Heft 
(1881) 295
Seite
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Lindau: Reise

Macao ist von Canton aus leicht zu erreichen. Ein Dampfboot brachte mich in wenigen Stunden dorthin. Die kleine Stadt, die seit über dreihundert Jahren den Portugiesen gehört, machte aus mich einen überaus angenehmen Eindruck. Dem europäischen Reisenden, der dort zum ersten Male Fuß auf chinesischen Boden setzt, mag sie fremd und sonderbar erscheinen; mich erinnerten die geräumigen und gut gepflasterten Straßen, die große Anzahl von Kirchen, Klöstern und Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden an die Heimath. Die stille, alterthümliche Stadt liegt an einem kleinen Hügel, angesichts vieler kleiner, mit immerfrischem Moos bedeckter Felseninseln; und ihre reinlichen, lustigen, Hellen Häuser spiegeln sich freund­lich in der klaren, von einer fortwähren­den kühlenden Brise sanft bewegten See. Alles athmet Ruhe und Frieden. Die Straßen sind fast leer. Im Hafen wie­gen sich nur wenige Schiffe und Dschun­ken. In den Thorwegen und unter den Bäumen liegen und sitzen müßige Män­ner; um sie herum spielen zerlumpte, lustige Kinder. Der Anblick der nackten, schmutzigen, keuchenden Kulis, der mir in Shanghai, Canton und Hongkong jede Freude an einem Spaziergang verleidete, störte mich in Macao nicht. Auch ent­behrte ich dort gern die sorgenvollen Ge­schäftsgesichter nach Reichthum jagender Thee- und Seidenkäufer und Opiumhändler. Alles ging friedlich und freundlich zu in der nur wenig handelskundigen Portu­giesischen Colonie. Die Wache zog mit Musik auf wie in Dessau und Rudol­stadt. Ich zählte zwanzig Musiker, vier Offiziere und zwölf Soldaten. Letztere waren dunkle, wohlgenährte Burschen mit harmlosen, freundlichen Gesichtern und makellos weißen Beinkleidern. Man sah es ihnen an, daß sie vom Landesherrn, dem Gouverneur, mit großer Sorgfalt und Liebe gehegt und gepflegt wurden. Des Abends spielte die Musik unter den Bäumen, und dann versammelten sich dort alle weißen, gelben und braunen Schön­heiten des Landes. Die Herren der Colonie sind wohl etwas heruntergekom­men, und viele von denen, die ich sah, hatten dumme, aufgedunsene, häßliche, grüngelbliche Gesichter. Aber unter den blassen, schwarzäugigen Portugiesischen

-Erinnerungen. 6l

Mädchen erblickte ich manch hübsches Kind, und die harmonischen Bewegungen der schlanken, in weite Mantillen gehüll­ten Gestalten erinnerten an die iberische Heimath. Die englischen und amerika­nischen Damen blicken zwar mit tiefer Ver­achtung auf die dunklen Töchter Macao's herab, nennen sieMit' en.8t8" und in un­gerechtem Zorn sogar aber es

ist vielleicht sogar etwas Neid in diesem harten Urtheil, denn die jungen Portu­giesinnen werden von vielen Europäern hochgeschätzt und werthgehalten. Auch die chinesischen Mädchen sind in Macao hüb­scher und liebenswürdiger, als ich sie irgend wo anders in China gesehen habe. Einige von ihnen sprechen Portugiesisch oderPidjon"-Englisch.

Man hatte mir in Canton ein englisches Hotelin Macao empfohlen, aber ich fand dort schlechte Aufnahme und zog deshalb in das alte, verfallene portugiesische Oriental-Hotel", wo mir die wohlge­nährte Wirthin ein schönes kühles Zimmer anwies, in dem ich drei Wochen lang die angenehmsten Ruhetage zubrachte, die ich überhaupt in China verlebt habe. Ich pflegte des Morgens in aller Frühe ein kleines Boot zu nehmen und in das Meer hinauszufahren, um dort zu baden. Während des warmen Tages blieb ich in meinem halbdunklen, wunderbar stillen Zinimer mit prachtvoller Aussicht auf die grünen Hügel und das blaue Meer und beschäftigte mich abwechselnd und angenehm mit Lesen, Schreiben, Rauchen, Essen, Theetrinken und Schlafen; und in der Abenddämmerung machte ich lange Pro­menaden auf den malerischen Klippen von Macao. Ich kannte keinen Menscheu in der Stadt, und der Zufall führte mich eines Tages nach einem freistehenden kleinen Felsen, dessen Gipfel ich auf einem gut unterhaltenen Fußsteg erreichte. Dort fand ich ein häßliches hölzernes Brustbild ans einem einfachen Piedestal errichtet; darunter standen einige Verse und eine Inschrift, aus der hervorging, daß ich das Bildniß Camoöns' vor mir habe, der hier im Jahre 1560 sein großes Epos, Die Lusiaden", vollendet habe.

Ein anderes Mal brachte mich mein Weg nach einem schönen Platz dicht am Meere, in der Nähe einer verlassenen chinesischen Pagode, wo vier alte, große