Heft 
(1881) 295
Seite
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60 Jllust riete Deutsche Monatshefte.

regieren die schmalen schnellen Boote, in denen sie leben, mit erstaunlicher Ge­schicklichkeit und Ausdauer. Viele von ihnen sprechenIll'chon eine

abscheuliche Sprache, die aber den Bor­theil hat, daß sie von Jedermann, der Englisch versteht, mit Leichtigkeit erlernt werden kann. Ich besuchte in Canton viele Tempel und Pagoden. Sie sehen sich so ähnlich wie ein Chinese dem an­deren, und ich konnte ihnen, nachdem ich Hunderte solcher Gebäude gesehen hatte, kein Interesse mehr abgewinnen. Man sührte mich auf dem Fluß in die be­rühmtesten Blumenboote und in der Stadt in die berüchtigtsten Opium- und Spielhäuser. Auch lernte ich viel schöne und große Läden kennen. Ich fand dort dieselben Seidenstoffe, Elfenbeinschnitze­reien, Lack-, Porzellan- und Bronze- waaren, die mir überall, seitdem ich zum ersten Male Fuß auf chinesischen Grund und Boden gesetzt hatte, zum Kauf ange- boten worden waren. Ich hielt mich nun seit geraumer Zeit in China auf, und meine Empfänglichkeit für chinesische Ein­drücke war erheblich abgestumpft. So kam es, daß ich in Canton, vielleicht einer der interessantesten Städte des großen Reiches der Mitte", kaum noch etwas sah, was mir bemerkenswerth erschien. Ich erinnere mich des Gewühls und Ge­dränges in den engen Straßen und des lauten, befremdenden Treibens auf dem Flusse, auf dem dreimalhunderttausend Cantonesen leben sollen. Bootsmädchen mit bunten Tüchern um den Kops und lang herabhüngenden, pechschwarzen Zöpfen winken und schreien, ich möge sie zu einer Fahrt miethen:Für einen Dollar, Herr! für einen halben Dollar!"

Ich stieg in eins der Boote, streckte mich dort bequem aus und ließ mich eine Stunde lang spazieren fahren. Als ich wieder ans Land trat, traf ich am Quai mit einigen französischen Offizieren zu­sammen, die ich in Cochinchina kennen gelernt hatte. Es war zur Zeit des englisch-französischen Krieges gegen China, und eine französische Truppenabtheilung unter dem Befehl des Capitäns zur See Coupvent du Bois hielt Canton besetzt. Die kosmopolitischen Einwohner behandel­ten die siegreichen Feinde ihres Vater­landes mit vollständiger Gleichgültigkeit.

Wir passirten in kleinen Gruppen unbe­helligt die engen Straßen, in denen wir uns einen Weg durch dichte Massen von Chinesen bahnen mußten. Meine Be­gleiter luden mich ein, ihr Quartier, einen alten Tempel, der mitten in der Stadt gelegen war, in Augenschein zu nehmen. Ich folgte ihnen und fand in ihrer Wohnung eine kleine Gesellschaft französischer Offiziere versammelt. Sie saßen in der schattigen Vorhalle des Tempels zwischen zwei riesigen Götzen­bildern und hießen mich als einen alten Bekannten aus Saignn freundlich will­kommen. Vor uns breitete sich ein sorgfältig unterhaltener Garten aus, mit künstlich verkrüppelten kleineil Bäumen von uraltem Aussehen. In der Mitte des Gartens stieg ein dünner Wasser­strahl einige Fuß hoch in die Luft. Es war der kläglichste Springbrunnen, den ich in memem Leben gesehen habe. Er sprang einige Minuten lang, wurde dann allmalig kleiner und schwächer und drohte zu verstechen. Dann aber begannen die Offiziere zu toben und auf Französisch und Chinesisch zu schelten, bis die Fon­taine von Neuem ihre klägliche Thätigkeit entwickelte. Ich erfuhr, daß der Spring­brunnen ein von den Offizieren ausge­führtes Werk war. Das Reservoir eine kleine Tonne stand oben im Tempel, und sobald Besuch erschien, mußten zwei unglückliche Kulis fortwäh­rend Wasser Hinaufschleppen, damit den Gästen zu Ehren diegroßen Wasser" spielen könnten. Ich sprach meine Verwunderung darüber aus, daß man zwei Menschen beschäftige, um ein so winziges Resultat zu erzielen; aber die Offiziere meinten, es wäre doch ganz amüsant, von Zeit zu Zeit einen Spring­brunnen zu sehen; man könne dabei leichter an Versailles, Saint-Clond oder an den Place de la Concorde denken; und die beiden Kulis solle ich nur nicht be­dauern, es wären Faulenzer, denen die kleine Extrabeschäftigung, die man ihnen auferlegte, nur gut thäte. Der Spring­brunnen von Canton ist mir als ein curioses Erzeugniß der Langweile des Garnisonslebens in China im Gedächt- niß geblieben.