66 Jllustrrrte Deutsche Monatshefte.
noch eines einigermaßen intelligenten Zuhörers, um so ziemlich Alles ausdrücken zu können, was für einen primitiven Hausbedarf nothwendig ist. Die japanischen Worte sind reich an breiten reinen Vocalen, die jeder Europäer mit Leichtigkeit richtig anssprechen lernt, und die japanische Sprache klingt sehr hübsch, besonders wenn man sie von den artigen, freundlichen Mitgliedern der besseren Classen sprechen hört.
Gegen zehn Uhr Abends passirten wir den engen Canal, der die Schwesterinseln Jwosima, die sich am Eingänge der Bai von Nagasacki befinden, von einander trennt; bald darauf fuhren wir an der kleinen Insel Papenberg vorbei, auf der gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine Massenermordung japanischer Christen stattgefnnden haben soll; und um elf Uhr endlich, acht Stunden, nachdem ich den „Tilton" verlassen hatte, setzte ich in Oora, der Vorstadt von Nagasacki, in der sich die Fremden seit 1859 niedergelassen haben, Fuß aus japanischen Boden. — Ich kannte die Gewohnheiten meines alten Freundes, des amerikanischen Con- suls John Walsh, des jüngeren Bruders von Thomas Walsh in Shanghai, und wußte, daß ich ihn trotz der späten Stunde doch nicht stören würde. Ich nahm also meinen Reisesack, lohnte den Bootssührer ab und stieg auf einer bequemen Treppe den kleinen Hügel empor, auf dem Walsh's Bungaloo gelegen war. Von Weitem schon sah ich, daß die Veranda noch hell erleuchtet war; und als ich mich dem Hanse genähert hatte, hörte ich, daß man sich dort noch eifrig unterhielt. Ich rief Walsh beim Namen, denn ich wollte nicht unangemeldet in den Hof treten, da ich nicht ganz sicher war, von Tiger, Walsh's großer Dogge, nach achtzehnmonatlicher Abwesenheit als ein guter Freund wiedererkannt zu werden.
„Halloh! — Wer ist da?" tönte Walsh's Stimme.
Ich nannte meinen Namen. — Darauf freundliches Rufen.
„Herein! herein mit Ihnen! — Tiger, sei ruhig!"
Walsh kam mir an den: großen Thorweg entgegen, den der Monban (Portier) geöffnet hatte, und hieß mich ans das herzlichste willkommen. Tiger beschnüffelte
mich lange und aufmerksam und drückte dann seinen großen Kopf an mich, um sich von mir streicheln zu lassen. — Ich fühlte mich wohl, als wäre ich nach Hanse znrückgekehrt, und meine ersten Worte waren:
„Ich komme von Shanghai; das ist ein abscheulicher Ort! Ich lobe mir Nagasacki!"
Nachdem ich darauf eine Menge Fragen über gemeinschaftliche Freunde in Shanghai beantwortet und erklärt hatte, auf welche Weise ich allein angekommen sei, wurde ich in dasselbe niedrige, kleine, mit reinen japanischen Matten bedeckte Zimmer geführt, das ich im Jahre 1859 bereits bewohnt hatte und in dem mich ein kolossales, mit Mosquito - Gardinen versehenes Ningpo-Bett gastlich zur Ruhe einlnd. Auch derselbe Kotzkoi (Diener), dessen Reinlichkeit und stilles gewandtes Wesen noch von meinem ersten Besuche her in guter Erinnerung bei mir war, kam mir dort entgegen, ließ sich ans die Kniee nieder, berührte den Boden mit der Stirn und begrüßte mich mit der üblichen freundlichen Begrüßungsformel: „8in<Mt6 allinAitto!" („Für ehemals" — d. h.: für alte erwiesene Gutthaten — „Dank!") — Es ist erfreulich, auf diese Weise bewillkommnet zu werden, zu hören, daß der Mensch, den man gern wiedersieht, eine dankbare Erinnerung der alten Beziehungen zu ihm bewahrt hat. Ich fühlte mich geneigt, dem braven To die Hand zu geben; aber ich erinnerte mich noch rechtzeitig, daß eine so unerhörte Familiarität ihn nur befremdet haben würde, und begnügte mich damit, ihm einige freundliche Worte zu sagen, denen er, so schlecht japanisch sie auch sein mochten, mit einer Art zerknirschter Freude zu lauschen schien; denn er athmete tief und hörbar ans, als könne er sich vor Ehrerbietung kaum fassen. — Das war im Jahre 1861, und der alte Kotzkoi hatte erst einen fremden Herrn gekannt, und zwar einen sehr guten. Seitdem hat sich dies Alles geändert. Die Japaner, denen die „Pioniere der Civilisation" nicht immer ein gutes Beispiel in Bezug auf Höflichkeit und Sitte gegeben haben, sind diesen gegenüber sehr dreist geworden, und es bedarf nicht selten großer Strenge, um Untergebene in Ordnung zu halten,