrassen um­geben. Dem Meere näher vereinigen sich die Häuser, um schöne, freie Straßen zu bilden, wie man sie bei uns in den vor­nehmsten Theilen größerer Badeörter findet. Ganz dicht am Strande und

parallel mit demselben befindet sich Queens-Road, die einzige Straße in Hong­kong, an der man erkennt, daß Victoria- town eine große und reiche Handelsstadt ist. In der Mitte von Queens-Road, der über drei englische Meilen lang ist, woh­nen die europäischen Kaufleute; au den beiden Enden, hauptsächlich an dem west­lichen, die Chinesen. In dieser Straße sieht man Kinder aller Zonen: Engländer, Amerikaner, Deutsche, Schweden, Italiener, Franzosen, Chinesen von Peking, von Shanghai und von Canton, Indier von Madras, Calcutta und Bombay, Parsis, Malaien aus Batavia, Singapore und Manilla, Türken re. Sie eilen schnell vorüber in Ausübung einer auszehrenden Geschäftsthät-gkeit, die den armen Mann manchmal in kurzer Zeit reich macht und den wohlhabenden in unerwarteter Weife zu Grunde richtet.

Hongkong wurde den Engländern durch den Friedensvertrag von 1842 abgetreten. Die Stadt Vietoriatown erstand darauf wie durch einen Zanberschlag. Sie ist heute der Sitz der englischen Regierung in China und hat als ostasiatische Haupt­station der britischen Kriegsflotte und als Entrepot für europäische Maaren in kur­zer Zeit große Bedeutung gewonnen. Im Jahre 1870 belief sich die Einwohnerzahl auf ungefähr hundertundzwanzigtausend Seelen, von denen viertausend Europäer und Amerikaner waren. Biele von diesen hatten bedeutende Vermögen erworben; die meisten von ihnen waren äußerst freigebig mit ihrem Gelde, und Vietoriatown machte in jeder Beziehung den Eindruck einer Großstadt. In den Straßen sah man schöne Pferde, elegante Equipagen, sorg­fältig gekleidete junge Männer und neben diesen Frauen, denen die Kleider, Hüte und Schuhe, die von den besten Pariser und LondonerKünstlern" geliefert wor­den waren, gerade gut und theuer genug erschienen. Die Frauen erblickte mail je­doch nur selten zu Fuß. Sie fuhren ent­weder oder saßen aus hübschen offenen

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oder verdeckten Bambussesseln, die von starken chinesischen Kulis schnell und sicher durch das Straßengewühl getragen wurden. Ich vermuthe, das Straßenleben in Hongkong ist heute auch nicht mehr so an­regend wie vor zwanzig Jahren, denn die Colonie hat das Schickjal der chine­sischen Vertragshäfen getheilt, und ihre Bewohner müssen sich jetzt mit verhält- uißmäßig kleinen Einnahmen begnügen.

Am Ostende von Vietoriatown befindet sich ein schöner Rennplatz. Dicht dabei, nur durch einen schmalen Graben davon getrennt, liegen vier Kirchhöfe: für die Protestanten, die Katholiken, die Parsis und die indischen Soldaten. Die chinesischen Gräber sind auf dem Berge zerstreut. Es ist mir fortwährend in China ausge­fallen, welchen großen Platz dort das Grab einnimmt; aus dem Grunde habe ich auch in Hongkong unwillkürlich ans die Kirchhöfe geachtet, wogegen ich von den wenigsten europäischen Städten, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, zu sagen wüßte, wo sich deren Todten- äcker befinden.

Der Weg von Hongkong nach Canton, den Perlfluß hinauf, schlängelt sich zwischen Hunderten von kleinen, mit grünem Moos bedeckten, baumlosen Felseninseln, die den Anblick der Landschaft jeden Augenblick verändern. Die Entfernung zwischen den beiden Städten beträgt neunzig englische Meilen und wird von bequemen und eleganten amerikanischen Dampfbooten in ungefähr zehn Stunden zurückgelegt.

Canton, das über eine Million Ein­wohner hat, ist größer und reicher als Shanghai, Ningpo und Fntschau, ohne sich jedoch wesentlich von diesen Städten zu unterscheiden. Ich fand dort dieselben alterthümlichen Ringmauern, engen Stra­ßen, kleinen Häuser, großen Tempel, ur­alten Pagoden, und dieselben Chinesen, die ich nun an zwanzig verschiedenen Orten kennen gelernt hatte, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, mich mit ihnen zu befreunden. Besser gefielen mir die cantvnesischen Bootsmädchen: hagere, flinke, junge Creatnren mit kleinen sehnigen Händen und Füßen. Sie werden auf dem Flusse geboren und sterben dort, und sie