Lindau: Reise
Japan.
Neffe von Shanghai nach Aagajacki. Ankunft in Nagasacki.
Ich hatte Shanghai am 23. August 1861 verlassen und langte am 2. September nach einer stürmischen Ueberfahrt, die volle zehn Tage gedauert hatte, vor dem Hasen von Nagasacki an. Dort, in einer Entfernung von etwa zwanzig englischen Meilen vom Ziele meiner Reise, fiel der Wind, der bis dahin frisch geweht hatte, so daß der „Tilton" bald darauf mit schlaff herabhängenden Segeln unbeweglich auf der ruhigen blauen See dalag. Als die Windstille nahe an vierundzwanzig Stunden gedauert hatte und der Capitän immer noch kein Anzeichen bemerkte, das eine Aenderung des Wetters wahrscheinlich gemacht hätte, verlor ich die Geduld.
Rings um den Schoner wimmelte es von kleinen Fischerbooten; einige hatten sich uns bis auf wenige Schritte genähert, um uns Fische zum Verkauf anzubieten. Ich verstand genug Japanisch, um ein einfaches Anliegen Vorbringen zu können, und hatte mich bald mit einem der Boots- sührer geeinigt. Er übernahm es, mich für die bescheidene Summe von einem Jtzebu -- ungefähr zwei Mark — nach Nagasacki zu führen. Ich packte darauf einige Toilettengegenstände in meine Reisetasche, um im Nothfall meine Koffer, die ich an Bord des „Tilton" ließ, zwei oder drei Tage entbehren zu können, sagte dem Capitän Adieu, versprach, ihn in Nagasacki bei seinem Consignator anzumelden, und ließ mich dann in das Boot hinunter, in dessen Vordertheil ein bequemer Sitz für mich eingerichtet worden war.
Die Bemannung des Bootes bestand aus sechs jungen Fischern, die sich mit großer Energie auf die schweren Ruder legteil, sobald ich ihnen bedeutet hatte, sie könnten sich nun aus den Weg machen. Sie waren beinahe vollständig nackt, mittlerer Größe, rothhäutig wie amerikanische Indianer, kräftig und wohlgebaut, sehr unähnlich in dieser Beziehung den Japanern aus vornehmen Familien, die man in Europa antrifft und voll denen die meisten eine hellere Hautfarbe und weit schlechtere und schwächlichere Figuren haben als ihre abgehärteten, zähen Lands- !
Monatshefte, N. 295 . — April 1881. — Bierte F
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leute, die Jahr ein, Jahr aus auf der See leben und ein Gewerbe treiben, das die Entwickelung aller Muskeln außerordentlich begünstigt. — Ich sah den Bootsleuten eine Weile zu. Sie arbeiteten tapfer, und das kleine scharfe Fahrzeug wurde von ihnen rasch durch das Wasser getrieben. Doch schien es mir, wenn ich mich wieder orientiren wollte, als kämen wir uur langsam vom Fleck. Der große „Tilton" lag noch immer in geringer Entfernung hinter mir, und auf dem hohen Ufer von Kiusiu konnte ich nichts erkennen als dieselben großen Linien der Berge, die auch aus dem „Tilton" schon klar und deutlich vor mir gestanden hatten. Ich beugte mich aus dem Boote auf das Wasser hinab, so daß ich nur den blauen glitzernden Spiegel sehen konnte. Er erschien mir grenzenlos, und es war mir, als triebe ich auf einer unermeßlichen Wasseröde. Nach einigen Stunden der einförmigen Fahrt wurde ich schläfrig. Einer der Fischer war mir be- hülflich, aus meinem Sitze ein Lager zu machen. Ich streckte mich darauf aus und schlief fest ein. Als ich wieder erwachte, war es dunkel geworden. Im Vordertheil des Bootes hatte man eine große Laterne ans Papier angezündet. Bei dem schwachen Lichte, das sie um sich verbreitete, sah ich die sechs Fischer noch immer unermüdlich bei ihrer Arbeit. Die dunklen Körper beugten und hoben sich langsam und regelmäßig wie Maschinenwerk bei jedem Schlag der langen, schweren Ruder. Die Leute lachten gutmüthig, als sie sahen, daß ich mir die Augen rieb, und machten mir verständlich, daß ich drei volle Stunden geschlafen habe, aber daß wir nun auch bald, in einer Stunde etwa, in Nagasacki sein würden.
Ich will hier bemerken, daß die japanische Sprache, deren gründliches Studium dem Philologen große, fast unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet, den! Touristen bald geläufig wird, wenn er sich, wie dies gewöhnlich der Fall ist, auf Sprachforschungen gar nicht einläßt, sondern zufrieden ist, sich über die gewöhnlichsten Angelegenheiten und Lebensbedürfnisse mit seiner japanischen Umgebung ungefähr verständigen zu können. Wenn man einige fünfzig Phrasen und vielleicht zweihundert ! Vocabeln im Kopfe hat, so bedarf es nur olge, Bd. Vl. 31. 5