Heft 
(1881) 295
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

indische FeigenbäumeTausendenvon Vögeln Asyl gaben. Der Ort gefiel mir so wohl, daß ich am nächsten und wahrend der folgenden Tage dorthin zurückkehrte. Eines Abends, als ich mich der Pagode näherte, erkannte ich schon von Weitem, daß ein Anderer meinen gewöhnlichen Sitz einge­nommen hatte. Es war ein junger Portu­giesischer Offizier in koketter Uniform, der meinen Gruß höflich erwiderte und mich einlud, neben ihm Platz zu nehmen. Ich hatte seit mehreren Tagen kaum Gelegen­heit gehabt, mit einem civilisirten Menschen zu sprechen denn mein alter portugie­sischer Wirth konnte nicht für einen solchen gelten und gesellte mich gern zu dem ar­tigen Offizier. Er war sehr redselig, und ich erfuhr einen guten Theil seiner Lebens­geschichte, noch ehe ich die Cigarre zur Hälfte ausgeraucht, die ich mir angefteckt, als ich mich zu ihm gesetzt hatte. Er er­zählte mir, er habe in Lissabon etwas leichtsinnig gelebt, und sein Vater, der unglücklicherweise ein einflußreicher und strenger Mann sei, habe ihn nach Macao versetzen lassen, damit er, der Sohn, Muße habe, in der Stille des einförmigsten aller Garnisonsleben über seine vergangenen Sünden nachzudenken. Er versicherte, er gebe sich dieser ebenso heilsamen wie wenig reizvollen Beschäftigung seit vollen acht­zehn Monaten hin und tonne sich nun als ein gründlich gebesserter Mensch betrachten. Er habe deshalb um seine Begnadigung gebeten, und da fein Gesuch von den besten Zeugnissen des Gouverneurs unter­stützt sei, so dürfe er sich der Hoffnung hingeben, bald nach Europa zurückbernfen zu werden. Am Tage seiner Abreise beab­sichtige er, ein großes chinesisches Frenden- feuerwerk abbrennen zu lassen.

Als wir den Heimweg antraten, lud ich ! Dom Miguel ein, mit mir imOriental- ! Hotel" zu essen, was er bereitwillig an­nahm, unter der Bedingung, daß ich ihm das Vergnügen machen würde, am näch­sten Tage mit ihm zu speisen. Wir wur­den darauf schnell ganz gute Freunde, und er widmete mir während der fol­genden Tage, einen großen Theil seiner zahlreichen Mußestunden, um mich in alle Geheimnisse von Macao einzuweihen. Eines Abends führte er mich auch in die zu Ehren desMarien-Monats" hell erleuchtete Kathedrale. Die Frauen , die

ich dort zahlreich versammelt fand, trugen schwarze oder buntfarbige Mantillen, die vom Scheitel bis über die Kniee herab­fielen und ihnen ein nonnenartiges Aus­sehen gaben. Stühle waren in der Kirche nicht vorhanden. Eine jede der Beterinnen hatte einen kleinen Teppich mitgebracht, auf den sie sich knieend niederließ. Das reine, Helle, stark gesteifte Kleid bildete dabei einen weiten Kreis um die Figur. Die Männer standen an den Pfeilern angelehnt oder saßen auf hölzernen Bän­ken am äußersten Ende der Kirche. Die Frauen sowohl wie die Männer waren mit Fächern versehen, die während des ganzen Gottesdienstes in ununterbrochener Bewegung blieben.

Eines Sonntags, als ich mit meinem neuen Freunde am Quai stand, um die Passagiere landen zu sehen, die mit dem Dampfschiff von Hongkong herübergekom- meu waren, erblickte ich unter den An­gekommenen einen Bekannten, einen jun­gen Holländer, Namens Eduard S., mit dem ich mehrere Reisen gemacht und den ich wegen seines eigentümlich gelassenen, sicheren Wesens, das bei seiner großen Jugend komisch und noch mehr rührend wirkte, liebgewonnen hatte. S. war damals fünfzehn oder sechzehn Jahre alt und lebte schon seit geraumer Zeitfür- eigene Rechnung und Gefahr", wie er sich ausdrückte. Er nickte mir vom Stege aus wohlwollend zu und wandte sich dann nach einem großen Neufundländer Hund zurück, der ihm angehörte, aber im Landungsboote geblieben war und nun ins Wasser sprang, um seinem Herrn zu folgen. Ich machte den jungen Holländer mit Dom Miguel bekannt, und wir verabredeten, zu Drei zu Mittag zu essen. S. erzählte mir, er sei in wichtigen Geschäften von Aokvhama, wo er ein Handelshaus gegründet habe, nach Hongkong gekommen und beabsichtige, mit dem nächsten Steamer, in drei oder vier Tagen, nach Japan zurückzukehren. Da er in Hongkong nichts mehr zu thun gehabt habe und es dort sehr heiß gewesen, so fei er auf achtundvierzig Stunden nach Macao herübergekommen, um den Ort, den mau ihm sehr angepriefen habe, aus eigener Anschauung kennen zu ler­nen. Der kleine Mann mit den klaren blauen Augen und dem kindlichen Munde, dem man einen Vater oder eine Mutter