Heft 
(1881) 295
Seite
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Lindau: Reise

zur Seite gewünscht hätte, der aber den harten Kampf ums Leben auf eigene Faust so früh und so tapfer begonnen hatte, er­klärte mir dies mit dem Ton eines gereif­ten Mannes, der in seinem Leben ernsten Geschäften sowohl wie erlaubten Vergnü­gungen den ihnen gebührenden Theil zu­zumessen weiß.

Nach dem Essen, das wir gegen vier Uhr einnahmen, führten Dom Miguel und ich unseren kleinen Freund nach unserem Liebtingsplatze, der alten chinesischen Pa­gode. Wir gingen dabei eine kurze Weile am Meere entlang. Der Neufundländer Hund folgte uns; aber von Zeit zu Zeit trat er einige Schritte vor und warf sei­nem Herrn sehnsüchtige Blicke zu. Das Benehmen des Hundes war so auffallend, daß ich S. fragte, was es zu bedeuten habe.

Es ist ein junges Thier," erklärte der reife Mann von sechzehn Jahren,und es spielt gern. Wenn ich mit ihm spazieren gehe, so werfe ich ihm manchmal ein Stück Holz ins Wasser, das er dann apportirt. Er bittet nun, ich möchte ihm dies Ver­gnügen verschaffen."

S. bückte sich, nahm ein Stück Holz auf, das im Sande lag, und warf es ins Meer. Der Hund stürzte sich mit freu­digem Geheul ins Wasser, fischte das Holz auf und trug es ans Land, schüttelte sich dort zunächst und legte sodann den Fund zu Füßen seines Herrn nieder. Da­rauf sprang er vor dem Holzstück hin und her, nahm es in die Schnauze, ließ es wieder fallen, sah uns mit den freundlich­sten Blicken an und trieb es so arg, daß ich mich seiner erbarmte und ihm znin zweiten Mal etwas zu apportiren ins Meer warf. Darauf wiederholte sich die­selbe Scene, die ich soeben beschrieben habe, mehrere Male. Jeder von uns warf dem Hunde das Holz ins Wasser, bis fein Herr befahl:Genug, Ducky! ruhig! kusch dich!" Ducky gehorchte traurig.

Lassen Sie doch dem Thier sein Ver­gnügen," sagte der gntmüthige Dom Miguel.

Da hätte ich viel zu thun," erwiderte S.Ich könnte hier den ganzen Tag stehen und ihm Holz zuwerfen, und er würde immer noch verlangen, daß ich mich mit ihm beschäftige."

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Nein," meinte Dom Miguel,so schlimm kann es nicht fein. Ducky würde bald müde werden. Es erfordert eine nicht geringe Muskelanstrengung, durch die Brandung zu schwimmen; und dann ist auch zu berücksichtigen, daß das Thier jedesmal, wenn es nach dem Holze schnappt, eine große Masse Salzwaffer einschluckt."

Muskelanstrengung Salzwasser!" meinte S.Ducky macht sich aus alledem nichts. Wenn Sie es probiren wollen, so thun Sie es nur. Der Hund steht Ihnen dazu von heut' bis übermorgen zur Ver­fügung."

Das würde ein paffender Gegenstand zu einer Wette sein," sagte ich.

Die proponire ich gern," unterbrach Dom Miguel.Was gilt's? Ein Diner?"

Gehalten!" antwortete S.

Wir stellten darauf die einfachen Be­dingungen der Wette fest.

Am nächsten Morgen erschienen wir pünktlich auf dem Kampfplatze. S. hatte mehrere Stücke Holz mitgebracht, die er neben sich auf die Erde legte und die Ducky mit liebevollen Blicken betrachtete.

Es war zu Ende des Monat Mai. Der Tag versprach heiß zu werden. Kein Wölkchen stand am Himmel, und die ersten Sonnenstrahlen, die uns trafen, genügten bereits, um die Luft bemerkbar zu er­wärmen. Dom Miguel zog sich Rock und Weste aus. Ich sah nach der Uhr und sprach die saeramentalen Worte:

Oll'!" (Fertig? Los!)

Der Offizier warf das Holz ins Wasser, und Ducky brachte es ihm triumphirend zurück. Ein zweiter, dritter ein zwan­zigster, dreißigster Wurf!- Dreiviertel Stunden waren dahingegangen. Dom Miguel wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ducky stand drei Schritte vor ihm mit halboffenem Munde, die Augen leidenschaftlich erregt auf das Stück Holz gerichtet, das sein Gegner in der Hand hielt. Der Kampf dauerte fort und fort. Ich war müde geworden und hatte unter einem Baume, der dicht am Meere stand, Schatten und Kühle gesucht. S. gesellte sich zu mir. Am Ufer standen die Duellanten, aber nicht mehr in gleicher Weise gefechtbereit.

Es war zehn Uhr. Der Kampf währte seit nahe an vier Stunden. Die Sonne